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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-11 · Heft 41 (11.10.1901) · p. Seite 490

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 41 (11.10.1901)
Date
1901-10-11
Page
Seite 490 (sequence 12)
Language
German
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490 Der Fremde hört nicht das um ihn her'erschallende Lachen und die losen Reden des lustigen Beresch, dem der Schalk im Nacken sitzt; seine Seele weilt fern von hier, und ans den eingefallenen Zügen spricht eine so eisige Hoffnungslosigkeit, eine so herzergreifende Trauer, wie man sie selbst hier auf Erden selten trifft, wo das Leid so alltäglich ist. Aber aus diesen in herbem Schmerz erstarrten Zügen glüht ein dunkles, flammendes Augenpaar, mit dem ganzen leidenschaftlichen Feuer unerschütterlichen Glaubens geil Himmel gerichtet, indes; seine Lippen Lobespsalmen murmeln, als wollte er die Pforten des Himmels gewaltsam stürmen, um seinen Gott und Schöpfer zunr Erbarmen zu zwingen. Die altersmorsche Uhr des Krankenhauses kündet mit heiserem Rasseln die zweite Nachmittagsstunde, und der dumpfe Klang der geborstenen Glocke zeigt die ungeduldig herbeigesehnte Stunde an, da des Krankensaales Kerkerthüren sich öffnen und ein freier Luftzug der Außenwelt zu den Kranken dringt, um ihnen Kunde zu bringen von den außen Weilenden. An Wochentagen freilich drücken nur Wenige die rostzerfressene Thürklinke, denn die Gemeinde ist arm, und die Bewohner müssen tagsüber von Dorf zu Dorf meilenweit wandern, um gegen bunte Bänder und Flitterkram, blumengeschmücktes Briefpapier, beinerne Taschenmesser und thönerne Pfeifen von den Bauern Wolle, Getreide oder Felle zu erhandeln, die sie dann au den Wochenmärkten für klingende Münze verkaufen. Aber heute, am heiligen Neujahrstag hat Jeder Zeit, die Mizwa des Krankenbesuchens auszuüben, was übrigens die interessanteste Programmnummer der feiertäglichen Zerstreuung des kleinen Städtchens ist. Schwarzlockige, langbärtige Männer mit blitzenden Augen in weiten, schwarzseidenen Röcken, feiertäglich geputzte Frauen mit glatten Scheiteln und dem Festtag zu Ehren reingewaschene, glattgekämmte und sauber gekleidete Kinder bevölkern bald den weiten Raum. Jeder hat theilnehmende Verwandte und Freunde; kein Sessel bleibt leer; der Raum füllt sich mit pulsirendem Leben, mit immer lauter anschwellendem Summen, mit leisem Geflüster und verhaltenem Gekicher. Auch die vielgeschmähten Enkel des alten polnischen Juden sind nicht fern geblieben und haben den herzerfreuenden und sorgenbrechenden Labetrunk nicht vergessen, den der alte Großvater hüstelnd und scheltend wohl, aber mit sichtlichem Wohlbehagen kostet und zufrieden mit der Zunge schnalzt, was den muthwilligen Beresch Hirsch zu der spöttischen Bemerkung reizt: „Reb Menasse lernt jetzt chassidische Gemore. Schma Beni, wie er die Geheimnisse und Wunder der Kabala in sich aufnimmt. Ja, so viel Wissen kann man nur im chassidischen Beth Hamidrasch lernen. Dort machen die Melamdem Tag und Nacht diesen Zaubertrank; freilich wird einAmhorez, ein schlechter Mensch sagen, daß es nor ganz gemeiner Schnaps is, von was ihr Verstand so leuchtend wird wie der des Mosche rebenu am Berg Sinai. Kein Wunder, daß aus der chassidischen Jeschiwe so viel große Gemoregelehrte herauskommen. Wie er lernt, Reb Menasse! lernt! Heißt mer e Lamden!" An dem Bette des jungen Bochers sitzt ein kaum achtzehnjähriges junges Weib, aber ans dem schmalen Kindergesicht spricht die Sorge um das tägliche Brod, die drückende, lähmende Sorge, welche die junge Blüthe schon in der Knospe geknickt hat. Die feurigen Augen umflort ein Thränenschleier von den rosigen Wangen haben Entbehrung und schwere Arbeit den Schmelz abgestreift, und die elastische Schlankheit der Jugend ist längst formloser Schwerfälligkeit gewichen, seit sie den zwei Kindern das Leben gegeben, die, sich an Mütterchens Kleiderfalten krampfhaft festklannnernd, mit vollen Backen den gar selten genossenen Festtagskuchen kauen und sich scheu den Liebkosungen des kranken Vaters entziehen, zu dem sie mit banger Ehrfurcht empvrblicken. Denn das zarte, engbrüstige, junge Frauchen erzählte stets des Abends, wenn sie von schwerer Tagesarbeit ruhet, ihren Kleinen gar herrliche Wunderdinge von dem gelehrten Vater, der, hoch über der Prosa des Broderwerbes und der materiellen Sorgen stehend, fern von ihnen ans derBeltzerJeschiwa auf den ewig blühenden Gefilden der heiligen Lehre wandelt und in stillen Mitternachtsstunden mit Gott dem Herrn voir Angesicht zu Angesicht redet. Und indeß sie erzählte, strahlten ihre blassen Züge in überirdischem Glanze, und sie vergaß, daß sie tagsüber in Hitze und Kälte von Haus zu Haus ihre Waare anbieten muß, um für sich und die Kinder das karge Abendbrot» zu beschaffen. Und jetzt an dem Bett des kranken Vaters mag der kraushaarige kleine Junge wohl jenes Winterabends gedenken, da die Mutter mit leeren Händen heimgekehrt war und die knurrenden kleinen Kindermagen wieder und immer wieder damit zu beschwichtigen suchte, daß sie ihnen Wunderdinge von des Vaters hoher Weisheit zählte, der sogar mit Gott selber Zwiegespräche hielt. „Aber Mutter", hatte der Kleine mit der naiven Selbstsucht seines unschuldigeil Kinderherzens gefragt, „wenn der Vateralle Tag mit Gott redet, warum bittet er ihn nicht, daß er uns alle Tag satt zu essen giebt?" Armes Mütterchen, wie zornig war sie damals gewesen, und hatte ihn einen kleinen, dummen Jungen geheißen, der immer nur ans Essen denkt; als ob der Herrgott nicht selber am besten wüßte, was Jeder braucht, und giebt er's Einem in seiner allerhöchsten Weisheit und Güte nicht, so weiß er, warum er's thut, und wir Menschen müssen uns in seinen heiligen Willen ergeben. Der kleine Rnben hörte verdutzt die Strafpredigt an, denn über die welken Rosenwangen der jungen Mutter rollten zwei schwere Thränen in Begleitung des eindringlichen Tadels; aber sein kleines Kindergehirn warf die einmal laut gewordene Frage noch öfters ans. jedesmal wenn sein gesunder Appetit sich durchaus nicht mit der dünnen Brodschnitte deckte, was^mehr denn einmal der Fall war. Dankbaren Gemüthes blickt er nun, an dem Kuchen knabbernd, zu dem Vater auf, der aus dem Füllhorn göttlicher Gnade auch ihneu heute so viel gute Bissen bescheert hat. Jedem Kranken wird ein warmer Sonnenstrahl liebevoller Tröstung, nur an dem Bett des Fremden steht der Sessel leer. Kennt ihn ja hier Niemand. In weiter Ferne liegt sein Heim. Sein Heim? Ist es wirklich ein Heim, das Haus, in dessen liebeleerer Atmosphäre er erstarren müßte, wenn er nicht das ganze Jahr hindurch, von Jeschiwa zu Jeschiwa wandernd, sich am ewigen Sonnenschein der heiligen Lehre Herz und Seele erwärmte! Nein, er hatte ein Heim! Er ist allein, ganz allein. Allein? Ist denn Gott nicht mit ihm? Und der einsame Kranke schließt die Augen, und seine schmalen, blassen Lippen flüstern andächtig: „Haschomajim mechaprim."

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