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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-04 · Heft 40 (4.10.1901) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 40 (4.10.1901)
Date
1901-10-04
Page
Seite 473 (sequence 7)
Language
German
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473 der Juden in theologischer und historischer Beziehung" (1890). Es handelte sich um Beseitigung der schmachvollen Eidesformel more juclaioo, die Jahrhunderte lange Gehässigkeit und Mißachtung gegen die Inden geschaffen hatte. Welche Wirkung dieses Buch heroorgerufen hat, geht aus der Thatsache hervor, daß Prinz Johann, der nachmalige König von Sachsen, mit diesem Buche in der Hand in der ersten Kammer erschien und daraus vorlas, auf die Aushebung der mittelalterlichen Eidesformel der Juden dringend. In der Thal wurde auch bald in Sachsen die Eidesformel, wenn auch nicht gänzlich beseitigt, so doch erheblich gemildert. Die Berliner Judenschaft, die einen unerschrockenen Führer und Lehrer wünschen mußte, bemühte sich in jenen Tagen um so eifriger, Frankel zur Uebernahme des Oberrabbinats zu bewegen. Nach langen Unterhandlungen wurde auch im August 1892 die formale Wahl Frankels vollzogen. Doch sollte sich die Sache zerschlagen, da Frankel in der Folge einsah, daß seine Stellung in Berlin keine völlig unabhängige sein werde. Bevor er jedoch die Wahl endgiltig abgelehnt hatte, richtete er an den damaligen preußischen Kultusminister v. Eichhorn ein Sendschreiben, in welchem er mit seltenem Freimuth der Regierung ihr ungerechtes Verhalten gegen die Juden vorhielt. In diesem Schreiben, das in jenen Tagen die Rnnde durch alle angesehenen Zeitungen in Deutschland machte und großes Aufsehen hervorrief, kommen die Worte vor: „Ich gehe uun zu dem Zustand der Synagogen in Preußen über. Dieser st so heillos, es erfährt die Synagoge feit einer Reihe von fahren eine Mißachtung in den preußischen Staaten, wie sonst 'elten.Die Nichtbeachtung, die die Synagoge in Preußen erfährt, die Erklärung, „daß die jüdische Religion nur geduldet >ci und ihre Bekenner keine kirchlichen Offizianten haben" Reskript vom 11. März 1823) schmerzt tief, enthält die kränkendste Verletzung für alle Bekenner der jüdischen Lehre." Sehr charf äußerte sich Frankel in diesem Schreiben gegen das Treiben der „Jndenmission", die von oben weitgehende Förderung erhielt. „Es spiegelt sich in diesen Vorführungen das Bild der moralischen Folter ab; es wird durch sie Unfriede und Unheil irr den Schoß der Familien ausgestreut und die Gewissensruhe untergraben; und da man eine Reciprozität nicht pigesteht (und die Synagoge würde auch hiervon keinen Gebrauch machen, würde Bekehrungen solcher Art mit dem tiefsten Unwillen zurückweisen), so gilt dieses System nur der gedrückten und verachteten Synagoge. Auch diese Schmach muß abgethan werden, wenigstens muß dem angegriffenen Theil die Abwehr ireistehen, und ich werde es zu meiner Lebensaufgabe machen, bas Gewebe des Truges und der Verführung (denn welchen Händen ist oft das Missionswesen anvertrant!) zu enthüllen, die Uünste der Lüge und der Täuschung und der Vorspiegelung, deren man sich bedient, aufzudecken, das schändliche von Missionären und Proselyten mit dem Heiligsten getriebene Spiel in seiner eigentlichen Gestalt darzustellen und auf das minder Verdienstliche der Beförderung solcher Kriegserklärung gegen die Synagoge aufmerksam zu machen." Es kann somit nicht Wunder nehmen, daß das Ansehen Frankels im Laufe der Jahre immer mehr wuchs. In den vierziger Jahren gingen die Wogen der Reformationsbewegung in der deutschen Judenheit sehr hoch. Im Jahre 1844 hatte die Rabbinerversammluug von Braunschweig stattgefunden, die in allen Kreisen große Aufregung hervorrief. Für das Jahr 1845 war eine größere Rabbiuerversammlung nach Frankfurt a. M. einberusen, und Frankel sagte sein Erscheinen zu. Er hoffte, durch sein Eingreifen die Gegensätze ausgleichen zu können und einerseits die Versammlung von radikalen Beschlüssen zurückhalten, andererseits aber auch die konservativen Elemente beruhigen und zu mäßigen Geständnissen bewegen zu können. Freilich ist es nachher ganz anders gekommen, denn schon in den ersten Sitzungen wurde die Frage der hebräischen Gebetssprache mit großer Leidenschaftlichkeit erörtert, und als die Versammlung mit einer unerheblichen Stimmenmehrheit den Beschluß faßte, die hebräische Gebetssprache sei weder objektiv noch subjektiv nöthig, sondern dermalen zu entbehren, trat Frankel mit einer geharnischten Protesterklärung aus der Versammlung. Frankel begann seitdem seine Anschauungen auch publizistisch zu verfechten, da seine Absicht, gegen die Rabbinerversammluug eine Theologenversammlung einznbernfen, scheitern mußte. Indessen gab er bald darauf den publizistischen Kampf auf; er fühlte sich ermüdet von dem Tageskampf, weshalb er seine Kräfte nur noch den wissenschaftlichen Forschungen widmete. Auch die politischen Ereignisse trugen damals dazu bei, die Reformations, bewegung bei den Juden einzudämmen; das öffentliche Interesse konzentrirte sich ausschließlich aus die politische Diskussion, von der auch die Stellung der Juden in Deutschland so wesentlich beeinflußt wurde. Von den zahlreichen wissenschaftlichen Schriften Frankels mag besonders die eine erwähnt werden, in der er die Rechte der Juden in Preußen verfocht: „Der gerichtliche Beweis nach mosaisch-talmudischem Recht" (1846). Es handelte sich damals um die Bewerthung jüdischer Zellgenaussagen vor preußischen Kriminalgerichtshöfen, die sehr herabsetzend und verletzend für die Inden war. Frankel hatte scholl zuvor in Zeitungsaufsätzen diese mittelalterliche Geringschätzung des Judenthums bekämpft; in der genannten Schrift that er dies auf Grund eines reichhaltigen Materials in streng wissenschaftlicher Methode und fand damit großen Beifall und vielseitige Zustimmung. Eine neue Epoche begann im Leben Frankels, als er im Jahre 1854 als Direktor des damals ins Leben gerufenen ersten deutschen Rabbinerseminars nach Breslau berufen wurde. Auch in dieser segensreichen Thätigkeit war er für die Verwirklichung seines Ideals bemüht, den Frieden in den Gemeinden zu erhalten, indem er seine Schüler stets zum Betreten des Weges der goldenen Mitte ermahnte. Es war dies bei ihm nicht Opportunitätsstreberei, sondern der innige Wunsch, die Judenheit nicht durch innere Kämpfe und religiöse Streitigkeiten zu spalten. Er entfaltete in den zwanzig Jahren seiner Wirksamkeit als Direktor des Rabbinerseminars eine reiche erzieherische und wissenschaftliche Thätigkeit. Seine Forschungen umfaßten das Gebiet der beiden Talmuds, die er methodologisch und kritisch behandelte, aber auch das jüdisch-alexandrinische Schriftthum und die spätere rabbiuische Epoche. Außerdem gab er seit dem Jahre 1852 die „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums", in der er selbst zahlreiche werthvolle und gediegene Arbeiten veröffentlichte. Bis in das spätere Alter arbeitete Frankel mit ungeschwächter Geistessrische. Noch kurze Zeit vor seinem am 13. Februar 1875 erfolgten Tode schickte er das druckfertige Manuskript eines grundgelehrten Werkes über den palästinensischen Talmud ab. Sein Leichenbegängniß fand unter

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