Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1901)
- Date
- 1901-10-04
- Page
- Seite 476 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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476 Lehrmethode und in der Art und Weise, in welcher sie die Charaktere der zwei betreffenden Völker modellirten. Die auffälligste Gleichheit, die ich bemerkt habe, ist die Betonung der Wichtigkeit des Gebotes: „Ehre deine Eltern." Dieses ist eines der Gebote, die Moses am Berge Sinai gegeben, und dieses ist das Grundprinzip der Ethik, die Confucius niedergelegt hat. Nun ist dem fünften Gebote Moses ein Versprechen beigegeben. Er sagt: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebest in dem Lande, das Gott dir giebt." Es ist eine bedeutsame Thatsache, daß dieses Versprechen in China schon erfüllt ist. In China folgen wir diesem von Confucius niedergelegtem Gesetze. Ein Sohn, welcher seinen Eltern gegenüber nicht pflichtgetren ist, der nicht für sie sorgt, wenn er es kann, ist ein Ausgestotzener in China. Niemand will etwas mit ihm zu thnn haben. Wir müssen nicht vergessen, daß die mellschliche Natur von drei Punkten aus zu betrachten ist — physikalisch, intellektuell und moralisch. Beim Lehren der Knaben müssen diese drei Dinge nie außer Acht gelassen werden. Dem einen sollte nie auf Kosten des anderen der Vorzug gegeben werden. In diesem Lande haben Sie ein ganz vorzügliches Lehrsystem. Sie trainiren ihre Knaben und Mädchen in bewunderungswürdiger Weise intellektuell und physikalisch. In China haben wir leider nicht ein solch gutes System zur Entwickelung der intellektuelleil und physikalischen Alllagen des Jünglings. aber ich kann Sie versichern, daß wir der moralischen Erziehung größere Aufmerksamkeit znwenden. In unseren Schulen und Kollegien wird es als Hauptzweck betrachtet, den jungen Mann für die Zeit vorzubereiten, wo er alt genug zum Heirathen sein wird. Wir erziehen ihn zu den Pflichten des Vaters, des Ehegatten, des Sohlles, des Unterthan und des Freundes. Die Chinesen und die Juden sind immer Freunde und nicht Feinde gewesen. Beide sind verfolgt lind verachtet worden — mindestens haben bedeutende Vorurtheile gegen beide geherrscht. Dieses Vorurtheil erwuchs ans Nnkenntniß der Thatsachen und war das Resultat eines engen Gedankenkreises. Hätte sich dieses Vorurtheil als ein Resultat von Verbrechen oder Schwächen gezeigt, so wäre es berechtigt gewesen; aber das waren nicht die Gründe. Die Juden und die Chinesen werden nicht verachtet wegen ihrer schlechten Leidenschaften — obwohl sie einige haben mögen — sondern wegen ihrer guten Eigenschaften, wegen ihrer Industrie, Oekonomie, konsequenten Fleißes und geschäftlicher Tüchtigkeit. Diese Qualitäten besitzen die Juden in ganz hervorragendem Maße, und gerade deshalb haben sie das Vorurtheil anderer Völker hervorgerufen, und diese guten Qualitäten theilen die Chinesen mit ihnen, und deshalb sind auch sie verachtet. Wohin ich gehe, höre ich Murren gegen die Juden, und wenn ich frage, warum solche Gefühle gehegt werden, dann ist die einzige Entschuldigung, daß sie zu „ente" lscharf, schlau) sind. Dieses beweist aber nur, daß sie gute Geschäftsleute sind. Dieses Vorurtheil besteht gegen sie und gegen nns, aber anstatt uns darüber zu ärgern, wollen wir dankbar dafür sein, denn es ist ein Beweis unserer Superiorität. Es macht uns vorsichtig und stimulirt. Es macht uns thatkrästig. (I'uls ns on our mottle.) Ein Mann muß sich anstrengen, um vorwärts zu kommen, gleichfalls eille Nation. Laßt uns sreidenkend sein. Laßt unser Ziel sein, Gutes zu thun zum Wohl der größten Anzahl. Welchen Grundsätzen wir auch folgen, welcher Religion wir allgehören, es giebt gewisse hohe Prinzipien, welche, wenn wir ihnen folgen, uns zum Rechten führen. Wenn wir, unserm Gewissen folgend, streben, Recht zu thun, dann werden wir respektirt werden. Das Glück einer Volksrasse kann nicht auf Kosten einer anderen Nasse oder Religion erreicht werden, sondern nur durch Arbeit für das allgemeine Wohl des Volkes. Die beste Religion ist „Uro xoläe» Hule.*) Sie haben sie hier. Wir haben sie in China. Laßt uns zusammen arbeiten — alle verschiedene Begriffe lind alle verschiedenen Prinzipiell und Religionen, laßt uns arbeiten für das Wohl der Menschheit. Laß uns für die Kranken arbeiten und *> Hie zoteten kt ule — die goldene Regel. Mit diesem Ausdruck wird ill Amerika kurz das Sprichwort: Do uuto ottiers, as ^ou tiave tbem 60 linto zou bezeichnet, welches dem deutschen „Was du nicht willst, das man dir thu', das füg auch keinem Andern zu" gleichkommt. freundlich zu ihnen sein. Laßt uns diese große Wohlthat üben — Philantropie. Dieses sind die besten moralischen Prinzipiell. Wenn wir Alle dieses thun werden, dann werden wir dem großen Spruche Confucius' gerecht geworden sein: „Behandle alle Menschen gerecht und auf gute Art, denn innerhalb des vier Seeen sind alle Menschen Brüder und Schwestern." So spricht ein „Barbar", ein Chinese! Ich bin weit davon entfernt, die Chinesen zu vertheidigen, oder gar ihre Handlungsweise, die zur Chinaexpedition führte, gutheißen zu wollen, aber unwillkürlich drängte sich mir der fromme Wunsch auf: Oh. ähuelten doch unsere Barbaren mehr den chinesischen! Aas Gchermniß der Odyssee. i. nsere antisemitischen Gymnasiallehrer — es soll jawohl solche geben! — werden kein sonderliches Vergnügen haben an der neuesten Hypothese ans dem Gebiete der Homer-Forschung. Dem genialen Einfall, daß der Riese Polyphem eigentlich ein Gorilla oder zum Mindesten ein Gorillamensch gewesen sei, schließt sich würdig und ebenbürtig der nicht weniger verblüffende Einsall an, den ein holländischer Gelehrter der Welt kundgiedt und der nichts Geringeres beweisen soll, als daß die homerische Odyssee „ein mysteriöses Epos" sei, das die altisraelitische Geschichte darstellen sollte: „Homers Odyssee — ein mysteriöses Epos." Von Joseph Schreiner (Braunschiveig und Leipzig. Richard Sattler, 1901). In seltsamer Weise wird uns die Erklärung vermittelt. Es ist nämlich der Verleger des Buches, der zuerst auf den Plan tritt, um die Entdeckung vorzubereiten. Er erzählt uns, daß der Autor, Professor Schreiner von dein Collegium Albertinum in Venloo, in seinem Buche darlege, die Epen Homers seien „keineswegs nur der dichterischen Phantasie des Autors entsprungen, sondern daß dem Dichter zweifellos historische Begebenheiten der alten israelitischen Geschichte als Vorbild gedient hätten". Nachdem unsere Spannung so erweckt ist, erhebt der Autor sein Wort. Er hat sich oft gefragt, welche Gründe und Verhältnisse die Menschen Jahrhunderte hindurch davon zurückgehalten hätten, die Ueberlieferungen über den trojanischen Krieg, dessen ganze Entwickelung das Gepräge des Mythus zur Schau trägt, „ans Grund ihrer Naivetät" rück haltlos dem Reiche der Dichtung zu überweisen. Die ausge sprochene Naivetät der Ueberlieferungen sucht er nun zu begründen und dadurch den Gedanken an „ein Ouiäproguo der Ueberlieferung und eine Translokation des Interesses" zu rechtfertigen, denn, so schließt er weiter, die damalige Zeitgeschichte hat ein denkwürdiges Datum aufzuweisen, dem der Dichter seinen Stoff entnommen haben konnte. „Setzen wir nämlich nach Eratosthenes den Zug der Achäer gegen Troja auf das Jahr 1194 und bestimmen wir nack Hummel das Jahr 1230 als Ausgangspunkt für die Eroberung des Westjordanlandes durch das Volk Israel, so stehen sich zwei wichtige Ueberlieferungen der Vorzeit, welche sich wie Dichtung und Wahrheit zu einander Verhalten, um die geringfügige Differenz von 36 Jahren gegenüber, der Sturz von Jericho und der Fall von Pergamum." An den Sturz von Jericho und die Eroberung des Landes Kanaan knüpft sich jene Völkerflucht nach dem weiten Westen, welche ans dem Fall Ilions nimmermehr hätte erfolgen können. Allerdings