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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-27 · Heft 39 (27.9.1901) · p. Seite 468

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 39 (27.9.1901)
Date
1901-09-27
Page
Seite 468 (sequence 14)
Language
German
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468 Jndeß, der Tag verging ruhig, und friedlich konnten wir am Abend unfern Einzug in die geschmückte und erleuchtete Sukkah halten. Da, gerade als der erste Gang des Festmahls ansgetragen wurde — flog ein ziemlich grober Stein durch die Oeffnung der Sukkah! „Nu geht e los!" schrie die Magd in ihrem gebrochenen Deutsch. In der That, nun schien das Signal gegeben zu sein. Denn der gleiche Steinhagel erfolgte auch ans andere Sukkoth der Gasse. In größter Angst kam der Lehrer, der die Parterrewohnung in unserem Hause inne hatte, die Treppe heraufgerannt mit der Kunde: „Herr Rabbiner, sie kommen!" Bald folgten Andere mit neuen Hiobspostcn. Die Ratlosigkeit und Verwirrung war eine große. Und die Situation war in Wirklichkeit durch den aufgehetzten und betrunkenen Pöbel eine sehr gefährliche geworden. Da, in dieser allgemeinen Verwirrung, faßte mein Vater einen Entschluß, dessen Heroismus nur der begreifen kann, der diesen friedliebenden, weltfremden, ja schüchternen Menschen genau gekannt hat. Er verlangte Hut und Rock und verließ das Festmahl mit dem inzwischen gleichfalls angckommeuen Gemeindevorsteher, ohne uns auch nur mit einem Worte zu verrathen, wohin er gehe. Die Mutter glaubte bestimmt, er werde sich zum Pfarrer begeben, um diesen aufzufordern, daß er die Leute beruhige. Aber mein Vater traute dem Manne nicht, wie sich später heransstellte, sehr mit Recht. Sein Weg § war ein anderer. Er führte direkt auf den Markt, in das Rathhans, wo das preußische Hauptquartier aufgeschlagen war. Dorte verlangte er den Hauptmann der kleinen Besatzung zu sprechen. Und dieser, ein feingebildeter Mann, verständigte sich mit meinem Vater in wenigen Augenblicken sehr leicht darüber, daß in Abwesenheit sämmtlicher Behörden — der Bürgermeister hatte kurz vorher „kalte Füße bekommen" — er selbst mit seinen Leuten einschreiten müsse. Er hatte geglaubt, die Feindseligkeiten richtete» sich gegen die Preußen. Daß sie sich gegen die eigenen Landsleute, speziell gegen die Juden wenden könnten, erschien ihm damals als etwas so Unbegreifliches, daß erst die Erklärung dieser Thatsache durch die umlaufenden Gerüchte ihn einigermaßen die Situation begreifen ließ. Aber nun war er sofort zur Hilfe bereit. Es dauerte nur wenige Minuten, da erschienen zehn Preußische Infanteristen mit ihren Zündnadelgewehren in der Gasse, in welche der Hauptmann meinen Vater selbst geleitete, um dort Ruhe und Ordnung zu schaffen! Und daß ihnen dies in kurzer Zeit gründlich gelungen ist, braucht wohl nicht erst versichert zu werden. Der brave Hauptmann begnügte sich aber damit nicht. Er stellte zwischen der Synagoge, auf die es hauptsächlich abgesehen war, und unserem Hause eine Schutzpatrouille ans, die die ganze Nacht dort Wache hielt. So haben die Klugheit eines mährischen Rabbiners und die Humanität eines preußischen Offiziers die Loschitzer Judengasse in jener Nacht vor großen Ansschreitungell behütet! Als am andern Morgen die Leute wieder „in Schul" gingen — Schmule Käufler, der große Preußenfeind, mitten unter ihnen — da rief dieser beim Anblick der Schildwache vor unserem Hause ingrimmig aus: „E preusische Sukkeh!" Franz Dollak aber zündete am selben Abend friedlich die Lichter in der Synagoge an, als ob nichts vorgefallen wäre, und Rose Dollak verrichtete in einschmeichelnder Weise wieder ihre Arbeit in den jüdischen Häusern. Es war dies wohl die letzte Judenverfolgung in Loschitz. Mir ist sie aber in Erinnerung geblieben, als wäre dies alles gestern passirt.?arce,,u'an reviont touzours.... 6. L. Sprechfaul. Sehr geehrter Herr Redakteur! der Nr. 38 Ihres geschätzten Blattes vom 20. September bringen Sie einen Bericht aus Gießen, welcher mit den Worten schließt: „Hoffentlich werden die Betheiligten sich dabei nicht beruhigen. Eo wäre Sache des „Centralvereins deutscher Staatsbürge jüdischen Glaubens" im Interesse „des schwer beleidigten jüdischen Lehrerstandes" hier Nemedur zu schaffen." Wenn der Einsender Fühlung mit dem „Verband der jüdischen Lehrervereine n deutschen Reiche" hätte, dann würde ihm bekannt sein, daß de Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im Weg der Beschwerde in dieser Angelegenheit erzielt hat. was Überhang noch zu erzielen war, nachdem das gerichtliche Verfahren ohne sein Schuld „verfahren" war, ehe er zum Eingreifen kam. Am 25.Febrna 1900 wurde uns mitgetheilt, „daß rechtzeitig die Revision gegen da Erkenntniß seitens des Verbandes der jüdischen Lehrervereine eingeleas worden ist". Am 20. März erhielten nur die Nachricht, daß die W rusung aus formalem Grunde verworfen worden sei. Der beauftragt Rechtsanwalt sei bei dem Aufrufe der Sache nicht im Terminszimme gewesen, weil er den Sachverständigen holen wollte; auch Herr Lehri Schneeberger sei nicht zugegen gewesen; in Gemäßheit der gesetzliche Vorschriften sei deshalb die Berufung verworfen worden. Dem Vor stände blieb daher nichts übrig, als den Beschwerdeweg über den i dem Urtheil enthaltenen Toll zu beschreiten. Nur gegen diesen, nick: gegen das rechtskräftige Urtheil konnte der Centralverein Beschwcrd erheben, und er hat von dem Herrn LandgerichLspräsidenlen einen am führlichen Bescheid erhalten, aus welchem die Gießener Korresponden wörtlich wiedergiebt, was wir bereits im August v. I. in unserer Vereinsorgan „Im deutschen Reich" mitgetheilt haben. Damals fügte! wir die Worte bei: „Damit war der Zweck der Eingabe erreicht; dem diese Empfehlung des Herrn Präsidenten wird sicher genügen, der Am tsri chter v o n H ung e n künftig zur Vermeidung verletzende Wendungen bei Abfassung gerichtlicher Entscheidungen zu Veranlasser All Bestrafungen ist weniger gelegell als an der Verbreitung der aü gemeinen Ueberzeugung, daß jeder einzelne deutsche Jude sich gege die geringste Kränkung seiner Manneswürde wehrt und sein Ren furchtlos vertheidigt. Wenn dagegen Ihr Gießener Korrespondent b merkt: „Hoffentlich werden die Betheiligten sich dabei nicht beruhigen so würden wir dies beklagen. Erzielen würden dieselben jedenfalls nicht das Geringste, weil uns in dem Bescheide mitgetheilt wurde, da der betreffende Amtsrichter theilweise dadurch gerechtfertigt wurde, da in der Urtheilsausfertigung bezüglich der Stellung der Lehrer nur da wiedergegeben sei, was der als Sachverständiger vernommene Rabbim vor dem Schöffengericht ausgesagt habe. Eine darauf bezügliche Ea örterung würde nur Unfrieden säen — und der Centralverein be schäftigt sich nur mit dem, was die deutschen Staatsbürger jüdische: Glaubens eint, nicht mit dem, was sie trennt! Berlin. 20. September 1901. Hochachtungsvoll Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glauben: Dr. Horwitz. * Sehr geehrte Redaktion! ezugnehnrend auf die verschiedenen Aufforderungen in Ihrem geschätzten Blatte, will ich denselben Folge leisten und bin bereu zwei bis drei jüdische deutsche junge Leute, die kräftig gebaut und Lust dazu haben, Ackerbau und Landwirthschaft, Bäckerei und Müllerei aus meinem Gute bei Berlin bei ritueller Pension zu erlernen, bei mu gegen ein Lehrgeld von 500 Mark, freier Wohnung und Kost excl. Kleidung auszunehmen. Der Unterricht wird praktisch und theoretisch ertheilt, und an der Hand langjähriger Erfahrungen werden die Leute in allen Arbeiten unterwiesen. Es ist kein Schulunterricht, der sehe matisch vorwärts geht, sondern, da ich nur eine kleine Anzahl annehme, eine gründliche, gediegene Ausbildung ans gutem Boden; ich will hierdurch den Wünschen vieler Organe und Institutionen entsprechen. Es soll dieses mein Vorgehen ein Beispiel sein, damit hoffentlich viele werthe Glaubens- und Berussgenossen meinem Beginnen sich bald anschließen. Bewerber wollen sich schriftlich wenden an. W. Salomon, Marxdorf bei Jahnsfeld a. d. Ostbahn. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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