Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1901)
- Date
- 1901-10-04
- Page
- Seite 478 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228460--57979-3294393- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
478 Sltpldische Märchen. Mitgettzeilt von Hulda Th omaschelvsky. II. as vierte Märchen steht dem bereits erzählten stofflich am nächsten und ist in zwei Versionen vollständig wiedergegeben, weil man gerade beim Parallelisiren dieser beiden die Transformation in Bezug aus das religiöse Element sowie die Anpassung an die nationalen Eigentümlichkeiten augenfällig bestätigt findet. Wir wollen uns zunächst die Persisch-Hebräische Version näher ansehern deren Anfang wiederum einen typischen Zug ans dem hebräischen Volksleben enthält, wie wir ihn in biblischen Erzählungen vielfach finden, der - charakteristisch genug — in der europäischen Bodleiana-Ansgabe gar keine Aufnahme gesunden hat. „Es war einmal ein sehr frommer und gottesfürchtiger Mann, dessen Weib ebenso fromm war. Sie hatten keine Kinder, denn das Weib war unfruchtbar. Sie thaten alles, um ein Heilmittel dagegen zu finden, gaben viel Geld dafür aus, aber nichts half. Darum grämten sie sich sehr bis zu ihrem Alter. Eines Tages sagte das fromme Weib zu ihrem Manne: „Laßt uns unsere Scheidung nehmen, und ich werde einen andern Mann heirathen." Als ihr Gatte das hörte, weinte er und fastete zwei Tage und drei Nächte. Dann nahm er seinen Gebetmantel um und ging auf den Friedhof zu dem Grabe eines sehr klugen und frommen Mannes und betete dort und weinte bitterlich. Da öffnete sich Plötzlich der Boden, und heraus kam eine Schaar Männer mit Gebetmänteln angethan. „Warum," fragten sie, „weinst und schreist Du so?" „Weil ich keine Kinder habe," antwortete er. „Dann weine nicht," sagten sie, „schließe einen Vertrag mit uns, daß, wenn Dil einen Sohn bekommst, Du ihn hierher bringen wirst, nur ihn von uns beschneiden zu lassen; dann wollen wir Dir einen Sohn gewähren." „Ich nehme den Vorschlag all, und sobald mein Weib einen Sohn gebärt, werde ich ihn Euch zur Beschneidung hierher bringen." „Also nächstes Jahr," sagten sie, „wird Dein Weib einen Sohn gebären, aber sage Niemand etwas hiervoll." — Im folgenden Jahr gebar sein Weib einen Sohn. Die Gemeinde fragte: „Wann werden wir das Kind beschneiden?" Und am achten Tage sagten sie: „Warum beschneidest Du Deinen Sohn nicht?" Aber er anwortete: „Ich werde es nicht thun." Und er nahm seinen Sohn lind alles, was zur Beschneiduug gehört, hüllte sich in seinen Gebetmantel und ging dann nach dein Begräbnißplatz, wo er im Gebete stand, bis sich die Erde öffnete. Und die Männerschaar kam heraus, sie nahmen eilig das Kind und gillgell mit dem Vater zusammen weg. Sie spielten und sangen, bis sie ihre Synagoge erreichten. Ihr Rabbi nahm das Kind und beschnitten es nach dem Gesetze, dann gaben sie es dem Vater wieder und sagten: „Geh nun in Frieden." Freudig ging der Vater dahin, bis er Plötzlich sich an einem Platze befand, wo er weder vorwärts noch rückwärts konnte. Er blickte um sich, und da er Niemand sah, ward er sehr beunruhigt und schrie laut, bis die Männerschaar erschien und sagte: „Wenn Du willst, daß wir Deinen Heimweg sicher zeigen, gieb uns Deinen Sohn für sieben Jahre, und wir werden ihn im Gesetze unterweisen; dann kannst Du kommen, ihn abzuholen und in Frieden gehen." Ich will thun, wie ihr gesagt habt," sprach er, gab ihnen seinen Sohn, und sie zeigten ihm den Heimweg. Als er zu Hause ankam, fragte ihn sein Weib nach ihrem Sohn, und nun erzählte er ihr alles, auch voll seiner ersten Begegnung mit den Männern. Nachdem der fromme Mann sieben Jahre gewartet hatte, nahm er wieder seinen Gebetmantel, und begab sich an den bewußten Platz, wo er betete, bis die Männer erschienen und ihm sein Kind brachten. Er sah aus wie eill Engel Gottes, war unterrichtet in der Thora, Mischua und Gemara und in alten Wissenschaften, so daß der Vaterhoch erfreut war und sich mit dem Kinde entfernen wolle. Da sagten die Männer: „Gieb ihn uns noch auf ein Jahr, und wir wollen ihn noch die siebenzig Sprachen der Vögel und Vierfüßler lehren, dann kannstDu ihn holen und mit ihm in Frieden ziehen." Der fromme Mann stimmte zu, und ihnen seinen Sohn anvertranend, ging er nach Hanse und erzählte seinem Weibe alles, was sich ereignet hatte. Als das Jahr um war, ging er wieder hin und erhielt seinen Sohn, voll voll Weisheit und der heiligen Schrift kundig, 70 Sprachen kennend. AufdenlHeinlwegekamen sieaneinen Bach, wo sieihrenDnrst Löschen und ihre Hände und Füße waschen wollten. In dem Allgenblicke kamenzwei Vögel geflogen, die laut schrien. Der Sohn, der das hörte, lachte und weinte. „Warum lachst und weinst Du?" fragte der Vater. Der Sohn antwortete: „Ich lachte, weil ein Vogel mir sagte, ich würde in Zukunft König werden, und ich weinte, weil er mir ferner sagte, daß mein Vater mir einst meine Hände und Füße waschen würde wie ein Sklave." Da sagte seill Vater: „Ich war betrübt und in Sorge, bis Gott Dich mir gab, und selbst dann war ich seit acht Jahren in großer Sorge, und jetzt soll ich Dein Sklave sein? Ich will weder einen Sohn noch Knechtschaft nach Ben Siras Ausspruch: „Wenn eill Sohn sich nicht wie ein Sohn beträgt, dann laß ihn auf dem Wasser schwimmen." Und so ergriff er ihn und warf ihn ins Wasser und kehrte traurig nach Hause zurück." Im weiteren Verlaufe der Erzählung erfüllt sich die Prophezeiung; der Knabe wird natürlich gerettet und gewinnt sich durch Befreiung des Königs von zwei ihn belästigenden Vögeln dessen Gunst, da er der Vögel Sprache versteht und dem König erklärt, daß dieselben als die Seelen zweier ermordeten Juden gekommen sind, um die Bestrafung ihrer Mörder zu erwirken, die dann auch vor sich geht. — Der Jüngling wird vom König zum Vizeregenten ernannt und regiert mit großer Weisheit. Ob seiner Richtersprüche ist im ganzen Lande sein Ruf verbreitet. Auch seine Mutter und seill Vater kommen zu ihm, ohne ihn zu kennen, und seine Mutter forderte voll ihm, er solle ihren Mann fragen, wo ihr Sohn sei (denn er hatte ihr nicht erzählt, daß er ihn ins Wasser geworfen hatte). Hierbei erfüllt sich auch der zweite Theil der Prophezeiung des Vogels; der Vater wäscht ihm, der alle Diener entfernt hat, die Füße, und erst dann giebt sich der Sohn zu erkennen, und sie feierten eill glückliches Wiedersehen. Mit außerordentlicher Lebhaftigkeit tritt uns der Beweis für die oben entwickelte Theorie entgegen, wenn wir diese persische Version mit der europäischen Bodleiana-Ausgabe vergleichen. Die spezifisch jüdische Erzählung, die all die biblische von der Unfruchtbarkeit Sarahs nur zu deutlich anklingt, finden wir darin ganz und gar nicht mehr vor. Während in dem persischeil Märchen die tiefe Trauer von Mann und Weib über den ihnen versagten Kindersegen, die innige Gottergebenheit und die Kraft des Gebetes, die ihren heißen Wünschen Erfüllung bringt, in nur allzu beredten Worten echt altjüdische