Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1901)
- Date
- 1901-10-04
- Page
- Seite 471 (sequence 5)
- Language
- German
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4? 1 Wie man weiß, ist dieser sogenannte Abbe Clemens Victor kein Anderer — als Herr Rohling selbst. Nachdem ihm der österreichische Kultusminister befohlen, „die Judenfrage seinerzeit ruhen zu lassen", schrieb er unter diesem Pseudonym. Die Unwissenheit, die aus jeder Zeile der Broschüre Victors spricht, führte sofort nach dem Erscheinen auf die richtige Führte. Nun, Herr Rohling mag kommen — hoffentlich hält er dann auch seinen berühmten Vortrag über Martin Luther in Berlin! Der den russischen Juden gemachte Vorwurf, daß dieselben an den Dynamitverschwörungen betheiligt waren, findet seine gründlichste Widerlegung in folgenden statistischen Angaben, welche einem längeren Artikel aus Nummer 2 des in London erscheinenden „Darkeft Russia" entnommen sind: Bei der Ermordung des Kaisers Alexander II. waren 12 namhaft angeführte Personen betheiligt, von denen 10 der griechisch-orthodoxen und eine der katholischen Kirche angehörten. Nenn voll diesen waren männlichen und zwei weiblichen Geschlechts; außerdem zählte zu denselben eine Jüdin, welche nur das Werkzeug ihres Liebhabers — eines orthodoxen Geistlichen — gewesen. Während der 26 Regierungsjahre Alexanders II. wurden sechs Attentate auf sein Leben unternommen. Von den Attentätern gehörten 12 zur griechisch-orthodoxen und einer zur katholischen Kirche. Unter den Verschwörern gegen das Leben des verstorbenen Kaisers und eines Vaters war auch nicht ein Jude, sondern nur eine Jüdin, welche ihr Schicksal einem Geistlichen der orthodoxen Kirche anvertraute and deshalb kaum mehr als Jüdin betrachtet werden konnte. Die intimen Beziehungen dagegen zwischen dem internationalen Antisemitismus und der anarchistischen Mordbande, o schreibt die „Oesterreichische Wochenschrift", hat seiner Zeit oie preußische Polizei bei dem Anarchistenprozeß zu Posen im ^ahre 1888 amtlich blosgelegt. In demselben wurde unter Anschluß der Oeffentlichkeit das Protokoll des Anarchistenkongresses -on Chur aus demJahre 1882,welches dieBerlinerPolizeibehörde n erwerben gewußt hatte, zur Verlesung gebracht. Bemerkensoerth war vor allem folgender Passus: Ein Anarchist, der 'ugleich in der antisemitischen Bewegung stand, erstattete über 'ieselbe Bericht mit dem Hinzufügen, der Fortgang dieser Agitation bezwecke, das kleine Beamtenthum wie die kleinen Handwerker für die Ideen des Anarchismus zu gewinnen, -eine Ausführungen wurden von der Versammlung mit großem Beifall ausgenommen, und der Präsident des Kongresses uüpfle daran unter allgemeiner Zustimmung die Bemerkung, >aß am Tage des Losschlagens doch kein Unterschied gemacht werden würde zwischen christlichem und jüdischem Kapital. Ueber die Beziehungen der französischen Antisemiten zu An Anarchisten liegen Dokumente vor in dem Buche von Harles Malato: „Oe In commune ü I'^naretüe". Ernst Schneiders Verbindungen mit den Anarchisten hat im öster- Achischen Parlament der ehemalige Abgeordnete Dr. Bloch urch eigenhändige Briefe Schneiders der Oeffentlichkeit vorlelegt. In einem zu Rakonitz durchgesührten Prozeß gegen Ae „Brüder der Finsterniß" Adolf Natali und Genossen, welche 'em jüdischen Kaufmann Ferdinand Kohn ein beträchtliches Ananturn Dynamit gestohlen haben, um ein Attentat gegen ben Juden Leopold Popper und den vermeintlich jüdischen, chatsächlich aber arischen Advokaten Dr. Karl Wolf zu verüben, sagte der Staatsauwalt in seinem Schlußplaidoyer: „Das Motiv der verbrecherischen Handlungen, welche diesem Pro- 'Ase zu Grunde liegen, wurzelt in den leider heute weit verbreiteten ^chlagworten. welche insbesondere die jüngere Generation beherrschen; Schlagworte, welche jedes ethischen und humanistischen Hintergrundes entbehren und lediglich auf einer schlechten Erziehung und Irreführung beruhen. Diese SchlagWorte heißen: Anarchismus und A ntisemitismu s." 4 Der neue Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Theodor Roosevjllt, ist, wie sich dies von selbst versteht, ein völlig vorurtheilsloser und echt humaner Manu. Zu rechter Zeit wird daran erinnert, daß derselbe bei der Einweihung des von Jacob 2). Schiff gegründeten „Montesiore- Horne" im Juni d. I. eine bemerkenswerthe Rede gehalten hat, in der er u. a. sagte: „Ich kam hierher, weniger um Ihnen einige Worte der Ermnthignug zu sagen, als um zum Allsdruck zu bringen, welche Verpflichtungen Ihnen gegenüber das Volk der Vereinigten Staaten hat. nicht wegen der That selbst, sondern wegen des Beispiels, welches dieselbe giebt. Sie haben den Kampf gegen den schlimmsten Feind, den wir haben, die Schwindsucht, begonnen. Ihre Ausrottung ist ein gewaltiges soziales Problem. Durch die Eröffnung der Anstalt am Gräberschmücknngstage haben Sie dem amerikanischen Volke eine gute Lehre gegeben und eine andere dadurch, daß Sie allein die Mittel zn der Anstalt lieferten, die für Alle ohne Unterschied offen ist. Wenn es eine Doktrin giebt, der sich die Männer in Amerika zuneigen sollten, so ist es die, zn der Sie sich bekennen: keine Feindschaft ans Grund von Nasse oder Glauben. Wir haben hier Raum genug für die Arbeiten Aller. Bischof und Rabbi, wenn diese Thaten verrichten wollen wie die, welche wir heute hier sehen." Dann sprach der Präsident den Juden seine warme Anerkennung aus, weil sie auch Andersgläubigen Aufnahme in ihre Anstalten gewähren. Der Schluß der Rede lautete: „Wir sind hierher gekommen, um Ihnen unsere Anerkennung sür Ihre Thätigkeit auszudrücken, denn dieselbe besteht in einer vernünftigen Anwendung des Prinzips d er Brü d er l i ch ke i t. Es ist genug für uns alle zu thun, wenn wir uns selbst und dem Nachbarn helfen wollen. Wir schulden den Stiftern dieser Allstalt viel, denn sie gaben von ihren Mitteln, und sie gaben sich selbst. Das ist die große praktische Gabe, deren wir bedürfen. Sie haben gezeigt, daß der Mensch es sich selbst schuldig ist, praktische Wohlthätigkeit zu üben und durch sein Verhalten zu zeigen, daß er dem Nebenmeuschen die Bruderhand reichen soll." Jacharias Frankel. Von Dr. S. Bernfeld. iederum hat die Judenheit das Andenken eines Mannes zu feiern, der vor hundert Jahren das Licht der Welt erblickt und dann selbst eine Leuchte des Judenthums geworden ist. Diese Pflicht hat insbesondere die deutsche Judenheit zu erfüllen, welche ihm so viel zu verdanken hat, nicht nur eilte unendliche Fülle geistiger Anregungen und tiefgehender Forschungen, sondern auch das Ergebuiß seines muthigeu und mannhaften Eintretens für ihre bürgerlichen Rechte. Fast muß man sich schämen, daß man jetzt, anläßlich des hundertsten Geburtstages Zacharias Frankels, die Erinnerung au ihn erst wachrufen muß, daß nicht vielmehr im Volke feilt Andenkelt theuer gehalten wird. Denn dieser Mann gehört dem Volke; er war keine stille in tiefster Zurückgezogenheit lebende Gelehrtermatur, die in archäologischen Forschungen ihre Genüge findet, der der todte Buchstabe viel wichtiger erscheint als Hunderte von lebendigelt, fühlenden und leidenden Menschelt. Zacharias Frankel war ein großer Gelehrter, dessen Werke in der Wissenschaft des Jndenthums eine hervoragende Bedeutung haben; aber er war ein noch größerer Freund des jüdischen Stammes, und für