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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-04 · Heft 40 (4.10.1901) · p. Seite 479

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 40 (4.10.1901)
Date
1901-10-04
Page
Seite 479 (sequence 13)
Language
German
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479 religiöse Züge hervortreten lassen, während die Beschneidung nach altem Ritus und die Erziehnng des Knaben, deren Hauptaugenmerk auf die Unterweisung in den heiligen Schriften, in Thora und Talmud, gerichtet ist, und einen intimen Einblick in Gebräuche und Sitten gewähren, finden wir in der Bodlciana-AuSgabe von alledem nichts mehr wieder; das religiöse Element ist vollkommen daraus geschwunden, auch die aus der Erde anfgetauchte Männerschaar ivird nicht vorgesührt, weil den aufgeklärteren Europäern der Glaube dafür schon gemangelt haben mag. Die Erzählung beginnt hier einfach: „Ein Mann hatte einen einzigen Sohn, und als dieser 18 Jahre alt war, bat er seinen Vater, ihn hinausziehen zu lassen, um Weisheit zu lernen." Dreimal drei Jahre bleibt er bei seinem Lehrer, der ihn in allen Sprachen und Wissenschaften unterweist; dann holt ihn sein Vater ab, und aus dein Rückwege treffen auch sie die Vögel. Die Prophezeiung dieser aber ist auch nur auf den ersten Theil erhalten, bezüglich des Waschens der Hände und Füße, auch bezeichnend als jüdischorientalische Sitte, fällt sie jedoch fort. Auch die Deutung der Vogelsprache vor dem König hat eine wesentliche Wandlung erlitten, das jüdische Motiv ist darin gegen ein allgemeines znrückgetreten; nicht mehr zwei irrende Jndenseelen treten als Ankläger ans, sondern die beiden Naben verkörpern zwei Rivalen um den Besitz eines Weibes. Die Deutung der Vogelsprache überhaupt ist allerdings beibehalten, obwohl diese an sich typisch für das jüdische Element in der Erzählung ist. Die beiden anderen Erzählungen sind kürzer und weniger charakteristisch. In der einen, der ersten, streitet ein Jude mit einem Heiden, wessen Glaube der bessere ist. Der Satan erscheint ihnen dreimal in verschiedener Gestalt und erklärt alle dreimal, daß der Glaube des Heiden besser sei, worauf der Jude Diesem als Preis der eingegangenen Wette sein ganzes Vermögen abgeben mutz. Indem er aber nachher Zeuge des Gesprächs des Satans mit zwei anderen Teufeln wird, erhält er Gelegenheit, einer Königstochter die Gesundheit wiederzugeben und in einer Stadt die verstopften Brunnen wieder fließend zu machen und wird von beiden Seiten so reich beschenkt, daß er nun mehr besitzt wie zuvor. Da trifft er den Heiden abermals und erzählt ihm auf Befragen sein Abenteuer. Das lockt denselben, er geht auch hin, um die drei Teufel aufzusuchen, wird aber von ihnen getödtet. „Der Gerechte wird vom Nebel befreit, der Böse kommt darin um." Zu Vergleichen mit ähnlichen Erzählungen giebt dieser Disput zwischen Heide und Jude vielfach Anlaß. In den meisten Variationen, die in den westlichen Ländern verbreitet sind, ist davon nur eine Gegenüberstellung des Guten und Bösen oder ein Streit über Recht und Unrecht beibehalteu worden, wieder in einigen treten statt der Dämonen Thiere auf, während in unserer orientalischen Version doch derSatan dieHauPtrolle spielt. In der dritten Erzählung, die uns noch zu erwähnen bleibt, überrascht ein schöner romantischer Zug, der sich allerdings auch nur in der ältesten Version, nicht aber in der europäischen Ueberarbeitung wieder findet. Ein Jüngling soll sterben, weil sein Vater in der Synagoge gegen einen armen alten Mann unfreundlich gewesen ist. Ein Aufschub wird dem Vater auf seine Gebete bewilligt, und er will seinen Sohn noch seiner Braut verloben, ehe er sterben muß. Dann kommt der Todesengel, um den Bräutigam zu holen. Der Vater bittet ihn flehentlich, sein Leben statt seines Sohnes Leben zu nehmen, aber als der Todesengel seinen Wunsch erfüllen will, erzittert er in Furcht und ergreift die Flucht; ebenso fehlt auch seiner Mutter, die sich für den Sohn opfern will, der Mnth zur Ausführung. Da kommt seine junge liebliche Braut, die kein Zorn des Todesengels einzuschüchtern vermag, und die ernste Opferwilligkeit besiegt den Todesengel, Gott schickt ihnen seine Gnade und bewilligt Beiden noch eine Lebensdauer von 70 Jahren. Die Zusammenstellung dieser vier Erzählungen läßt uns darauf schließen, daß die aufgefundenen Manuskripte als eine Fundgrube interessantesterVariationen der altjüdischen Mythe erscheinen und eineFülle von Anregungen zur weiteren Erforschung dieses bisher so wenig bekannten und kultivirten Gebietes bringen. Ephraim. Von Irene Czerhalmi. I. tragender Herbstsonnenschein ergießt sein Lichtmeer über ^Podoliens kahle Ebenen und webt goldschimmernde Schleier um den dünnen, fahlgrünen Rasenteppich, der gleich zerlumptem Bettlerkleide die beklagenswerthe Nacktheit des mageren Erdreichs nur dürftig verhüllt. Und das Strahlenmeer dringt mit seinen Lichtwellen auch durch die trüben Scheiben des Beltser Hospitals, die vor Zeiten — die Nettesten in der Stadt erinnern sich dessen sogar — auch einmal durchsichtig gewesen und kristallrein geschimmert hatten, aber um welche der seit langen Jahren daraus lagernde Staub und die für Podolien so charakteristischen Fliegenschaaren seitdem längst einen undurchdringlichen Nebelflor gesponnen. Hier und da bricht eine neugierig durch die Scheiben lugende Strahlengarbe durch irgend einen Spalt sich Bahn, und lange Lichtstreifen an den vormals weiß getünchten Wauden malend, zeichnet sie goldene Kringeln auf dem graugelben Fußboden, der an manchen Stellen Spuren der Scheuerung aufweist, die zu Ehren des hohen Festtages versucht worden. Und die Sonnenstrahlen huschen auch über die blaugestreiften Kissen der in Reih und Glied geordneten weichhölzernen Lagerstätten und weben schimmernden Glorienschein um die fahlen Gesichter der Kranken, auf denen theils die reichliche Festtagsmahlzeit und der ausnahmsweise gewährte Wein, theils die herzerhebende Rosch-haschanah-Stimmung ungewohnte Röthe entfacht haben. Leises Summen durchzieht den Raum, das verworrene Gemurmel des von Aller Lippen erklingenden Tischgebetes; von Zeit zu Zeit unterbricht das krächzende Gehüstel und das heisere Geräusper des alten Polen, der in einem der Betten kauert, das eintönige Gemurmel. Dann verhallen die aufsteigenden Tonwellen nach und nach, das Gebet ist zu Ende; die Kranken sinken erschöpft in die Kissen zurück, und tiefe Stille lagert über dem niederen Saal. Die krächzende Stimme des Alten macht der lautlosen Stille bald ein Ende. Hustend und spuckend Lehnt er sich in den Polstern, und zornige Scheltworte, verdrießliches Gepolter klingt von seinen welken Lippen. „Warths nur, nichtsnutziges, undankbares Pack. Nit emol Schono towv wünscht man dem alten, kranken Groß-

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