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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-11 · Heft 41 (11.10.1901) · p. Seite 486

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 41 (11.10.1901)
Date
1901-10-11
Page
Seite 486 (sequence 8)
Language
German
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486 bilden ebenso wie der ganze schöne Verlauf des Festes ein erhebendes Zeichen für die Anhänglichkeit und Liebe, welche die Schüler, die ihre Ausbildung in Seesen genossen haben, über Zeit und Naum hinaus der Anstalt bewahren. 8. Ein deutsches Gebetbuch für Frauen und Kinder. Von Dr. ined. W. Feil che »selb. ach einer langen Zeit weitgehender Entfremdung ist in den letzten Jahren — hier in Berlin wenigstens — eine wesentliche Zunahme des religiösen Bedürfnisses zu beobachten. Es herrscht allgemein im Volke zur Zeit hier eine von einflußreicher Stelle kräftigst unterstützte Bewegung religiöser Bethätigung. Dieser Zeitströinung entziehen sich auch die jüdischen Kreise nicht. Einen wichtigen Beweggrund zu derselben sehen wir einmal in der natürlichen Reaktion auf die widerliche Erscheinungsform des modernen Antisemitismus, dann aber auch — und das ist das, was uns mit wirklicher Freude erfüllen muß — erkennen wir darin den Einfluß unserer gegen früher wesentlich gehobenen Religionsschulen in ihrem Einfluß auf die Kinder direkt und durch sie auf das Haus! Um das religiöse Bedürfniß zu befriedigen, bietet die Religion eine große Anzahl von Heiligungsmitteln, unter denen das Gebet eine hervorragende Stellung einnimmt. Es ist nun die Frage, ob das Gebetbuch in seiner jetzt üblichen Form geeignet ist,, seine Aufgabe zu erfüllen. Der alte Siddur mit dem langen Morgengebet, in dem die herrlichen Psalmen gesprochen werden, hat sicher durch lange Zeit in dem frommen Hause das geleistet, was von ihnen verlangt wurde. Alt und Jung waren gewöhnt, in der heiligen Sprache zu ihrem Gott zu reden, und die Einförmigkeit des Gebets kam ihnen kaum zum Bewußtsein. Sobald aber die Gewöhnung anfhörte, als man die Länge des täglichen Gebets unangenehm empfand, als die Vertrautheit mit der hebräischen Sprache eine geringere wurde und man infolgedessen die deutsche Uebersetzung neben den Urtext setzte, mußte man es auch als ermüdend und daher nicht erhebend ansehen, daß das ganze Jahr hindurch das gleiche Gebet gesprochen werden sollte. Die neuen Bearbeitungen alle haben darin keinerlei Besserung gebracht, und wenn sie auch vielfach, wie z. B. unsere Berliner Ausgabe, weit geschickter — zumal für die Feiertage — hätten abgefaßt werden können als es zutrifft, so konnten sie den Hauptfehler der Einförmigkeit doch aus prinzipiellen Gründen nicht vermeiden. Was kann nun aber geschehen, um dem abzuhelfen? Für den Gottesdienst in der Synagoge läßt sich da eine weitgehende Aenderung wohl kaum in absehbarer Zeit schaffen, ohne die am Alten Hängenden, auf die man besondere Rücksicht zu nehmen hat, zu kränken. Nur für die Feiertage sollte man etwas energischer auftreten und auch der großen Mehrzahl Derer gedenken, die an diesen Tagen allein das Gotteshaus aufsuchen, und man sollte ihnen dann in geschickter Auswahl das bieten, was wirklich geeignet ist, zu erheben und zu belehren; daß das „neue Machsor" noch weniger als das „alte" dazu im Stande ist, wird wohl kaum einer von Denen bezweifeln, welche dem Gottesdienst folgen. Wichtiger aber ist, für das tägliche Gebet besonders der Frau und dem Kinde ein geeignetes Buch in die Hand zu geben. In diesem müßte für jeden Tag des Jahres (ob aus Beqnemlichkeitsgründen nach der bürgerlichen oder nach der altjüdischen Zeitrechnung geordnet, ist unwesentlich) ein Kapitel in guter Uebersetzung aus der Gesammtbibel abgedruckt sein. In stetem Wechsel sollten alle die schönsten Stellen aus der Thora, den Propheten und den übrigen Büchern aufgeführt werden. Daran anschließen müßte sich eine kurze Texterklärung oder die Wiedergabe irgend einer paffenden Stelle aus dem Talmud oder aus einem rabbinischen Werke, eventuell auch eine geeignete Dichtung eines der altjüdischen Dichter. In einem Anhänge sollten für die Feiertage passende Bibelstellen mit dazu gehörigen Erläuterungen geboten werden, welche als Ergänzungen des Festgottesdienstes dienen sollen. Für jeden Tag soll ungefähr eine Druckseite, bei langsamem Lesen ca. zehn Minuten Zeit beanspruchend, berechnet werden. In einer Vorrede sollte darauf hingewiesen werden, daß wenigstens ein kurzes hebräisches Gebet täglich gesagt werden sollte, wie z. B. das Schmäh Jisroel und etwa noch ein Psalm, und daß dann die für den betreffenden Tag bestimmte Stelle gelesen werden soll. Man erreichte dadurch, daß eine weitgehende Bibelkenntniß verbreitet würde; man würde durch die kurze Erläuterung, die im weitesten Sinne gedacht ist, im Stande sein, die Ethik des Judenthums klar darzustellen; man würde die Waffen in die Hände des Volkes legen im Kampfe gegen die vielfachen Angriffe auf das Judenthum; man würde in diesem Theile auch manche Belehrung über die Geschichte der Juden bieten dürfen. Gegen einen solchen Vorschlag, dessen Nutzen Wohl die Meisten anerkennen dürften, wird auch von frömmster Seite ein triftiger Einwand nicht gemacht werden können. Haben doch schon vor vielen Jahrzehnten in den frommen Gemeinden des Ostens die Frauen neben ihrem Siddur Gebetbücher gehabt, welche, in hebräischen Lettern gedruckt, im Jargon abgefaßt waren; auch diese brachten mancherlei Erzählungen, Bibelstellen u. s. w. Daß die zur Zeit bestehenden deutschen Gebetbücher für Frauen (ich habe nur zwei auftreiben können) genügen, wird Niemand, der sie eine kurze Zeit benutzt, behaupten können; cs sind dort deutsche Gebete für jeden Wochentag; wenn aber vier, fünf Wochen hintereinander jeden Montag dasselbe Gebet hinuntergeleiert ist, so gehört schon eine gewisse bescheidene Geduld dazu, in der sechsteil Woche es noch einmal zu lesen. Was nun die praktische Ausführung anbetrifft, so würde es sich am Meisten empfehlen, wenn ein Verleger mit einigen Rabbinern einen Redaktionsausschuß verabredet, und Mehrere nach vorhergehender Besprechung die Bearbeitung übernehmen; es würde so eine gewisse Einseitigkeit in der Bibelauffaffung und im Tone vermieden werden, was dem Ganzen nur zu gute kommen kann. Ein buchhändlerischer Ersolg eines solchen Werkes erscheint mir sicher. Zeit- und Streitfragen. Posen, im Oktober, s ist in mehr als einer Hinsicht typisch für die bei uns herrschenden Verhältnisse, daß aktuelle Tagesereignisse auch mit solchen Institutionen in Verbindung gebracht werden, die mit ihnen absolut nichts zu schaffen haben. Hervorgegangen mögen diese Bemühungen wohl aus den: Sport sein, der angenblicklich mit der Psychologie jedes Akteurs getrieben wird. Es genügt eben nicht mehr, zu wissen, daß

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