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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-04 · Heft 40 (4.10.1901) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 40 (4.10.1901)
Date
1901-10-04
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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Gerlin, 4. Oktober 190 > 65. Jahrgang. Nr. 40. Weitage zur „Allgemeinen Zeitung öes Iuöentyums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 3. Oktober. Die Nr. 14 der Mitteilungen des liberalen Vereins für dieAngelegenheiten der jüdischer! Gemeinde bringt einen Wahlaufruf, der sicher bei der Majorität der Mitglieder unserer Gemeinde Anklcmg und volle Zustimmung finden wird. Die Parole des Vereins lautet: „Wir wollen den Frieden der Gemeinde!" Und mit dieser Parole mutz er bei den Wahlen den Sieg erringen, denn es giebt sicher nur ein kleines Häuflein Unzufriedener, das eben den Frieden nicht will. Wir müssen aber Frieden im Innern haben, um desto kräftiger nach Außen hin gerüstet zu sein in den Stürmen, die unser noch harren. Um dieses Friedens willen haben die liberalen Repräsentanten dahin gewirkt, daß neue Rabbiner unter Berücksichtigung der verschiedenen religiösen Richtungen in der Gemeinde berufen, daß Lehrer und Kantoren dem Bedürfnisse entsprechend angestellt werden, daß die Synagogen, die gottesdienstlichen Veranstaltungen und die Religionsschulen der wachsenden Zahl der Gemeindemitglieder gemäß vermehrt und den Anschauungen aller Richtungen in der Gemeinde entsprechend eingerichtet werden. Mehr kann gewiß Niemand verlangen. Zur Wahrung dieses Friedens nach allen Seiten hin ist aber auch ein Stillstand, ein Beharren in den alten Bahnen weder nöthig noch räthlich. Auch in den religiösen Anschauungen giebt es eine Entwickelung, einen Fortschritt, der die freier Denkenden befriedigt, die Altgläubigen nicht verletzt. Dieses Programm wird, wie gesagt, ohne Zweifel die Zustimmung der überwiegenden Majorität unserer Gemeindemitglieder finden. Aber diese Zustimmung erheischt auch ihren Ausdruck durch rege Theilnahme bei den Wahlen zur Nepräsentantenversammlung am 28. November dieses Jahres. Wer den Aufsatz in derselben Nummer der Mittheilungen „Was wollen — was erreichen die Liberalen?" aufmerksam und ohne Voreingenommenheit durchlieft, der muß zu der Ueberzeugung gelangen, daß die liberale Partei in der Nepräsentantenversammlung alles gethan hat, was unter den gegebenen Verhältnissen möglich war, um den Frieden zu erhalten und dennoch alle fortschrittsfeindlichen Tendenzen abzuwehren. In einem solchen schweren Kampfe muß die Partei unterstützt und gefördert werden! Von besonderem Interesse ist in dieser Beziehung eine Mittheilung über das Geschenk der Bamberg erschen Erben, die bisher nur in engeren Kreisen bekannt war. Die Vorgänge sind gewiß noch in Aller Erinnerung. Die Erben des Abgeordneten Ludwig Bamberger haben seiner Zeit aus Dankbarkeit dafür, daß Diesem ein Ehrenplatz auf dem Friedhofe eingeräumt worden war, 10000 Mark geschenkt mit der Bestimmung, daß von den Zinsen den Zöglingen der jüdischen Schulen, „mit Ausnahme der Religionsschulen", Bücher allgemein geschichtlichen Inhalts mit dein Bildnisse des Verstorbenen als Prämien eingehändigt werden. Darin sahen die Konservativen eine Verhöhnung der jüdischen Religion, und vier von ihnen erhoben bei der staatlichen Behörde Einspruch gegen die Genehmigung, obwohl diese von der Repräsentantenversammlung in namentlicher Abstimmung mit 13 gegen 4 Stimmen ausgesprochen war. Das führte zu einer Interpellation von liberaler Seite, einer sehr erregten Erörterung und Kennzeichnung der gegnerischen Kampsesart. Schließlich wurden beide Stiftungen von der Behörde genehmigt. Die überraschende Pointe sollte aber folgen. Es stellte sich nämlich heraus, daß ein Mitglied des Vorstandes den Bambergerschen Erben gerathen hatte, die Einschränkung, welche die Konservativen in solche Aufregung versetzt hatte, zu machen, weil die Zinsen zu Prämien au allen Schulen nicht ausreichten. Ein Kommentar zu diesen Mittheilungen, die ihre Wirkung nicht verfehlen werden, erscheint überflüssig. 8. Berlin, 29. September. Die Frage der Amtsdauer der Nepräsentantenstellvertreter hat. wie unseren Leseren wohl noch erinnerlich ist. bereits eine gemischte Deputation, welcher fünf Juristen angehörten, in längerer Berathnng beschäftigt und zu dem mit drei gegen zwei Stimmen gefaßten Votum geführt, einen Stellvertreter aus der Zahl der Vertreter als ausgeschieden zu betrachten, sobald derselbe als Repräsentant definitiv einbernfen wird. Aus Grund dieses Beschlusses, dem die Repräsentantenversammlung in der Sitzung vom 21. April d. I. beitrat, sollten in diesem Jahre nur noch zwei Vertreter ansgelost werden. In der Kommission war bereits der Vorschlag gemacht worden, sofort nach der Auslosung einen Protest beim Polizeipräsidium eiuzureichen. um die Meinung der Vorgesetzten Behörde über die Wahl zu erfahren und etwaige Proteste gegen die Repräsentantenwahlen selbst zu vermeiden. Inzwischen war von anderer Seite gegen die am 28. April vorgenommene Auslosung von nur Zwei Repräsentantenstellvertretern Protest beim Polizeipräsidium erhoben worden, der aber als unbegründet verworfen worden ist. Neuerdings hat die schwierige Frage durch einen Protest des Herrn Redakteurs M. A. Klausner eine andere Beantwortung seitens des Oberpräsidiums der Provinz Brandenburg erfahren. Demnach muß eine neue Auslosung von fünf Stellvertretern stattfinden, wobei — und das ist sehr wesentlich — auch die bereits definitiv als Repräsentanten einberufenen Stellvertreter zur Auslosung gestellt werden müssen. In dem Bescheide des Oberpräsidiums wird der Gemeindevorstand gleichzeitig ersucht, Vorschläge betreffs Aenderung des Statuts zu machen. Seitens des Gemeindevorstandes sind übrigens betreffs der Wahlen mehrfach Aenderungen des Statuts beantragt worden, die jedoch nicht die Bestätigung der Vorgesetzten Behörde erfahren haben. 22 Berlin, 1. Oktober. Für die beiden ehemaligen Reichs- und Landtagsabgeordneten Lasker und Bamberger wird jetzt ein Grabdenkmal auf dem Friedhof Schönhauser Allee zur Aufstellung gelangen. Es ist nach dem Entwurf des Regierungsbaumeisters Thierbach in polirtem norwegischen Labrador gefertigt und besteht aus zwei großen kannelirten, dorischen Säulen mit Bronzegurten, dazwischen ist eine Brüstung, auf die eine mächtige Widmungstafel aus Bronze zu stehen kommt. Die beiden Grabstellen werden mit einer vier Quadratmeter großen, reichverzierten Gruftplatte bedeckt, und das Ganze mit einem Gitter eingefriedigt. Die Fertigstellung erfolgt unter der Leitung des Steinmetzmeisters Carl Hengst, hier. Berlin, 30. September. Am Versöhnungstage war ein jüdischer Kaufmann vor der Handelskammer des Landgerichts I als Zeuge geladen, aber ansgeblieben. Der Vorsitzende machte die Mittheilung, daß der Zeuge bereits vor dem Termine seine Entbindung vom Erscheinen in der Verhandlung des hohen Feiertags wegen nachgesucht hatte, aber abschlägig beschieden worden war. Darauf habe der Zeuge ein nochmaliges Gesuch mit demselben negativen Erfolge eingereicht. Der Gerichtshof erblickte mit Rücksicht auf die vorgetragenen Thatsachen in dem Nichterscheinen des Zeugen eine sehr schwerwiegende Renitenz und verurtheilte ihn deshalb zu der besonders hohen Strafe von 300 Mark und zu den Kosten des Termins. Der Betroffene will Beschwerde gegen seine Bestrafung einlegen. T Berlin, 1. Oktober. Das durch erste pädagogische Autoritäten empfohlene hiesige Töchterpensionat von Dora Simonsohn hat neuerdings ein Externat eingerichtet, in dem neben wissenschaftlichen, Haushaltnngs- und technischen Kursen Privatunterricht in allen Schulfächern ertheilt wird. Die jungen Mädchen genießen individuelle, echt weibliche Erziehung und vielseitige methodische Ausbildung. Die Tagespension gewährt ihnen entweder tagsüber Aufenthalt und Aufsicht im Institut, oder sie betheiligeu sich an einzelnen Kursen. Als höchst dankenswerthe Ergänzung in der technischen Ausbildung der jungen Mädchen hat die Vorsteherin Samariter- und Hhgienekurse unter Leitung von Fräulein Dr. med. Springer eingerichtet. Auf Grundlage physiologischer Kenntnisse sollen die jungen Mädchen in den Stand gesetzt werden, bei plötzlich auftreteuden Krankheits- und Nnglücksfällen rasche und sachgemäße Hilfe zu leisten sowie sich die Grundzüge sorgfältiger Krankenpflege und rationeller Hygiene anzueignen.

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