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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-11 · Heft 41 (11.10.1901) · p. Seite 484

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 41 (11.10.1901)
Date
1901-10-11
Page
Seite 484 (sequence 6)
Language
German
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484 beraubung belangt werden kann. Die näheren Umstände dieser Angelegenheit, welche infolge des erwähnten Rundschreibens des Kiewer Gouverneurs für die gesummte jüdische Bevölkerung des Gouvernements Kiew von enormer Tragweite ist, haben sich im Städtchen Walk des Gouvernements Charkow zugetragen, wo der Pristaw den Juden Modechai Büros verhaften und volle 13 Tage im Gefängniß behalten ließ, weil dieser unberechtigter Weise sich einige Tage im Städtchen aufgehalten hatte. Auf eine Beschwerde beim Gouverneur von Charkow ordnete dieser telegraphisch die sofortige Freilassung Büros an und ertheilte gleichzeitig dem Pristaw einen strengen Verweis. Ein weiteres Vorgehen gegen seinen Untergebener: hielt der Gouverneur umso weniger erforderlich, als die Juden mit fast elementarer Gewalt unablässig über die Grenzen des Ansiedelungsrayons dringen und dadurch die Polizei zu verzweifelter: Gegenmaßregeln zwingen. Der Senat kümmerte sich jedoch um die Verzweiflung der russischen Polizei herzlich wenig und erklärte in feiner Resolution vom 24. Dezember 1900, daß 1. Die Polizei nicht berechtigt ist, einen Juden, dessen Papiere sonst in Ordnung sind, einzusperren und Per Schub in die Heimath blos deshalb zu schicken, weil er unberechtigter Weise sich außerhalb des Ansiedelungsrayons ausgehalten hat. Das Gesetz verbietet keinem Juden, sich vorübergehend außerhalb des Ansiedelungsrayons aufzuhalten. 2. Polizeibeamte, die in gesetzwidriger Weise einen Juden verhaften, begehen ein Verbrechen, wegen dessen Sühne sie nicht einer: Verweis erhalten, sondern vor Gericht gestellt werden müssen. Nie Ccntenarfeier -er Jacobsonschule. Seesen, im Oktober. ^8^ie Hundertjahrfeier einer Schule und Erziehungsanstalt, die mit den Emaiizipationsbestrebuilgen der deutschen Juden aufs Engste verknüpft ist, kann nicht verfehlen, das Interesse der Leser dieser Zeitschrift zu erwecken. Ein so seltenes Ereigniß ist in diesen Tagen in dem braunschweigischen Städtchen Seesen gefeiert worden. Hier hatte Israel Jacobson im Jahre 1801. unterstützt durch den ihm wohlgesinnten Herzog Karl Wilhelm Ferdinand, eine Schule begründet, die zunächst in engem Kreise dazu beitragen sollte, deutsche Bildnngselemente in der jüdischen Bevölkerung neu zu beleben. Sie wuchs sich allmälig zu einem mit einer höheren Lehranstalt verbundenen Alumnate aus, in dem eine reiche Zahl von Freistellen sowohl jüdischen als christlichen Knaben offen stand. Da auch sehr bald zahlende Pensionäre nicht nur aus jüdischen, sondern auch aus christlichen Kreisen durch die guten Erziehuugserfolge der Schule herangezogen wurden, so war hier wie vielleicht au wenigen anderen Stellen ein Boden geschaffen, auf dem durch die bindende Kraft gemeinsam verlebter Jugend und gemeinsam gelioffener Bildung eine Annäherung und gegenseitige Würdigung der Konfessionen gepflegt werden konnte, um so mehr, als die Zöglinge nicht nur aus einem engen Gebiet, sondern aus allen Theilen Deutschlands sich rekrutirteu. Kein Wunder also, daß schon lange vorher weit und breit des kommenden Festes gedacht wurde. In Berlin und in Hamburg entstanden Vereine alter Jacobsonschüler, von denen besonders der in Hamburg eine rege Thätigkeit entfaltete, nm zu einer würdigen Feier des Festes beizutragen. Bon Seiten der Schule wurden Gedenkblätter „Aus dem ersten Jahrhundert der Jacobsonschule in Seesen" aus der Feder des Direktors Herrn Professor Dr. Philippson als Festschrift herausgegeben. Mittwoch, den 25. September trafen in großer Zahl alte Schüler in Seesen ein. die zum Theil ihre Frauen mitbrachten, um ihnen die liebgewonnene Stätte ihrer Jugend zu zeigen. Der Ort selbst hatte sich zum Feste würdig geschmückt. Vom Bahnhof aus, wo eine mit Tannengrnn reich verzierte Ehrenpforte die Gäste willkommen hieß, sührte der Weg an der Jacobsonschen Waisenanstalt vorbei in die nach dem Stifter benannte Jacobsonstrabe, an der sich auch die Schule befindet. Schöner als all der wohlgemeinte Festschmuck grüßen hier b i Hellem Sonnenschein, der dem Feste treu blieb, von beiden Enden der Straße die herrlichen Berge des Harzes und des Hebers herein, die i i den Herzen der früheren Schüler manche liebe Erinnerung geweckt haben mögen. Der große Gebäudekomplex der Schule, ans dem statt lichen Alumnatsgebäude, dem eigentlichen Schulhaus, der Direktor Wohnung, einer großen Turnhalle und einen: Wirtschaftsgebäude b stehend, umgiebt in Form eines Rechtecks einen geräumigen, m t Bäumen bepflanzten Hof, in dessen Mitte sich der im Jahre 1810 vom Stifter erbaute Tempel erhebt. In diesem Hofe wurde Mittwoch Mittag die Feier durch Uebe - gäbe einer Fahne eingeleitet, welche die jetziger: Schüler der Anstatt als Festgabe darbrachten. Nach dem Entwurf eines Lehrers im Atelb r eines früheren Schülers höchst geschmackvoll angesertigt, konnte sic schon ihrer Entstehung nach als dem Kreise der Schule angehörig b - zeichnet werden. Der Direktor nahm die Fahne mit freudigen Danke - Worten entgegen und wies die versammelte Schülerschaar auf die Eu kleine der Fahne und ihre Bedeutung hin. insbesondere auf die ve - schlungenen Hände (das alte Abzeichen der Schüler), auf das brcum schweigische Wappen und die Initialer: des Stifters als Sinnbild r der Brüderlichkeit, der Vaterlandsliebe und der Dankbarkeit. Am Abend schloß sich an einen Fackelzug der Schüler durch d e festlich beleuchtete Stadt ein Begrüßungskommers an. bei welchen: d freudige Wiedersehen so vieler alter Freunde ein ebenso bewegtes n c herzerquickendes Bild bot. Bald hatten sich die Schüler derselbe Jahrgänge znsammengefunden und tauschteil große, kleine und klein! c Erinnerungen aus der fröhlichen Schülerzeit aus. Die Mitglieder dm Hamburger Vereins ehemaliger Jacobsonschüler waren Alt und Jung in den blauen Mützen erschienen, welche überall das Kennzeichen dm Seesener Schüler sind, und bildeten als „die Lustigen von der Hamburger Waterkant" eine vergnügte Tafelrunde. An: nächsten Vormittag um 10^ Uhr fand in der Synagoge d r Schule eine würdige und erhebende Feier statt, während gleichzeitig für die christlichen Schüler und Festtheilnehmer Herr Pastor Lem einen Gottesdienst in der Aula abhielt. Bekanntlich ist die Synagoa die eillen charakteristischen Bestandtheil der Jacobsonschule bildm. das erste jüdische Gotteshaus gewesen, in dem deutscher und hebräisch.: Chorgesang mit Orgelbegleitnng von vornherein heimisch war; au!i hente noch ist sie eine der wenigen Synagogen, in denen die Gemeint selbst, die hier zum größten Theil aus den Schülern besteht, ein ' wohlgeschulten Chor bildet. In die Hellen Stimmen der jetzig n Schüler, die neben deutschen Gesängen das Schema und Hallel vc trugen, mischte sich daher machtvoll und feierlich der männliche Gesa, g der älteren, in deren Herzen die vertrauten Töne innigen Widerklaug finden mußten. An das Gebet für die Obrigkeit schloß sich alsdann die erhebende und geistreiche Predigt des Herrn Landesrabbin Dr. Nülf aus Braunschweig. Er erinnerte an den Patriarchen Jacom der, aus der Heimath vertriebe!:, der Unbill der Fremde preisgegebc zunächst nur in: Traumbild der himmlischen Gottesleiter den Tr ul einer besseren Zukunft findet, sogleich aber an der Stätte des Traum ' ein Bethel errichtet und von von da ab zu Israel, dem Gottesstreilm sich entwickelt. Damit verglich der Redner einerseits Jacob/) d ' frommen Vater des Stifters, der inmitten einer den Juden feindlich n Zeit von einer glücklicheren Zukunft seines Volkes nur träumen konm anderseits den Stifter Israel (Jacobson), der sich durch Begründung der Schule und der: Bau des Tempels zum Gottesstreiter weiht u-m sein ganzes Leben mit vorbildlicher Hingabe der Verwirklichung jeu Traumes widmet. Der gottesdienstlichen Feier, die mit Gebet und Gesang schlr folgte eine Bewirthung der Gäste im Speisesaal der Anstalt und ' Hanse des Direktors. Von hier ging es in die stattliche, festlich g ' schmückte Turnhalle, wo der allgemeine Festakt nach einem Gesang der Schüler durch eilten der Kuratoren der Jacobsonschule, Hen > Rechtsanwalt Dr. Julius Jacobsohn, eröffnet wurde. Nachdem r seinem Bedauern Ausdruck gegeben hatte, daß der Aelteste der Kura y Derselbe war ein angesehenes Mitglied der Halberstädter Ge meinde.

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