Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1901)
- Date
- 1901-10-04
- Page
- Seite 470 (sequence 4)
- Language
- German
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470 gangenhert, unserer Geschichte und dessen, was unsere hervorragenden Männer von Geist und Wissen gedacht und gefühlt, sollte uns Allel: in gleicher Weise am Herzen liegen. Mit der biblischen Geschichte und der Kenntniß ihrer Quellen haben wir zu beginnen, und zu enden erst dort, wo die neuesten Ereignisse einsetzen. Unsere Litteraturvereine, die ja als eine schöne Errungenschaft unserer Tage bezeichnet zu werden verdienen, bieten uns hierzu reichlich Gelegenheit. Nur daß man nicht genug zu haben glaube, wenn man die in ihnen gehaltenen Vorträge hört und vielleicht auch über sie diskutirt. Diese sollen ja nur Anregungen geben, das Meiste müssen wir doch selbst thun. Hier sollen die Vereinsbrbliothekeu den Weg uns eröffnen, und das wieder nicht in dem Sinne, daß wir etwa nur die Novellenlitteratur beherrschen. Die Werke unserer Geschichtsforscher wie die hervorragenden geistigen Produkte unserer Litteratur müssen uns Allen zu einer Lieblingslektüre werden. Die langen Winterabende, die Sabbathe und sonstigen freien Tage können wir nicht besser verwerthen als für die Erforschung unserer großen, ruhmreichen Vergangenheit. Nicht umsonst gemahnt Moses, bevor er sein Volk segnet: „Gedenke der Tage der Vorzeit und erwäge die früheren Geschlechter." Aus seiner Vergangenheit hat unser Volk immer noch Mnth und Zuversicht geschöpft, so muß es auch in aller Zeit bleiben. Darum scheidet eben die Festzeit von uns mit der Aufforderung, uns des Gesetzes zu freuen nicht blos an einem Tage, sondern durch unser ganzes Leben in gleicher Weise, sie zeigt unserm Volke den Rettungsanker in allen Nöthen seines Daseins. Auch uns hat unser Fest deu schönsten Segen geboten, wenn Moses Wort auch uns begeistert, zu gedeukeu der Tage der Vorzeit und zu erwägen die früheren Geschlechter. Möchte uns Allen die „Freude am Gesetze" hierzu begeistern, möchte uns Alle das gleiche Streben einen, den Zusammenhang mit unserer Vergangenheit zu erhalten; es wäre dies wahrlich die schönste Wirkung der verlebten Feste. Wir würden uns damit selbst ehren und dadurch mehr Allspruch darauf erheben dürfen, daß man uns außerhalb ob der Saatenkeime, die wir ausgestrent haben, die rechte Würdigung nicht vorenthält. Darum all ihr, die ihr noch einen Tag der Gesetzesfreude feiert, geht muthig aus Werk, wir wiederholen einem Jeden, das an Josua ergangene Wort: „Nicht weiche das Buch der Lehre aus deinem Bunde, sinne darin Tag und Nacht, damit es dir auch zum Wahrzeichen werde, — dann glückt dir dein Weg und daun hast du die rechte Weisheit." Die Woche. Berlin, 1. Oktober. aß auch der sozialdemokratische Parteitag zu Lübeck mit einem Tropfen antisemitischen Oels gemischt war, dürste manchen Schwärmer ernüchtern und der antisemitischen Mellte gar nicht angenehm sein, da sie ja ihre beliebten Schlagwvrte zunächst nicht anwenden kann. Und das hat beim Qnartalsschluß immer noch gezogen. Ans die Verhandlungen des Parteitags einzngehen, haben wir natürlich keine Veranlassung. Uns interessirt nur bei der Sache, daß auch die „internationale" Sozialdemokratie ihre starken Vorurtheite gegen russische und polnische Juden, sobald diese ihr nnerhalb der Partei unbequem werden, an den Tag zu legen keinen Anstand nimmt. Die Herren Heine, Auer, Fischer u. s. w haben darin Tüchtiges geleistet, und man kann es begreifen wenn die Antisemiten auf diese „natürliche Aufbäumung eines besseren Gefühls innerhalb der Sozialdemokratie" mit Genug thuung Hinweisen. Erst eine „Genossin" mußte die kluger Herren darauf aufmerksam machen, daß die Angegriffenen nicht als Russell und Juden, sondern „als Parteigenossen welche aus dem Boden des gleichen Parteiprogramms stehen" anznsehen seien. Der Bericht verzeichnet bei dieser Erklärung „stürmischen Beifall". Die jüdischen Genossen aber, Herr Pan! Singer voran, schwiegen bei den ganzen Angriffen aus du Juden fein still. Die Antisemiten nennen das den Zusammen Hang von Judenthum und Sozialdemokratie. 4 Durch die Bankbrüche des Jahres 1901 ist der Glaub gründlich widerlegt worden, als handle es sich hier um ein Vergehen, welches ausschließlich oder in besonderem Maß voll Juden begangen werde. In der Leipziger Bank, in der Kasseler Trebergesellschaft, von Terlinden und in den Hypotheken banken sind Schwindeleien begangen worden, welche in di- Hunderte von Millionen gehen, und bei welchen nicht nur „Arier", sondern sogar sehr „fromme" Christen und Antisemiten bctheiligt waren. Die Zinsen eines Jahres der Beträge, welche allein die Leipziger Bank beim Treberkrach verliert, machen einen größeren Betrag aus, als die Gläubiger im Konkursvon Hirschseld L Wolfs verloren haben, etwa dreimal so viel als das Manko im Konkurs Friedländer L- Sommerfelbetrug! Was indessen weniger bekannt sein dürfte, ist, daß schon im Jahre 1891 die Zahl der bankrotten jüdischen Bankier weitaus geringer war als die der nichtjüdischen: Die „Mit theilungen zur Abwehr des Antisemitismus" brachten in ihre; Nummer vom 27. Dezember 1891 eine Ausstellung der seit Oktober 1891 stattgehabten Bankbrüche, wonach sich ergab, daß oiebankrotte Firmen mit jüdischen Inhabern (Hirschfeld L- Wolf; Friedländer L Sommerfeld, Hugo Lewy-Berlin, Moses Hoffmani: Darmstadt) 10 bankrotten Firmen mit nichtjüdischen Jnhabengegenüberstanden (Thiel-Hagenau, Schulz-Lüben, Schnöcke: Berlin, Maaß-Charlottenburg, Michelsen L Nordmeyer-Stade Meyer-Hildesheim, Knolle-Hildesheim, Adolf Albert-Görlit, Knüppel-Osten, Herbrecht-llnna). Unter diesen zehn befände; sich mehrere Antisemiten, z. B. Meyer und Knolle, Maaß waein sehr „frommer" Mann. — In der öffentlichen Meinung sind die Namen der nichtjüdischen Bankrotteure vergessen, di Namen Hirschfeld L- Wolfs und Friedländer L- Sommerfet blieben als Gattungsnamen bekannt. Nach den großen Schwindeleien der Terlinden, Exner :c dürfte indessen auch mit diesem Schlagwvrt der antisemitische! Agitation kein Erfolg mehr zu erzielen sein. 4- In der letzten Antisemiten Versammlung wurde di freudige Mittheilung gemacht, daß Professor August Rohlinsnach Berlin zu kommen gedenke, um mit seinen Gegnern Ab rechnung zu halten. Das betr. Schreiben lautet: „Ew. Hvchwohlgeboren erwidere mit beste;» Dank, daß der frech Anwurs durch die Schrift von Clemens Victor über den bekannten Wiener Prozeßversuch bereits eingehend widerlelegt wurde, und es daher angezeigt sei» wird, dast ich auch selbst mal nach Berlin komme, um die Frechheit öffentlich strafen zu lassen."