Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-04 · Heft 40 (4.10.1901) · p. Seite 480

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 40 (4.10.1901)
Date
1901-10-04
Page
Seite 480 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228460--57981-3294395
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

480 Vater! Zu Haus sitzen sie um den Tisch und essen und trinken, was in se hereingeht; denn mei Enkel, Sorel, is gar e seine Köchin, eson Scholet kann nit emol den krakower Rebetziu kochen wie mei Sorel; aber an den alten kranken Deden denkt kaner nix, daß nie ehm e guten Bissen schicket oder e TröPPele Bronnes. Weh, weh, wenn mei armer Sühn olas ha scholam, wisset, wie meine Kinder mit sei armen Taten umgehn. So lang ich mit mei schwereil Packel am Rücken als e Mokemgeher von a Dorf zum andern gegangen bin ün meine Glasperlen ün roite Bänder ün blaue Hartücher, die viele Wvll, ün Federn, ün Honig, ün Waizen heim Hab gebracht, dairialst war ich „lieber Dede, guter Dede, einziger Dede," un wenn ich bin Sabbat ehamgekummen, hätten se alles Gute in mer herein gestoppt, un jetzt werfen se mech weg wie en ausgedruckte Citrone." Und zornig spuckend und scheltend sank er in die Kissen zurück. „Alter Gvttsfopper," brummte der im anstoßenden Bett von Fieberhitze verzehrte bartlose blutjunge Bocher, der Stolz der Beltzer Jeschiba, mit aufgestemmten Ellenbogen über die vergilbten Blätter eines großen edernen Folianten gebeugt, indes; auf seinen eingefallenen Wangen die hektischen Todesrosen flammten, und das langsam verlöschende Leben von Zeit zu Zeit indem mageren Körper fiebernd emporzuckte. „Alter Gottssopver," brummte er ärgerlich, „schämt er sich nicht, den heiligen Jointow mit seinem gottlosen Gesluch zu entheiligen. Und das soll zu Gottes auserwähltem Volk gehören? Herr und Vater, sind denn die Chassidim auch deine Kinder?" „Soll ich eso' leben, wie Se Recht habeil, Neb Avrom," klingt die ungebetene Bestätigung von den Lippen des ewigheitern Beresch Hirsch, des Beltzer Marschalik. „Mei Großvater, in Genedim soll er ruhn, hat immer gesagt: „Die Chassidim gehören in Gehennim, die Misnagdim kommen in Genedim." Und mei Großvater war gar e feiner Kopp. Weh, weh, wie giftig mich Reb Menasse anschaut, fressen Se mich nicht auf, ich bin nix genug koscher." Sein tiefer sonorer Baß erfüllte den weiten Raum, und wohlgefälliges Beifallsgemurmel begleitete die zeitweise von des Sprechers selbstzufriedenem Lachen unterbrochene Rede. „Was ich emol sag, das is gesagt; unser Herrgott hat nur die Misnagdim gern. Ich zum Beispiel, ich der arme Hirsch Beresch, ich bet' immer sehr wenig, und doch hat mich unser Herrgott lieber wie Euch, Reb Menasse, der Ihr Gott voll früh bis Abend die Ohren anbrummt. Was sagt Ihr? Beresch Narr? Ich bin so gescheidt wie Ihr, un bin so e Zadek wie Ihr. Weil ich immer lach und spaß und den Leuten die Zeit vertreib. Und worum soll ich nix lachen, wenn die Welt, was Schem borchu geschaffen hat, eso schön is, wenn der viele Weizen, aus was man die feinen Schabesbarches backt, im Feld umsonst wachst. Oder kriechen die fetten Gänfi, was so fein schmecken, wenn die Köchin sie schön braun gebraten auf den Chassenetisch stellt, nicht ganz umsonst aus'n Ei heraus? Oderlassen die Fisch sich nix ganz umsonst fangen und können's kaum erwarten, daß man sie mit süßer brauner Sauce gut jüdisch kochen und aufessen soll? Und hat uns unser Erzvater Noach nicht den Wein als Erbtheil vermacht, den Wein, der alle Sorgen vergessen macht und uns macht lustig und froh? Und giebt's nicht immer gutherzige Leut, was dem armen Beresch auch etwas von die viele gute Sachen gönnen? Worum soll ich nit lachen vor großer Freud? Das kost ja nix! Und wenn mich Schem borchu emal in Genedim rufen wird, wo er immer ernst und ruhig auf seinem goldenen Thron sitzt und um ihn herum unsere ernsten, weisen Erzväter, die niemals lachen, wer ich so e Purzelbaum schlagen, daß der Herrgott anfangen wird, zu lachen. Komm her, mein Sohn Beresch, wird er sagen, Schem borchu, komm her und erzähl mir ein feines Lotzele. Und da werd ich ihm so e nobles Moschelche erzählen, daß Schem borchu selber vor Lachen die Thränen kommen werden und ganz Genedim vor Gelächter zittern wird. Bravo, mein Sohn Beresch, wird er sagen, komm her zu mir, setz Dich auf den Platz des brummigen alten Abraham; ich brauch Jemanden, der mich lachen macht, denn meine Leut ärgern mich gar zu stark. Und von dein Tag an wird Schem borchu immer gut gelaunt sein und wird geben den Menscheil gute Ernte, gute Weiulesi, Gesundheit und langes Leben und das alles werden die Menschen mir zu verdanken haben, mir. dem armen Beresch." Aus den Augen des greisen polnischen Juden zucken zorn- und haßerfüllte Blitze über das Haupt des Spötters, der junge Bocher aber wendet sich mit verächtlichem Achselzucken auf die andere Seite und hält sich mit beiden Händen die Ohren recht fest zu, um sich ungestört in die heilige Lehre vertiefen zu können, aus der die Quelle des ewigen Lebens strömt. Beresch Hirsch aber setzt sein Selbstgespräch mit souveräner Unbekümmertheit fort, seinen Vortrag mit mehr als drastischen Anekdoten würzend. Um die Lippen der Kranken huscht hier nnd da ein heiteres Lächeln, beifälliges Kichern lohnt die Späße des frohgemuthen Marschalik und in ihren grauen, flatternden Zwilchschlafröcken gehüllt nähern sie sich einzeln und gruppenweise dem Lehnsessel des hinkenden Beresch Hirsch, um für wellige Minuten den Schimmer des Frohsinns auf die trüben Züge zu locken und die längst verglommenen Funken der losen Lebensfreude zu entfachen. Warum nicht den flüchtigen Augenblick genießen? Ist ja das Leben doch so schwer, und im Jahr fällt nur einmal Nosch-haschanah, nnd satt essen kann man sich auch nichtjeden Tag; das Jahr aber hat 365 saure Tage, in denen man in Schnee und Hitze mit müden Beinen und knurrendem Magen Podoliens staubige Landstraßen durchwandert. (Fortsetzung folgt.) Sprechfaul. Geehrter Herr Redakteur! ch habe in der letzten Repräsentantenversammlnng nicht von! „demokratischen", sondern vom „timokratischen" Prinzip gesprochen, was ich zu berichtigen bitte. Berlin, 29. September. Ihr ergebener Dr. G. Minden. 4 Sehr geehrter Herr Redakteur! n meinem Artikel über Benedikt Schott in Nummer 39 ist eine Anmerkung versehentlich weggeblieben, die hier noch nachträglich ihre Stelle finden muß, da sie einen Jrrthum Julius Fürsts in seiner Ilibl. ^ucl. berichtigt. Dort wird nämlich dem Hofrath Schott ein Werk zugeschrieben, das ein Namensvetter von ihm verfaßt hat. Die citirte Schrift: „Die wichtigsten, Pflichten der Israeliten" ein „Synagogalvortrag. Zur Vorbereitung auf den Versöhnungstag. am S. Haasinu 5598, 7. Oktober 1837. Donaueschingeu 1839", ist von Bezirksrabbiner L e o p o l d Schott, über den Kayserling. Bibliothek jüdischer Kanzelredner II. S. 293 zu vergleichen ist. Mit Hochachtung Dr. A. Lewinsky. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.