Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1901)
- Date
- 1901-10-04
- Page
- Seite 472 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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472 dessen gekränktes Recht trat er ebenso muthig wie erfolgreich ein. Am 23. Tischri 5562, am Tage der „Gesetzesfreude", wurde Zacharias Frankel im Prager Ghetto geboren. Er stammte von einer vornehmen und gelehrten Familie ab. Man darf ohne Uebertreibung sagen, daß die Liebe zu der jüdischen Lehre und das Eintreten für die verfolgten Stammesgenvssen in dieser Familie seit Generationen erblich war. Und so wuchs auch Zacharias Frankel in solchen Traditionen auf. Frühzeitig wurde er mit dem jüdischen Schriftthum vertraut gemacht; aber auch profanes Wissen wurde ihm nicht vorenthalten. Nach absolvirtem Gymnasialstudium mußte er sich nach Budapest begeben, weil im ganzen Kaiserstaat Oesterreich damals nur diese Hochschule jüdischen Hörern offen stand. Frankel studirte eifrig Philosophie, Pädagogik und orientalische Sprachen; er bereitete sich für das Amt eines Lehrers in Israel mit gründlichem und umfangreichem Wissen vor. Und als er im Jahre 1832 zum Rabbiner von Töplitz und des Kreises Leitmeritz ernannt wurde, erkannte inan alsbald, daß sich in diesem jungen Gelehrten viel Wissen, ernster Charakter und große Thatkrast vereinigten. Frankel war der geborene Organisator. Er besaß Feuereifer, Muth und Ausdauer. Dazu war er im höchsten Grade anspruchslos und uneigennützig. Wenn man sein Leben und sein Wirken betrachtet, so drängt sich Einem unwillkürlich der Gedanke auf: die Zeit bedurfte eines Mannes und schuf sich einen solchen in Zacharias Frankel. In Böhmen war seine Thätigkeit auf Schritt und Tritt eingeengt und beschränkt. Die damalige österreichische Regierung wollte, im Gegensatz zu der preußischen, die Reformbestrebungen der Juden fördern, aber sie gab ihnen einen polizeilich-büreaukratischen Zuschnitt. Was nach dieser Richtung in Böhmen an Lächerlichkeiten und an polizeilicheil Chikanen geleistet wurde, darüber ließ sich ein interessantes Buch schreiben. Böhmen war somit nicht der Ort, wo Zacharias Frankel Ersprießliches leisten konnte. Aber glücklicherweise wurde man in den dreißiger Jahren auf diesen jungen, aber vielversprechenden Gelehrten von verschiedenen Seiten aufmerksam. In Berlin und in Dresden beschäftigte man sich gleichzeitig mit dem Gedanken, ihn als Oberrabbiner zu berufen. Dresden war damals eine kleine, aber aufstrebende Gemeinde, und die Regierung hatte die beste Absicht, an die Spitze dieser Gemeinde eine Persönlichkeit von hervorragendem Organisationstalent zu berufen, um so auch die bürgerliche Gleichstellung der Juden in Sachsen herbeizuführen. Die Wahl fiel ans Frankel, der in der ehrenvollsten Weise seine Berufung nach Dresden erhielt. Freilich das Einkommen, das ihm geboten werden konnte, war auch für die damaligen Verhältnisse klein — 700 Thaler. Unterdessen arbeitete aber Josef Muhr in Berlin eifrig an der Berufung Frankels nach dieser schon damals reichen und vornehmen Gemeinde. Diese Anregung fand bei dem Vorstande der jüdischen Gemeinde wie auch bei der Negierung sehr sreundliche Aufnahme. Aber es gab doch große Schwierigkeiten zu überwinden, und die Sache konnte zu keinem gedeihlichen Abschluß gelangen. Frankel ging somit im Jahre 1836 nach der Hauptstadt Sachsens, wo er eine segensreiche Thätigkeit entwickelte. Einige Jahre darauf konnte der sächsische Kultusminister die Dresdener Gemeinde als eine Mustergemeinde hinstellen. Frankel ordnete das Schulwesen, stellte einen würdigen Gottesdienst her, der in dem ueuerbauten Gotteshause stattfand. Auch das Stenerwesen der Gemeinde war veraltet und ungerecht; Frankel reformirte es von Grund aus, wobei es ihm natürlich nicht an Gegnern fehlte, die ihn befehdeten und ermüdeten. Um jene Zeit, wo seine Stellung in Dresden eine so schwierige war, wo er bei reichen Freunden in fremden Gemeinden um Beiträge für den Synagogenbau in Dresden betteln mußte, in derselben Zeit wurde ihm das Oberrabbinat in Berlin mit 3000 Thalern Jahresgehalt angeboten. Auch die preußische Regierung interessirte sich lebhaft für diese Wahl und versprach Frankel, ihm in allen möglichen Dingen entgegenzukommen, wenn er die Wahl annähme. Aber Frankel konnte und wollte nicht die arme Gemeinde in Stich lassen, blos nin seine materielle Lage zu verbessern. Er blieb dabei, daß die Gemeinde ihn nicht entbehren könne und er nicht des besseren Einkommens wegen sein Lebenswerk verfallen lassen wolle. Und mitten unter diesen Kämpfen und dieser schweren Arbeit schuf er eines seiner bedeutendsten wissenschaftlichen Werke, das seinen Ruf als Gelehrter und Forscher begründen und verbreiten half. Wir meinen seine „Vorstudien zu de: Septuaginta" (1841), worin er sein immenses Wissen sowohl auf talmudisch-halachischen Gebiet, als auch in der griechischen Sprachforschung bekundete. Man braucht nicht die Prämisse Frankels — daß nämlich in der Septuaginta Grundsätze und Methode der Halacha niedergelegt worden seien — znzngeben um dieses Werk nichts desto weniger zu bewundern und di> Leistung Frankels hoch zu bewerthen. Es ist da eine Füll, von gründlichen Untersuchungen niedergelegt, die an sich vor bleibendem Werthe sind. In der That wurde auch diese Buch in den Kreise» der Fachgelehrten sehr gut ausgenommen es hat seinen Platz in der Wissenschaft des Judenthums bi auf den heutigen Tag behauptet. Neben dieser rein wissenschaftlichen Arbeit beschäftigte siö Frankel auch mit Zeitfrageu, die er wisfeuschaftlich zu behandeln stets bestrebt war. Sowohl die Neformbestrebungen inuerhaln der deutschen Judenheit, wie auch der Kampf nur die bürger liche Gleichstellung fanden bei ihm die gleiche warme Theil nähme. In der Frage der Reform des öffentlichen Gottes dienstes nahm er Stellung durch sein Gutachten über den Gebetritus des Hamburger „Tempel". Frankel vertrat dama! zum ersten Male in der Oeffentlichkeit feinen vermittelnden und ausgleichenden Standpunkt. Indem er die blinde Ver ketzerungswuth des wunderlichen Chacham Isaak Bernahs en schieden tadelte und verurtheilte, kritisirte er auch nicht minder entschieden die Zweideutigkeit des Tempelritus, dessen Verfasser bestrebt waren, unauffällig vieles von dem Althergebrachten und Nezipirten aufzugeben. Auch da wird inan freilich nie!' Frankel in allen Punkten Recht geben können; im Gegenthe:! läßt sichs nicht leugnen, daß im Tempelritus ein recht lobenwerthes und annehmbares Prinzip vorherrschte, das darin bestand, das Alte, Historische und Liebgewordene zu schonen und nur dasjenige, das mit dem Zeitbewußtsein in krassem Widerspruch stand, zu beseitigen. Es würde zu weit führen wollten wir diesen Punkt des Näheren beleuchten. Für Frank- > war dies alles Herzenssache, und seinem Gutachten siel! man es an, daß er eine Sache mit großem Eifer vertheidigte die seinem Gefühl viel näher stand als seinem Denken. Mochten nun auch die Meinungen über sein Auftreten in der Frage der Reformbestrebungen getheilt sein, so erwarb sich Frankel damals allgemeine Zustimmung und Verehrung >" der deutschen Judenheit mit seiner Schrift: „Die Eidesleistung