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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-04 · Heft 40 (4.10.1901) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 40 (4.10.1901)
Date
1901-10-04
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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---- Berlin 1. Oktober. Das älteste jüdische Kaufhaus iu Berlin, das auch an Sabbathen und Festtagen seine Pforten streng geschlossen hält, die im Jahre 1815 begründete und inzwischen zu einem großen modernen Kaushanse emporgewachsene Firma N. Israel hat jetzt ihren stattlichen modernen Neubau dem Verkehr übergeben und damit die Altstadt Berlins um eine Sehenswürdigkeit bereichert, deren Schilderung unsere Leser in den Tagesblättern finden. Wir wünschen der alten und hochgeachteten Firma, die dem Judenthnm stets Ehre gemacht hat. auch serner Blühen und Gedeihen! C'y-tkuynerr, 24. September 1901. Der den tscheKaiser war gestern Nachmittag 4 Uhr in Whstiten, ließ den Wohd (Gemeindevorsteher) und die am Jom Kippur in der Synagoge betenden Inden sämmtlich auf den Marktplatz rufen. Hier hielt er vor versammeltem Volke eine längere Ansprache und überreichte seinem Oberförster von St. Paul - Nassaven, fünftausend Rubel als Spende des Zaren für die vom Brande so schwer heimgesuchten, größtenteils armen jüdischen Leute, lieber diesen kaiserlichen Besuch werden der „Königsberger Hartungschen Zeitung" noch folgende Einzelheiten gemeldet: Die jüdische Bevölkerung in Whstiten feierte an dem Tage ihr Versöhuungsfest — die lange Nacht — und war vollzählig in der Synagoge versammelt, als der Kaiser in Whstiten eintraf, und die Polizei mit Tronnnelschlag die Ankunft des hohen Gastes verkündete. Im Nu leerte sich die Synagoge, und Alles stürzte auf den Markt; doch wollte Anfangs Niemand glauben, daß es wirklich der deutsche Kaiser sei. Ehrfurchtsvolle Stille herrschte zuerst, dann leises Geflüster, später auch schon schüchterne Versuche „Hurrah" zu rufen, doch ein „Ezicho!" aus dem Munde des Kaisers unter Handbewegung, und die Menge verstummte wieder. Nach der Ansprache aber ließ sich die Begeisterung nicht mehr in Schranken halten, das Hurrahrufen wollte schier kein Ende nehmen." X. Halberstadt, 26. September. Unsere Gemeinde ist in tiefe Trauer versetzt durch das Hinscheideu ihres Rabbiners Dr. Selig Auerbach, der am 21. d. M. im sechzigsten Lebensjahre nach langen und schweren Leiden verschieden ist. Der Heimgegangene, ein Sohn des früheren hiesigen Rabbiners Dr. H. B. Aiterbach, wurde 1841 zu Darmstadt geboren. Von 1862 bis 1873 war er Direktor der israelitischen Realschule in Fürth. 1873 wurde er als Nachfolger seines Vaters hierherberufen. Auerbach war ein hervorragender Talmudgelehrter und hat viele Schüler herangebildet, die für seinen Namen zeugen werden. Als Mensch wie als Seelsorger war er allgemein beliebt und hochgeachtet. Er selbst gehörte der streng orthodoxen Richtung au und galt nach dem Tode des sel. Dr. Israel Hildesheimer als der vornehmste Träger dieser Richtung in Norddeutschland. Gleichwohl hat er — und dies wird ihm stets zur Ehre gereichen — die Hand zum Frieden mit der liberalen Richtung innerhalv des Judenthunis geboten, indem er sich an der Begründung und Leitung des deutschen Nabbinerverbandes mit voller Kraft betheiligte, ohne die Warnungen intransigenter Parteigenossen zu beachten. Bis zu seinem Tode gehörte er dem Vorstände dieses Verbandes an. Außerdem war er Vorsitzender des Kuratoriums des orthodoxen Nabbinerseminars in Berlin, dessen Leitung er sicher übernommen hätte, wenn sein Gesundheitszustand nicht bereits ein schwankender gewesen wäre. Auch bei den Nichtjuden, in allen Kreisen der hiesigen Bevölkerung, erstellte sich der Hingeschiedene außerordentlicher Werthschätzllug; die reichen Gaben seines Geistes, die hohen Eigenschaften seines Charakters und seines Herzens wußten auch alle Diejenigen zu würdigen und zu ehren, die nicht seiner religiösen Nichtlmg huldigten. Zeugniß dieser Beliebtheit war die Trauerfeier am 24. d. M. Der Leichenzug wurde eröffnet durch die Schulkinder in Begleitung ihrer Lehrer. Dem Leichenwagen folgten Söhne und Verwandte, zahlreiche auswärtige Rabbiner und hiesige amtliche Persönlichkeiten, das Rabbinat und der Vorstand, das Repräsentanteukollegium, die Mitglieder der Chewra „Gemillas Chassodim", Vorsteher der anderen Chewrate und Vereine. Im Trauerhause und am Grabe wurden zahlreiche Reden gehalten. Es sprachen zunächst ein Sohn des Verstorbenen, Dr. Jsaac Auerbach-Leipzig, sodann der hiesige Lehrer Dr. van Gelder, ferner Landrabbiner Dr. Marx-Darmstadt. Clausrabbiner Nobel, unser Gemeindevorsteher Benjamin Hirsch, Rabbiner Hirsch-Hamburg, Rektor Dr. Hofsmauu-Berlin, Hermann Gumpertz-Hamburg, Clausrabbiner Kohn, Proviuzialrabbiner Dr. Munk-Marburg, Rabbiner Dr. Bondi- Mainz. Nabbiller Dr. M. Hildesheimer-Berlin, Provinzialrabbiner Dr. Cahu-Fulda, Rabbiner Dr. David-Düsseldorf, Landrabbiner Dr. Löb-Emden. Rabbiner Dr. Kohll-Ansbach, Dr. N. A. Nobel, die Herren Gabriel Hirsch, Felsenstein-Fürth, Kober-Breslau. Dr. I. Horovitz-Frankfurt a. M., Direktor Dr. G. Lange-Fraukfurt a. M. und der älteste Sohn des Verblichenen. Herr Aron Auerbach-Hamburg. Den Grundton der zahlreicheil Reden bildete das tiefe Weh um den Verlust des Heimgegangenen Führers, dessen Andenken in weiten Kreisen unvergessen fortleben wird. U. Hamburg, 20. Semptember. Herr Louis Bielefeld, eine nicht nur iu unserer Gemeinde, sondern in weiteren Kreisen der Bevölkerung hochgeachtete Persönlichkeit, wurde plötzlich, als er sich gerade zur Synagoge begeben wollte, vom Schlage gerührt und verstarb nach einigen Stunden. Der Verblichene, der ein Alter von 78 Jahren erreichte, hatte sich schon seit vielen Jahren vom Geschäft zurückgezogen und widmete seine ganze Zeit der Verwaltung gemeinnütziger Institutionen. Er gehörte unk zu den Begründern des „Vereins des ehemaligen Hamburger Bürgermilitärs", seit dem Jahre 1868 gehörte er dem Vorstände dieses Vereins an, in anderen Bürgervereiuen wurde er von seinen Mitbürgern in den Vorstand berufen, denn mall wußte die uneigennützige Thätigkeit des erfahrenen Mannes wohl zu schätzen. In zahllosen Vereinen und Institutionen der Gemeinde war der Verblichene in der Verwaltung thätig. Sein plötzliches Hinscheiden erregt in weiteren Kreisen der Bevölkerung überall tiefe Theilnahme. Die Beerdigung gestaltete sich zu einer großen Trauerkundgebung, die Mitglieder des ehemaligen Bürgermilitärs hatten sich vollzählig mit ihren Fahnen eiugesunden, auch die Verwaltungsmitglieder der übrigen gemeinnützigen Anstalten waren zahlreich erschienen. Der imposante Leichenzug. dem sich viele Freunde angeschlossen, bewegte sich unter Vorantritt der Kameraden des Bürgermilitärs nach dem Israelitischen Friedhof in Ohlsdorf. Nach einer erhebenden Trauerfeier in der Friedhofskapelle, wobei jedoch, dem Wunsch des Dahillgeschiedenen nachkommend keine Gedenkreden gehalten, wurden die irdischen Ueberreste der Erde Übergebell. Als letzte Ehrenbezeugung wurden voll den Kameraden die Fahnen über das Grab gesenkt. Dem Verblichenen war es vergönnt, noch vor einigen Jahren seine goldene Hochzeit zu feiern, jetzt ruht er an der Seite seiner Gattin, die bereits vor einigen Monaten aus dem Leben geschieden ist. — Herr E nl. Bo den h einier, der frühere langjährige Waisenvater des Deutsch-Israelitischen Waüenillstituts, verstarb plötzlich im 70. Lebensjahre. Der Verblichene erfreute sich während seiner Thätigkeit im Waisenhause sowohl bei den Zöglingen als auch in weiteren Kreisen großer Werthschätzung. Als er sein Amt niederlegte, lebte er nur noch seinen Studien und sungirte auch als Privatgelehrter an der Synagoge Heinrich-Barthstraße. Zu der Beerdigung hatten sich außer Herrn Oberrabbiner M. Hirsch, den Vorstandsmitgliedern des Waiseninstituts und der Synagoge noch viele Leidtragende, namentlich ehemalige Zöglinge des Waisenhauses, eingefundeu. Gedenkreden wurden voll Herrn Oberrabbiner M. Hirsch und Herrn I. Goldschmidt gehalten. Seesen. 30. September. Die Hundertjahrfeier der Jacobson-Schule vollzog sich am 27. d. M. in der glänzendsten Werse. Das ganze Städtchen hatte Festgewand angelegt, alle Gebäude waren sinnig geschmückt, durch die Straßen zogen sich von Haus zu Haus Guirlanden aus frischem Tannengrün. und mächtige Ehrenpforten empfingen die Schaaren von Freunden und alten Schülern, die zum Theil mit Damen nach der Stätte geeilt waren, an der sie ihre Erziehung genossen halten. Bereits am Vorabend bewegte sich ein stattlicher Fackelzug von jetzigen und ehemaligen Schülern durch die Straßen der Stadt, die glänzend illuminirt hatten. Bei dem nachfolgenden Kommerse konnten Männer, die sich teilweise seit Jahrzehnten nicht gesehen hatten, einander wieder begrüßen, und der Semestersalamander stieg aufwärts bis zum 120. Semester. Die offizielle Festfeier am folgenden Tage wurde eingeleitet durch Gottesdienst in dem Tempel und in der Aula der Anstalt. In ersterer hielt der Landesrabbiner von Braunschweig Dr. Rülf eine ergreifende Weiherede; in letzterer predigte der als Lehrer an der Anstalt wirkende evangelische Geistliche Lang, dessen Vater bereits vor vielen Jahrzehnten ebenfalls als Geistlicher all der Jacobson-Schule thätig gewesen war. In der zum Festsaal umgewandelten Turnhalle versammelten sich daraus sämmtliche Theiluehmer der Feier. Namens des Kuratoriums begrüßte Dr. Jacobson, ein Enkel des Stifters, und der Direktor der Allstalt, Professor Dr. Philippsoll, die Anwesenden und gaben ein anschauliches Bild der Entwickelung der Anstalt. Dann folgte eine lange Reihe von Glückwünschen. Die staatlichen und

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