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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-04 · Heft 40 (4.10.1901) · p. Seite 477

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 40 (4.10.1901)
Date
1901-10-04
Page
Seite 477 (sequence 11)
Language
German
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477 kann die Existenz von Alt-Jlivn nach den Ausgrabungen Schliemanns nicht mehr geleugnet werden, aber da acht Städte übereinander geschichtet waren und gerade die sechste für jenes Troja gehalten wird, das Agamemnon zerstört hat, so fragt Schreiner, warum gerade diese Zerstörung einen der wichtigsten Marksteine der Geschichte gebildet haben solle? Wer da weiß, wie es um die biblische Chronologie gegenwärtig noch bestellt ist, der wird die oben erwähnte Zusammenstellung der beiden Jahreszahlen vom Sturze Jerichos und Pergamums doch wohl mit zu den Füllen ausgesprochener Naivetät zählen müssen, die der Verfasser an der alten Ueberlieferung hervorhebt. Seine erste Hypothese lautet: Troja gleich Jericho! Darauf wird nun weiter gebaut: Wenn der trojanische Krieg Homers den historischen Sturz Jerichos zur Grundlage hat, so bietet sich ungerufen die poetische Gestalt des Odysseus von selbst als das Schattenbild des biblischen Josua dar. Die Allsführung des Vergleichs ruht allerdings auf thönernen Füßen. Sie gipfelt iir der Erkenntniß, daß bei Odysseus wie bei Josua List und Klugheit die Hauptrolle gespielt haben, denn auch der Letztere hat die Stadt Ghaj „durch jene List des Hinterhaltes und der Scheinflucht gewonnen, welche gerade für die Dichtung vorbildlich geworden ist." Die zweite Hypothese ist also: Odysseus gleich Josua! Auf der Grundlage dieser beiden Hypothesen schreitet nun unser Holländer muthig weiter. Wenn Odysseus auf Josua zurückzuführen ist, so müssen alle seine Erlebnisse mit der Geschichte der Israeliten zusammenhängen. Schreiner geht nämlich von dem Grundsatz aus, daß keine wesentliche Angabe des Dichters für ein reines Phantasiegebilde zu halten sei, sondern daß selbst für die geringfügigsten Episoden irgend welche historische Ueberlieferung und Kunde vorausgesetzt werden müsse. Für die vielgesuchten homerischen Oertlichkeiten bietet sich ihm nun das engbegrenzte Gebiet zwischen dem Nil und dem Euphrat dar, das die Heimstätte der wichtigsten biblischen Erzählungen ist. Merkwürdigerweise erstreckt sich nun nach dem Wortlaut des Textes die achtjährige Irrfahrt des Menelaos annähernd aus das gleiche Gebiet. Diese „Annäherung" ist allerdings ebenso naiv wie die sechsunddreißig Jahre zwischen dem Fall Ilions und dem Jerichos, aber der Autor giebt sich mit derartigen Kleinigkeiten nicht ab; er stellt unverzagt die Behauptung auf, daß die Geschichte des Volkes Israel von dem Dichter Homer mit genialem Ueberblick und bewunderungswürdigem Aufbau unter dein Schleier einer geheimnißvollen Sprache zur meisterhaften Darstellung gebracht worden sei. Daß Homer als Asiate die Heldeugeschichte Israels gekannt haben muß, steht ihm außer Zweifel, und er kann den Dichter nicht genugsam bewundern, der sich einerseits für die Heldengeschichte eines fremden Volkes interessirte und andererseits es so wohl verstanden hat, ihre Darstellung den heimathlichen Verhältnissen anznpassen. Die dritte Hypothese lautet darum: Die Odyssee — ein mysteriöses Epos. Diese dreifache Hypothese übergiebt nun der holländische Gelehrte der Oeffentlichkeit. allerdings nicht ohne ein Gesühl der Beklemmung, da er sich genau bewußt ist, welches Wagniß er mit dieser neuen Erklärung der Odyssee, mit der Enthüllung seines großen Geheimnisses unternommen hat, und wir haben ein sympathisches Mitempfinden mit dem Manne. Drei Ereignisse der Odyssee führeil ihn auf seinen Weg: die Nymphe Kalypso auf Ogygia, König Alkinoos auf Scheria und des Odysseus Heimkehr nach Jthaka. Wenn Odysseus mit Josua zu identifiziren ist, so liegt es zweifellos nahe, die Wirthin Rah ab, welche bei der Einnahme Jerichos eine so merkwürdige Rolle spielt, mit der Nymphe Kalypso in Zusammenhang zu bringen. Denn auch diese war eine listenreiche Frau. In dem Augenblick, da sie die fremden Kundschafter ans dem Dache verborgen hatte, ertheilte sie den Boten des Königs den Bescheid: „Nachdem es finster ward, schritten sie durch das Thor; aber jagt ihnen eilends nach, und Ihr werdet sie einholen." Wenn schließlich die Kundschafter an einem rothen Seile durch das Fenster an der Mauer niedergleiten und auf deil Rath ihrer Beschützerin „in den räumigen Grotten" eines nähen Berges drei Tage lang sich verbergen, so liegt wiederum der Vergleich mit der griechischen Sage sehr nahe, und Schreiner stellt die beiden Begriffe der bergenden Frau und der räumigen Grotten kühn in den Vordergrund. Dies wird ihm um so leichter, als nach der Sage auch die Nymphe Kalypso zwei Söhne hinterlassen: Nanstthoos und Nausinoos, also den rüstigen und listigen Wüstenfahrer Kaleb und Josua, und er folgert nun, daß die älteste Ueberlieferung erst die beiden Kundschafter Israels mit den beiden Führern des Volkes identifizirte, hernach auf die untergeordnete Persönlichkeit des Rüstigen Verzicht geleistet zu Gunsten des Listigen, schließlich aber unter gänzlicher Verschiebung der Sachlage die Episode in gewohnter Weise auf das Gebiet Amors hinübergespielt habe. Leider hat die Geschichte schon hier einen bedenklichen Haken. In der Bibel steht nichts von räumigen Grotten, sondern nur von einem Gebirge, in das sich die Kundschafter flüchteten. Nicht viel besser steht es mit dein Vergleich der Oertlichkeiten auf Ogygia und Jericho. In der Odyssee heißt es, daß das baumreiche Gelände, auf welchem die Nymphe Wohnung genommen, umveit der Stelle gelegen, woselbst gerade „der Nabel des Meeres" ist. Nun beginnt zwei Stunden von Jericho entfernt der Nordsaum des todteil Meeres, dessen Spiegel vierhundert Meter unter dem Mittelländischen Meere gelegen ist. Da nun die Fluchen des Jordan und andere Flüsse von allen Seiten sich in das Meer ergießen, welches keine sichtbare Ableitung hat, so konnte sich im Alterthum wohl die Meinung gebildet haben, daß nach irgend einer Seite hin ein unterirdischer Abfluß zu den Wogen des Weltmeeres stattfinde, eine Voraussetzung, welche die Bezeichnung „Nabel des Meeres" rechtfertigen könnte. So steht die Hypothese, wenigstens nach der Meinung Schreiners, geographisch auf positivem Standpunkt, denn die Thatsache, daß Homer seine Nymphe auf „meerumrauschtem Eilande" wohnen ließ, während Jerichos Gebiet eine Oase in der Wüste bildete, beseitigt er mit der Erklärung eines „ebenso schlichten wie sicher täuschenden Poetischen Kunstgriffs", der ein bekanntes Binnengelände von vornherein mit einem undurchdringlichen Schleier umgiebt. Auch die Grotte der Nymphe und deren Umgebung weiß er mit der Oertlichkeit in und um Jericho, auf der die Rahab-Szene sich abspielt, in Zusammenhang zu bringen, lind schließlich kommt der Haupttrumpf. Der Dichter nennt das Eiland Ogygia, und die Bibel nennt jenen Ort bei Jericho, welcher der erste Lagerplatz des israelitischen Volkes war, Gilgal. „Lassen wir aber im Namen Gilgal die erste Liquida sich vokalisch erweichen und die zweite sich abschleifeu, so erhalten wir eine hypothetische Stufe Gygia." 6. L. (Fortsetzung folgt.)

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