Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1901)
- Date
- 1901-10-11
- Page
- Seite 485 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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48b wren, Herr Ferdinand Jacobsohn-Hamburg, durch schwere Krankheit am Erscheinen verhindert sei, dankte er den staatlicheil und städtischen Behörden, den Freunden und alten Schülern für ihre Theilnahme am Feste und gab in prägnanter, fesselnder Darstellung ein Bild von er Entstehung und Ausgestaltung des Instituts. Nach dem ersten Blaue war dasselbe als Neligions- und Industrieschule für arme Mische Knaben gedacht mit dem ausgesprochenen Zweck, durch Heranbildung derselben zu Handwerk und Ackerbau eine Annäherung Mischer Kreise an die christliche Bevölkerung zu erzielen. Infolge er sich darbietenden Schwierigkeiten ging der Lehrplan sehr bald aou dem einer Industrieschule in den einer Volks- und Bürgerschule über, die im Jahre 1805 schon 64 Zöglinge zählte, von denen die älfte freie Pension und freien Unterricht einschließlich der Unterchtsmittel genoß?) Auf wiederholte Wünsche, die von christlicher -eite an die Schule herantraten, wurden im Jahre 1807 zum ersten Ttale auch Söhne christlicher bemittelter Eltern als Pensionäre in die mstalt ausgenommen, die schon vorher einige Stadtschüler zählte. Ter Stifter nahm infolge dieser für ihn hocherfreulichen Erscheinung Veranlassung, ganz im Geiste seines ursprünglichen Planes zu Verzügen, das; künftighin immer ein Theil der Freistellen an christliche - naben vergeben werden sollte. Der Redner schilderte weiterhin n wohl den Entwickelungsgang der Schule, die allmälig den Charakter mer Realschule annahm, als auch den des Alumnats an der Hand c'nes reichen Zahlenmaterials, das auch den jeweiligeil finanziellen tand der Anstalt klar darlegte. Diese Auseinandersetzungen wurden durch eine formvollendete und i hwnngvolle Ansprache des Direktors ergänzt, die den Zuhörern die istigen Strömungen, welche Gründung und Werdegang der Schule i einflußt haben, vor die Augen führte. Der Aufschwung des geistigen bens in Deutschland, durch die Großthaten Friedrich des Zweiten i ud durch die literarischen Vorläufer der französischen Revolution cuährt, machte sich nicht zum mindesten aus braunschweigischem öden geltend, wo Lessing seinen „Nathan" dichtete, und wo der Verzog Karl Wilhelm Ferdinand durch Berufung Campes die Schule!! Geiste der Philanthropisten zu gestalten versuchte. Das Licht der i neu Zeit drang, insbesondere durch die Bestrebungen eines Mendels- > yn, auch in die engen Gassen des Ghetto. Mendelssohn war es, aus l in Jacobson seine ersten Anregungen schöpfte, und der Einfluß der jilanthropisten ist in dem ersten Lehrplan nicht zu verkennen. Wie Te Entwickelung der deutschen Pädagogik im 19. Jahrhundert auf die acobsonschule wirkte, wie auch die Politische Umgestaltung Deutsch- Tnds sie beeinflußte, bildete den weiteren Inhalt der Rede, die mit c uer ernsten Mahnung an alle Glieder der Schule schloß, die geistigen - ld sittlichen Ideale der Schule festzuhalten und zu pflegen. Herr chulrath Dauber überbrachte daraus in markigen Worten die Glückwünsche des herzoglichen Ministeriums und der herzoglichen Ober-! ulkommission. Hieran reihten sich beglückwünschende Ansprachen Tr Vertreter der Kreisdirektion zu Gandersheim, des städtischen M agistrats, der Geistlichkeit, der Bürgerschule und des Gandersheimer ogymnasiums. Einer der Kuratoren der Samsonschule in Wolfenl itel, Herr Rechtsanwalt Dr. Magnus, gab den Glückwünschen des l iratoriums Ausdruck, unter Hinweis aus das freundschaftliche Zu- > nimenarbeiten beider Schulverwaltungen, das im Geiste der durch > rwandtschastliche Bande verknüpften Stifter immer fortbestanden! be. Herr Direktor Professor Dr. Tachau-Wolfenbüttel überbrachte i n Allschluß daran die Glückwünsche der Samsonschule selbst und erwnerte in seiner Ansprache an Jochanan b. Sakkai, der nach der : rstörullg des Tempels von Titus die Erlaubniß zur Begründuug les Lehrhauses erbat, in der richtigen Erkenntniß, daß die Schule r unvergängliche Vereinignngspunkt werden müßte, den der verl mgliche Tempel nicht mehr bilden konnte. Immer habe in den i dischen Gemeinden neben dem Vethems das Lehrhaus seinen Platz s ninden. als ein Zeichen der Bedeutung, die die Schule im jüdischen Tben besitze. Nachdem noch Herr Direktor Dr. Heinitz, früher Lehrer an der wobsonschule, den Glückwünschen der voll ihm geleiteten Mosseschen l Biehungsanstalt (Wilmersdorf bei Berlin) warmen Ausdruck gegeben So sind noch heute die Freistellen beschaffen. Die Zahl der- ' lben beträgt jetzt 37 neben 110 Pensionären, von denen noch 39 die Vergünstigung einer Halbfreistelle besitzen. Im Ganzen hat die Schule üt ihrem Bestehell 523 Freizöglinge ausgebildet. hatte, überreichte Herr Professor Fels-Hamburg namens der Vereinigung ehemaliger Jacobsonschüler in Hamburg eine von ihm verfaßte und von dem Verein in geschmackvoller Ausstattung herausgegebene Festschrift über Israel Jacobson. Der Ertrag aus dem Verkauf der Schrift soll dem sogenannten Jubelfonds zur Errichtung von Freistellen an der Jacobsonschule zufließen. Endlich gab der Direktor der Versammlung Kenntniß von einem Schreiben der drei Kuratoren, laut welchem dieselben der Schule den Betrag voll 30 000 Mark überweisen, über deren Verwendung nähere Bestimmung Vorbehalten bleibt. Nach Schluß der Feierlichkeit begaben sich Lehrer, Schüler und Gäste in festlichem Zuge nach der Schützenhalle, in deren weiten Räumen über 500 Theilnehmer zu einem Bankett sich vereinigten. Herr Schnlrath Dauber eröffnete dasselbe durch einen Trinkspruch auf Kaiser, Reich und Regenten. Erliste und heitere Toaste begleiteten die Mahlzeit. Besonderes Aufsehen erregte die Ansprache eines 91 jährigen früheren Schülers. Herrn Fischer-Göttingen. der den Stifter und die ersten Lehrer der Allstalt noch persönlich gekannt hatte. Nach Beendigung des Festmahls begaben sich die Theilnehmer in die Turnhalle zurück, wo voll Schülern der Anstalt und einigen jungen Damen ein Festspiel aufgeführt wurde, das Herr Direktor Dr. John in Braunschweig, früher Lehrer der Anstalt, für das Jubiläum verfaßt hatte. Das voll warmer Liebe für die Schule getragene und in schwungvollen, gedankenreichen Versen allsgearbeitete Stück führt zunächst in die ärmliche Stube eines braven Handelsjuden, dessen Sohn Baruch der Stifter als einen ersten Schiller für seine Anstalt gewinnt, nicht ohne heftigen Widerstand des warmsühlenden, aber in starrer Rechtglänbigkeit befangenen Rabbi und nicht ohne ernste Zweifel des eineinfachen Vaters, während die höher geartete Mutter und der Sohn iil den Worten Jacobsolls die Offenbarung einer neuen Zeit ahnen. Der zweite Theil des Stückes spielt im Jahre 1815 im Arbeitszimmer der Jacobsollschule und zeigt humorvoll die gemeinsame Arbeit voll Lehrern und Schülern. Jener Baruch, den Jacobson als Zögling in seine Anstalt ausgenommen, ist inzwischen Lehrer an derselben geworden ulld, dem Rufe des Königs folgend, in den Krieg gezogen. Von den Schülern mit Ungeduld erwartet, kehrt er zurück als ein Held und als Repräsentant einer neuen Gelleration, die durch Bildung und Tugend den Anspruch auf Gleichberechtigung erheben kann und sie zu werben im Stande ist. Den Schluß bildet eine allegorische Darstellung, die in die Zeit des Festes verlegt ist. Der Genius der Schule, bang ob des Bestandes seiner Errungenschaften, wird vom Gellins der Zeit getröstet, durch Hinweis auf die kurze Spanne, die ein Jahrhundert darstellt. Der Geist des Materialismus versucht den Genius an sich zu ziehen. Er flüchtet sich zur Humanität, die ihm ihren Schutz verheißt und ihm als einem ihrer liebstell Kinder eine Ehrenkrone aufsetzt, während im Hintergründe Schüler das Bild des Stifters bekränzen. Die wohlgelungene Aufführung des vortrefflichen Festspiels erregte brausenden Beifall der Anwesenden, der sich in wiederholten Hervorrufen des Verfassers kundgab. Ein ungezwungenes Beisammensein, bei dem die jüngere Generation sich dem Tanz widmete, endete den inhaltsreichen Festtag. Am nächsten Vormittag vereinigten sich die noch nicht abgereisten Gäste zu einem Frühstück im Kurhotel des „Grünen Jäger". Nach Verlesung zahlreicher Telegramme und Glückwunschschreiben folgten einige kurze Ansprachen. Unter anderem berichtete Herr Blumann- Hamburg, daß vom Hamburger Verein ehemaliger Jacobsonschüler eine Sammlung zu Gunsten des Jubelsonds^. (zur Errichtung von Freistellen) eingeleitet worden sei, die schon namhafte Beiträge ergeben habe. Er hoffe aber, daß die Festtheilnehmer die Agitation für diese gute Sache mit sich Hillallstragen würden zu denen, die nicht erreichbar gewesen seien?) „Wir sind," schloß der Redner, „damit nicht am Ellde, sondern am Anfang." Hierzu sei erwähnt, daß nicht nur dem Jubelfonds, sondern auch der Schule selbst viele größere und kleinere Ehrengaben von Freunden der Anstalt, insbesondere von früheren Schülern, zugeflossen sind. Diese *) Es sei bemerkt, daß infolge der Unvollständigkeit der Schülerlisten, besonders aus älterer Zeit, nicht allen ehemaligen Schülern Mittheilungen über das bevorstehende Fest zugehen konnten.