Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1901)
- Date
- 1901-10-04
- Page
- Seite 474 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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474 großer Theilnahme von nnh und fern statt; vierzig Rabbiner — größtenteils seine Schüler — folgten seiner Bahre. Durch sein Wirken als Lehrer in Israel, als Gelehrter und Forscher, lvie auch als unerschrockener Vorkämpfer für die bürgerlichen Rechte seines Stammes hat er sich in der jüdischen Geschichte ein unvergängliches Andenken gesichert. Er war einer der Besten und Edelsten seines Zeitalters, einer der großen und verdienstvollen Männer in Israel. Es passen auf ihn die prophetischen Worte: „Die Lehre der Wahrheit war in seinem Munde und Frevel ward nicht gefunden auf seinen Lippen; in Frieden und Redlichkeit wandelte er vor mir, und Viele führte er voll Sünde zurück. Denn die Lippen des Priesters lehrten Erkenntnis; — die Lehre erforschten sie bei ihm." Heinrich Graf von Condenliove. Biographisches Notizdlatt von Nahida Ruth Lazarus. ^ÄA^a, sieh Dir einmal die Stelle an." Mit diesen Worten schob mir mein Lazarus das dicke, große, 526 Seiten starke Buch zu, daß der Antor ihm geschickt, und das wahrlich keine Erhvluugslektüre für einen Sommeransenthalt in Jnterlaken zu sein schien. Einen Blick auf den Titel werfend: „Das Wesen des Antisemitismus" u. s. w., wußte ich bereits, daß der Verfasser ein Wiener sei und zur Familie des bekannten kaiserlichen Statthalters nnd Gouverneurs von Böhmen von Coudenhove gehöre. „Was kann uns aus Oesterreich kommen?" seufzte ich. „Ein Mitglied der hohen Aristokratie —" „Offizier und Diplomat —" „Also Jesuiteuzögling und Klerikaler," - unbehaglich schob ich das Buch zurück. „Warum soll ich mir das Herz schwer machen? Lieber doch die „Jungfrau" ansehen, die weiß noch nichts von Antisemitismus!" nnd schon wandte ich mich dem Fernrohr zu, das auf unserer Hvtelveranda ausgestellt war, und durch welches ich alltäglich mit dem Silberhoru liebäugelte. „Die Jungfrau wird heute Abend noch schöner sein, ich glaube, es giebt Alpenglühen; also da! lies! hier erst im Vorwort" — Ich gehorchte und las: „In meinem Stammbaum findet sich nicht die geringste Spur jüdischen Blutes. Wäre dies aber der Fall, so würde ich dieses nicht nur nicht verschweigen, sondern es geradezu freudig bekennen, weil ich stolz wäre ans eine mögliche Stammesverwandtschaft mit den heiligsten Männern und Frauen, die je auf diesem Planeten gewandert sind." Stumm saß ich da und starrte überrascht vor mich hin. Lazarus aber suchte mit leuchtendem Blick eine zweite längere Stelle aus und las sie vor; die Schlußworte lauteten: „In dieser Standhastigkeit <der Inden) liegt ein so kolossaler Heldenmulh, eine so überirdische Größe, eine derartige Majestät des Charakters, daß ich nicht umhin kann, mich vor diesen Duldern ehrfurchtsvoll zu beugen in grenzenloser Bewunderung und rufe statt: „Jude, Jude, hev, hep, hep: Juda, Juda, hip, hip, hnrrah!" Kopfschüttelnd hatte ich zugehört. „Gelt? der echte Husar!" „Das aber ist gerade das Werthvvlle!" rief ich beinahe ungestüm, „daß ein ein echter Husar solch ein Buch schreibt, daß aus solcher Sphäre solche Bewunderung Israels kommt!" Natürlich fing ich nun das Buch zu lesen an .. . Noch in Jnterlaken traten wir mit dem Grafen in Beziehung. Der dazu berufene Kritiker der „Zeitung des Judenthums" wird sich jedenfalls eingehend mit dem genannten Werk beschäftigen, ich will hier nur die günstige Gelegenheit wahrnehmen, über die Persönlichkeit des merkwürdigen Mannes zu sagen, was ich weiß. Es sind authentische Daten, die wir von ihm sebst erhalten haben. GrafHeinrich Coudenhove ist in Wien am 12. Oktober 1859 geboren — also jetzt ein Mann im blühendsten Alter; er ist Herr der Herrschaften Ronsperg, Stockau und Muttersdors in Böhmen und Zamuto Aghagos, Mernyik und Jestreb in Ungarn. Er ist Doktor der Rechte und kaiserlich und königlich österreichisch-ungarischer Legationssekretär a. D.; seine Eltern sind der im Jahre 1893 verstorbene Graf Franz Coudenhove, kaiserlich nnd königlicher Kämmerer und Legationsrath a. D., und Marie, Gräfin Coudenhove, Tochter von Johann von Kalergi und der Gräfin Marie Nesselrode?) Graf Heinrich wurde im Jesuitenkollegium zu Kalksburg erzogen, legte seine Maturitätsprüfung im Theresianum ab, studirte Jus ans der Wiener Universität, diente als sreiwilliger Husar beim sechsten Husarenregiment, wurde 1881 Offizier, dvktorirte im Jahre 1883 und ging dann, von unbezähmbarem Lerutrieb geleitet, auf Reisen. Vorerst führte ihn sein Stern nach Shrien und Aegypten, hauptsächlich um sich in der arabischen Sprache auszuknlden; er diente dann wieder, aber nur kurze Zeit, bei einem Husarenregiment in Bosnien. Seine Talente und Kenntnisse bewogen ihn, sich ernstlich dem diplomatischen Berns zu widmen. Er kam im Jahre 1884 als (unbesoldeter) Attachö zur österreich-ungarischen Gesandtschaft nach Athen, legte ein Jahr später die Diplomatenprüfung ab und ging nun als Attache nach Buenos Aires, bereiste Paraguay nnd die brasilianische Provinz Matto Grosso und oblag in den dortigen wildromantischen, zum Theil noch von Urwald bedeckten Ebenen aufregenden und hartnäckigen Jaguar- und Pumajagden, die ihm den doppelten Gewinn brachte», nicht blvs als Jäger der Gefahren Herr zu werden, sondern als Forscher Land und Leute kennen zu lernen. Im Jahre 1887 wurde Coudenhove zur Botschaft nach Konstantinopel versetzt, wo er als Legatiousfekretär bis 1891 verblieb. Fortwährend bedacht, seine Erfahrungen zu bereichern, unternahm er zwischendurch Studienreisen nach Indien (1890) und ein Jahr später nach dem herrlichen Kaukasus. 1891 finden wir ihn von Neuem in Amerika — in Rio-Janeiro — nach sechs Monaten jedoch wiederum als Geschäftsträger nach Japan versetzt. In Japan nahm das Schicksal des Vielgereisten eine für ihn selbst überraschende Wendung — er verliebte sich in eine reizende Japanerin und heirathete sie 1892 in Tokio. Das junge, erst sechzehn Jahre alte Mädchen entstammte einem alten bekannteil Kaufmannsgeschlecht. Das liebliche Kind des Landes hieß Mitsu Ayoama und wurde erst drei Jahre später, 1895 vom Erzbischof voll Tokio getauft. Ein charakteristisches Zeichen für die schon damals sich kundgebende Vorurtheilslosigkeit des Grafen, der sich wiederholt in seinem Werk als strenggläubigen Katholiken bezeichnet! — Dieses h Dieser Gräfin Nesselrode hat Richard Wagner seine Streitschrift: „Das Judenthnm in der Mnlik" gewidmet. Und nnn schreibt der Enkel dieser Frau ein Buch sü r das Judenthum. Ist das nicht auch eine Ironie der Weltgeschichte? Die Redaktion.