Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1901)
- Date
- 1901-09-27
- Page
- Seite 467 (sequence 13)
- Language
- German
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467 ^-rannahte, war dies alles vergessen und vergeben. Kaum oar am Abend nach dem Versöhnungstage der erste Nagel ungeschlagen, so begann sür uns Kinder eine fröhliche und ichbewegte Arbeitszeit: wir hatten die Sukkah auszuschmücken. ,ür das grüne Blätterdach Zwar sorgten Andere; uns lag es l>, den Wandschmuck zu beschaffen. Mit besonderem Fleiß;atten nur schon das Jahr über aus der „Jllustrirten Zeitung" ind der „Gartenlaube" einzelne Bilder ausgesucht, die uns oürdig schienen, die Sukkah zu schmücken. Da Prangten >aribaldi und Napoleon 11., Bismarck und Cavour friedlich leben einander. Irgend eine Schweizer Bergszenerie oder ein »enrebild von Bautier bildete die Vermittelung. Mehr Sorge nachte uns die Dekoration der Sukkah. Zu den Aepfeln und iüssen, die von der Decke herunterhingen, sollte Flittergold eschafft worden, und eine lange Kette von Hagebutten mußte ,e ganze Sukkah umspannen. Das Flittergold gab der aufmann her, die Hagebutten suchten wir selbst im Revier, nd wir achteten wenig daraus, daß unsere Finger an manchem orir sich blutig ritzten. Strahlte dann am ersten Festabend u: Sukkah im Hellen Glanze, dann strahlten anch unsere Gesichter w inniger Freude, und die liebe, alte Großmutter hatte viel > thnn, um uns endlich zu Bette zu bringen. Noch als Gymnasiast habe ich, so oft ich in den Ferien, e damals bis zum 1. Oktober sich erstreckten, »ach Hanse l!,rte, die Allsschmückung der Sukkah als mein liebstes Geschäft; trachtet, und alle Würde, die ich mir sonst beizulegen suchte, ar in dieser Zeit vergessen oder bei Seite gelegt. Aus dieser l i»nnasialzeit ist es nun gerade eine Erinnerung, die mir heute l sonders lebhaft vor die Seele tritt. Warum? Ich weiß es > cht. Die Erinnerungen sind ein unkvntrollirbares Völkchen; > lassen sich nicht befehlen und gehorchen keinem Gesetz. Sie! mmen und gehen, wie es ihnen beliebt. Diese Erinnerung datirt aus dem Herbst 1866. Ich war; jener Zeit am Gymnasium der Piaristen in Nikolsburg und > den Ferien nach Hause gekommen. Diese Ferien hatten t mials früher begonnen und länger gedauert als sonst, denn — die irenßen saßen oder lagen vielmehr in Mähren. Es waren . '.vergeßliche Tage, und ein andermal will ich davon erzählen, r as ich in jenen Tagen erlebt und gesehen. Für heute nur i ' eine Erinnerung aus jener stnrmbewegten Zeit. In Nikolsburg kannte man die Preußen schon; in dem -Me Mährens, in dem meine Heimath liegt, noch nicht. Dort s ngeil noch die tollsten Geschichten und abenteuerlichsten ' ärchen über deren Wildheit und Grausamkeit unter dem t rndvolk umher. Sie fräßen kleine Kinder, erzählten ezechische auern, sie aßen rohe Gurken und tränken lauter Rum, be- ' chteten jüdische Hansirer als Zeichen preußischer Unkultur, ale diese Gerüchte und noch viele andere waren auch nach! einem guten Loschitz gekommen und hatten dort namentlich! der überwiegend czechischen Landbevölkerung große Un- > che nnd eine Gührung erzeugt, die sich seltsamerweise zunächst — gegen die Juden kehrte. Ich sage: seltsamerweise, weil so etwas seit Menschengedenken Loschitz noch nicht Vorgekvmmen war. Friedlich gingen dort die > ute neben einander her, handelten mit einander auf dem Markte,! ielten mit einander im Kasino, ohne daß es Jemandem einlallen wäre, an Religionshaß anch nur zu denken. Erst das vße Ereigniß weckte die schlummernden Instinkte. Im Grunde nominell klang ja die Sache einigermaßen lächerlich. Man t »mte sich Franz Dollak, den Holzspalter der Judengasse, lind sein Hünenweib Rose Dollak, die Wasserträger»!, oder gar den Schuster Frank schlechthin nicht als Jndenverfolger denken. Und — ich muß es bekennen — man war frivol genug, über die beabsichtigte Judenplünderung, von der die Rede ging, schlechte Witze zn machen. So wenig ernst nahm man die Sache in der ganzen Gasse. Und doch, je näher die Preußen kamen, desto mehr gährte es im Volke. Am Sonntag Vormittag kam unser Dienstmädchen ans der Kirche mit der tröstlichen Nachricht nach Hause, daß morgen alle Loschitzer Juden bestimmt todtgeschlagen werden sollten. Am Sonntag Nachmittag aber jagte Neikel Wols. so rasch als sie ihre alten Beine trugen, durch die Gasse mit der Nachricht: „De Preisen küminen!" Man kann sich ungefähr die Stimmung denken, in der wir dem sonst so fröhlichen Sukkothfeste entgegengingen. Meine jüngeren Geschwister ließen sich freilich in ihren Dekorationsarbeiten für die Sukkah nicht im Geringsten stören, und auch am Morgen des folgenden Tages prangte diese im schönsten Schmuck von Hagebutten und Flittergold. Den Erwachsenen aber, zn denen ich mich dazumal wohl schon zählen durfte, war es gar nicht festlich zu Muthe. Zwar was die Preußen anbelangt, war unsere Angst nicht allzugrob; dazu war man in der Loschitzer Judengasfe schon zn gebildet, um an die wahnwitzigen Geschichten zu glauben, die im Volke erzählt wurden. Auch konnte ich, der ich sie in Nikolsburg bereits gesehen, aufs Bestimmteste versichern, daß sie dort nicht ein einziges Kind verspeist hätten. Dagegen mußte ich allerdings zugeben, daß sie rohe Gurken in großen Massen verzehren. „Nu, seht ets!" rief Schmule Potsch verzweifelt aus, als ich diese Thatsache im „Neendel", das sich allabendlich zwischen dem Mincha- und Maariwgebet vor der Synagoge bildete, um die Tagesfragen zu besprechen, bestätigen mußte. Aber trotzdem war die Besorgnis; vor dem preußischen Einsall lange nicht so groß, wie vor dem ezechische«. Der Eine erzählte, daß er gesehen, wie Czerwinsky seine Sense gestern mit besonderm Eifer geschliffen habe, ein Anderer behauptete sogar, einen Säbel bei Anton Ploskal erblickt zu haben, und ein Dritter versicherte, daß der böhmische Lehrer Nowotny die Leute aufhetze, indem er ihnen plausibel mache, daß nur die Juden die Preußen nach Loschitz brächten! Diese Meldung klang auch sehr wahrscheinlich. Nur ans solchem Wege konnte das Gift des Haffes in die sonst so friedliche Bevölkerung getragen worden seini Die Spannung war unter sothanen Umstünden aufs Höchste gestiegen, als am folgende»! Tage, am Erew Sukkoth, des Morgens, gerade als die Leute „in Schul" gingen, die ersten Preußen in Loschitz einrückten. Als der erste Infanterist in den Laden von Schmule Känfler mit der Frage eintrat: „Kriecht man hier Rum?" antwortete der Menschenfeind, der sich vor Niemandem fürchtete, giftig: „Na, hier kriecht man nix rum!" Der Soldat lachte und ging weiter. Die Kunde von dieser Unterhaltung pflanzte sich aber mit Blitzesschnelle durch die Gasse fort und löste den Bann, der auf den Gemüthern lastete, wenigstens insoweit, als es die Preußen betraf. Man war nur noch neugierig darauf, sie rohe Gurken essen zu sehen; denn das erschien in Loschitz geradezu als etwas Unerhörtes. Desto größer war die Sorge betreffs der heimischen Feinde. Hatte sich doch in der Frühe Rose Dollak einfach geweigert, Wasser zn tragen, und Czerwinsky war wirklich mit seiner Sense zvrnsunkelnd durch die Gasse aufs Feld gegangen!