Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1901)
- Date
- 1901-10-04
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 städtischen Behörden, die Direktoren befreundeter Schulen und Erziehungsanstalten sowie Vertreter der alten Schüler ergriffen das Wort, um ihre warme Theilnahme zu bekunden. Nach der Feier vereinigten sich 500 Theilnehmer zum Festmahle, bei dem als ältester ehemaliger Schüler ein neunzigjähriger Greis, der es sich nicht hatte nehmen lassen, von außerhalb herbeizueileu, aus den ersten Zeiten der Jacobson-Schule berichtete, die er vor 80 Jahren unter den Augen des Stifters erlebt hatte. Am Abend wurde ein von dem ehemaligell Lehrer der Anstalt, jetzigen Realschuldirektor Dr. Jahn aus Braunschweig. gedichtetes Stück, das in schwungvollen Versen die Errichtung der Jacobsoll-Schute mit den deutschen Freiheitskriegen verband, zur Aufführung gebracht. Mit erhebenden Eindrücken schieden alle Theilnehmer von denl schönen Feste, das für die Weiterentwickelung der Jacobson-Schule auch dadurch bedeutungsvoll geworden ist, daß die alten Schüler der Anstalt namhafte Beiträge zu einer neuen Stiftung zeichneten und die jetzigen Kuratoren dem Stiftnngskapital die Summe von 30 000 Mark zufließen ließen. Möge die vortreffliche Allstalt noch lange blühen und gedeihen! и. Frankfurt a. M., 30. September. Die Betteli ndustr i e iil Galizien wird munter weiter getrieben, wenn auch viele Adressaten — durch die früheren Veröffentlichungen gewarnt — nicht mehr reagiren. llnd die Rentabilität dieser „Industrie" znrückgegangen ist. Immerhin erscheint es nothwendig, neuerdings auf die Unwürdigkeit der Bittsteller hinzuweisen, die in letzter Zeit einen neuen Tric in Anwendung bringen. In dem ausführlichen, im üblichen Stil gehaltenen Bettelbriefe nimmt der Bittsteller — in einem nns vorliegenden Briefe ist es Leiser Margnlies in Skala — Bezug auf seine früheren guten Verhältnisse und auf Firmen, mit welchen er in Geschäftsverbindung gestanden hätte. Eingezogene Erkundigungen bei mehreren der Firmen ergaben folgendes Resultat: Eine Firma existirt gar nicht, die zweite und dritte, an die unser Gewährsmann sich wandte, Lheilte mit, daß der Angesragte allerdings vor nahezu zehn Jahren ein und die andere Postsendung gegen Nachnahme empfangen hätte. Gleichzeitig drückten die Firmen ihr Erstaunen über die Dreistigkeit ans, daß man sie nach einer solchen „Geschäftsverbindung" als Referenz aufgebe. Dem erwähnten Schnorrbrief ist zum Uebersluß das Attest eitles Spar- und Kredit- Vereins mit unentzifferbarer Unterschrift beigegeben. Es sei bei diesem Anlaß daran erinnert, daß in Skala und in Borszezow regelrechte — nlan möchte sagen — Konsortien bestehen, die sich den Betrieb der Bettelindustrie zum Geschäft gemacht haben. An der Spitze dieser Konsortien stehen u. A. Leibisch Bergmann, Salomon Schösser, beide in Skala, und Israel Eisener in Borszezow, aber die Geschäfte werden sozusagen im Geheimen geführt, so daß es schwierig ist, die Namen aller „Theilhaber" zu erfahren. Der eilte dieser Schnorrer, Leibisch Bergmann, hat in jüngster Zeit versucht, seine Schnorrgesuche durch Mehrung der „Beglaubigungen" wirkungsvoller zu gestaltet!; man findet jetzt auch die unlesbaren Namen des K. K. Bezirkshauptmanns und die Unterschrift des Stadtarztes. In Bezug auf die „Beglaubigungen" darf man nach wie vor anuehmen, daß sie falsch oder durch falsche Vorspiegelung erlangt sind. (Wir können dem noch hinzusügen, daß kürzlich einer dieser Schnorrer die Kühnheit hatte, sich an unsere Expedition mit der Forderung zu wenden, ihm gegen Nachnahme „ein genaues Verzeichniß der Adressen der jüdischen Bürger voll Berlin und Umgegend schleunigst zuznsenden". Die Redaktion.! — Darmstadt, 27. September. Der antisemitische Abgeordnete Köhler hat im hessischen Landtag folgenden Antrag eingebracht: Auf Grund der bestehenden Schächtverb ote im Königreich Sachsen, in der Schweiz; insonderheit auf Grund der in sehr großer Anzahl vorliegenden wissenschaftlichen Gutachten (in erster Linie der vom Geheimrath Professor Kehrer zu Heidelberg verfaßten Abhandlungen hierüber), nicht minder aber auch aus Grund der Benachtheiligung der Landwirthe beim Verkaufe des zum Schächten bestimmten Viehes beantrage ich: Großherzogliche Regierung zu ersuchen, dem Landtage alsbald einen Gesetzentwurf vorzulegen, darinnen das Verbot des Schächtens im Groszherzogthuln Hessen ausgesprochen wird. Der Antrag wird kaum Erfolg haben. к. München, 15. September. Der aus Königsberg in Preußen stammende Maler Beu n o Be cke r, ein Sohn des kürzlich verstorbenen Geheimen Kommerzienraths Moritz Becker, hat auf der großen Jubiläumsausstellung hier die kleine goldene Medaille erhalten. Becker ist auch das künstlerische Arrangement der Münchener Renaissanceausstellung Zn danken. Die neue Pinakothek hat eines seiner Bilder angetanst. Oesterreich-Ungarn. lH Wien, 29. September. Wie wir hören, hat der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde in einer am 25. d. M. vom Präsidium einberuseuen außerordentlichen Sitzung sich mit dem in der „Wiener Zeitung" und in anderen Blättern erschienenen Kommunique der Rathhauskorrespondenz beschäftigt, demzufolge das Magistratsgremium gewisse Grundsätze, betreffend das Schlachten der Thie re, ausgestellt hat, von welchen einer, wenn er zur Ausführung käme, das jüdische rituelle Schächten unmöglich machen würde. Man muß sich nunmehr auf einen harten Kampf mit dem antisemitischen Gemeinderath gefaßt machen. — Eine an gefuchtene Rabbi nerw a h l beschäftigte am 27. d. M. zum zweiten Male den Verwaltungsgerichtshof. Bei der Nabbinerwahl in Chrzanow in Galizien im Jahre 1895 erhielt der eine Kandidat Naftali Halberstauun 230, sein Gegenkandidat Joseph M. Halberstauun 228 Stimmen. Nach längeren! Streite, wer als gewählt zu bezeichnen sei. wurde Joseph M. Halberstamm vom Kultusvorstand als der gewählte Rabbiner zum Amte bestellt. Gegen diese Einsetzung protestirte die Gegenpartei, und das Ministerium für Kultus und Unterricht erklärte schließlich den ganzen Wahlakt vom Juli 1895 für ungiltig, weil bei dieser Wahl nicht nur, wie das Judenpatent es vorschreibe, schriftlich, sondern auch mündlich gewählt wurde. Gegen diese Entscheidung des Ministeriums erhob der bestellte Rabbiner die Beschwerde an den Verwaltuugsgerichtshof, der in dieser Sache zu entscheiden hatte. Der Vertreter der Beschwerde, Dr. Julius Hecht, machte geltend, daß die vom Kultusministerium herangezogene Bestimmung des Judeupatentes, betreffend die fchris> liehe Wahl des Rabbiners, durch eine Verordnung desselben Ministeriums vorn 13. Januar 1869 solvie durch den Artikel 15 des Staatsgrundgesetzes aufgehoben erscheine. Der Verwaltungsgerichtshof, unter dem Vorsitze des Seuatspräsidenten Marquis de Bacquehem, gab der Beschwerde Folge und erkannte auf Aushebung der angefochtenen Entscheidung des Ministeriums sür Kultus und Unterricht. — Die Gerichtssaalchronik der abgelaufenen Woche wurde abermals durch antisemitische Helden bereichert: so ist der Generalagent des „Atlas", Felix Stroik, zu sechsmonatlichem Kerker bestraft worden, weil er unter dem Vorwände, ihnen Stellen zu verschaffen, armen Leuten ihre letzten Sparpfennige auf Kautionen entlockte; ferner wurde der Expeditionsleiter der Forstdirektion, I. Manko, wegen Unterschleifes verhaftet, und der Ingenieur Nakoczek aus Bielitz wegen desselben Deliktes zu einjährigem schweren Kerker verurtheilt. — Der a. o. Professor der Geschichte, Dr. Emil Szüuto, ist zum ordentlichen Professor au der Wiener Universität ernannt worden. — Der Kaiser hat dem Großhändler Siegmnnd Lederer in Saaz den Titel eines kaiserlichen Nathes verliehen. — Am 24. d. M. ist hier Herr M. Hilferding, ein! jüdischer Gelehrter, der auch au der 1848er Bewegung regen Antheil genommen, gestorben. — Die Censurbehörde hat im Frühjahr das berüchtigte russische Sensationsdrama von Snworin „Söhne Israels", das vorn Kaiserjubiläums-Stadttheater zur Aufführung angenommen wurde, verboten. Herr Direktor Müller-Gutteubrunn ergriff gegen diese Entscheidung den Rekurs au das Ministerium des Innern, und nunmehr hat auch dieses die Aufführung der „Söhne Israels" untersagt. — In Lemberg fand am 28. d. M. ein Säbelduell zwischen dem Bürgermeister und dem jüdischen Advokaten Dr. Lilien statt, wobei Dr. Lilien am Ohr und an der rechten Hand leicht, der Bürgermeister Malachowski am Kops schwer verwundet wurde. Don Nah und Fern. — Der hier beim Hauptpostamt Spcmdauerstraße 15 Jahre lang beschäftigt gewesene Postsekretär Carl Borchardt aus Jastrow, Westprenßen. ist zum 1. Oktober nach Saarbnrg in Lothringen als Oberpostsekretär versetzt. Borchardt ist zur Zeit wohl der einzige jüdische Oberpostsekretär im ganzen deutschen Reich. — Die Shnagoge i n d er Ora nienb ur ger St ra ße ist während des Sommers einer umfassenden Erneuerung unterzogen worden. Auch das Innere des Bauwerks, das 1859—1866 von Knoblauch erbaut wurde, hat, wie sich gestern bei einer von hiesigen und auswärtigen Architekten vorgenommenen Besichtigung zeigte, an Farbeureichthum und Lichtwirkuugen sehr gewonnen. — Am 1. Oktober d. I. feierte ihr fünfzigjähriges Bestehen die Tuchgroßhandlnug L. M. Seckelsohn, Heiligegeiststraße 19. Der älteste Inhaber des Geschäfts, das durch seine Spezialität „Schwarze Tuche" weit über