Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1901)
- Date
- 1901-09-27
- Page
- Seite 465 (sequence 11)
- Language
- German
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465 Das Centrimr des Gedankenkreises, von dem er bei dieser Darlegung ausging, bildet die Thatsache, daß die überlieferten Volksmärchen aus den verschiedensten Ländern, von Ost und West, inhaltlich eine solche Gemeinsamkeit der Grundideen sowie eine so bemerkenswerthe Ähnlichkeit der behandelten Stoffe aufweisen, daß es unmöglich ist, eine solche Ähnlichkeit, ja Identität zwischen den Geistesprodukten der verschiedenen Nationen anzunhinen, und zumal bei Erzählungen, die so mannigfache Begebnisse schildern, eine solche Identität auf den bloßen Zufall zurückzusühren. Die logische und nach den beigebrachten Beweisen keineswegs allzu kühne Koneguenz führt zu dem Ergebniß, daß sich die uralten Märchen der orientalischen Mythen- und Sagenwelt allmälig durch Ueberlieferung immer weiter von Land zu Land verbreitet haben. Interessant ist es, wie Gaster als Ergebniß seiner Forchnngen den geographischen Weg gefunden zu haben glaubt, >uf dem diese Verpflanzung vor sich gegangen fein dürfte. Das byzantinische Reich bildete die Brücke von Ost nach West. Das große oströmische Kaiserreich, das seine Grenzen sowohl wer Kleinasien und Nordafrika, als über den Süden Europas is Venedig hin erstreckte, vermittelte den Verkehr zwischen 7rient und Occident, zwischen den verschiedenen Nationen, sier konnte die Mythe am besten ihre orientalische Färbung ewahren, und von hier wurde sie den unter lateinischem influß stehenden Europäern vermittelt. Mit diesem Grundgedanken der Verpflanzung verschlingt ich eng ein anderes wesentliches Moment, das dem rsteren zur starken Stütze wird. Wieder auf den Ursprung ieser Volksmärchen zurückgehend, hebt Gaster hervor, wie es für Vre Ueberlieferung eine so integrirende Grundbedingung war, aß sowohl Erzähler als Hörer von der Wahrheit derselben >t überzeugt sein mußten. Ohne diesen Glauben würde mit nem Schlage die ganze Welt von Hoffnung und Freude, die m in den Erzählungen auftretenden Personen in Aussicht .stellte Glückseligkeit zerstört worden sein, die Geschichte würde wen Reiz verloren habeir und allmälig erstorben sein. Das wesentlichste Element des Volksmärchens ist das des 'ligiösen Glaubens, im weitesten Sinne des Wortes. Die iche, farbenprächtige und lebendige Mythologie des Ostens siegelt sich in den ältesten orientalischen Märchen aufs Lebafteste wieder. Jedes einzelne enthält irgend eine moralische > ktion, ein besonderes Dogma oder eine ethische Wahrheit, in buddhistisches Märchen erzählt von der Seelenwanderung, ui ägyptisches von der Verwandlung des Menschen in die verhiedensten Thiergattungen, ein anderes beschreibt die Höllenrafen, wie sie das christliche Dogma lehrt. Das jüdische siürchen wollen wir weiter unten selbst für sich sprechen ssen. Sie alle aber sind auf die eine Quelle zurückzuführen' ue religiöse und didaktische, die man primär für ihre Ent- ' chung überhaupt, secundär aber auch für die Ursachen der ransmission erkennen muß. In dieser Transmission erfolgt »nächst die Umbildung, die Anpassung des religiösen Elements,;s dasselbe ganz allmälig — überhaupt fortfüllt. So ist es enn nur noch das Poetische, was den Märchen des Westens '-ls Reiz verblieben ist, und als ein untrügliches Kennzeichen V der Erforschung der Volksmythe kann für den Nachweis es Alters eines Märchens das stärkere oder minder starke Vorherrschen des religiösen Charakters dienen. Im Besitze Dr. Gasters befindet sich ein Manuskript üdischer Märchen, das spätestens dem 10. Jahrhundert angehört und wahrscheinlich in Palästina geschrieben worden ist. Augenscheinlich ist aber dieses Manuskript schon eine Ueberarbeitung von Originalen, die bis auf das 5. Jahrhundert zurückgehen; eine Annahme, für die der Umstand ein wesentliches Kriterium bildet, daß in sämmtlichen Erzählungen nicht eine Person auftritt, die nach dem 5. Jahrhundert gelebt hat. Nun hat Gaster später in der großen Bodleiana Library in Oxford ein anderes Manuskript aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts entdeckt, das unter anderen 100 Erzählungen enthält, von denen ca. 40 als „Präceptorium" an die zehn Gebote angereiht sind, während die übrigen 60 unabhängigen Erzählungen und Fabeln mit wenigen Ausnahmen Stoffe behandeln, die sich mit denen des eben erwähnten älterenBuches völlig decken. Merkwürdig ist, daß dasselbe in Frankreich oder England geschrieben worden ist und einen hebräischaltfrauzösischen Kommentar enthält; es würde sich also als die dritte Version des palästinensischen Originals ergeben. Ein weiteres Glied der Kette hat unser Forscher noch anfügen können, da es ihm gelungen ist, eine Sammlung aufzufinden, die dem 16. Jahrhundert angehört und, was noch interessanter ist, aus dem Norden Persiens stammt. Somit bringt er auch für diejenigen Erzählungen der europäischen Version, die das ältere Manuskript nicht enthielt, und denen daher europäische Quellen zu Grunde gelegt werden könnten, den Beweis ihrer orientalisch-hebräischen Abstammung, da sie sich in der persischen Sammlung wiederfanden. So viele Anklänge an die bekannten Märchen aus 1001 Nacht und ähnliche orientalische Sammlungen, die ja allerdings erst Jahrhunderte später erschienen, wir in den erzählten vier Exemplaren wiederfinden werden, so sind doch unverkennbartypisch jüdische Ideen und Züge darin zu verfolgen, die sich auch in den Transformationen ziemlich unverwischt erhalten haben und also mit vollem Recht ein ganz eigenartiges Interesse erwecken dürsten. Ganz besonders mutheten unS diese Züge in der zweiten der wiedergegebenen Erzählungen an, die „Prinzessin Goldhaar" betitelt ist und übrigens einem weiteren Leserkreise bekannt sein dürfte, da sie sich auch in einem jüdisch-deutschen „Maaßebnch" aus dem 16. Jahrhundert findet. Die Rubrizirung derselben unter deutsche Erzählungen, die die allgemein anerkannte war, wird somit durchaus hinfällig, da sie sich sowohl in der Bodleiana als auch in der persischen Ausgabe findet, und in elfterer nachweislich schon als Ueberarbeitnng aus der älteren hebräischen Quelle. Das spezifischjüdische Element herrscht namentlich im ersten Theile vor, und der intime Reiz patriarchalisch-jüdischen Familienlebens durchzieht das Märchen mit einem eigenartigen Duft. „Es war einmal ein alter, frommer Mann, der sehr reich war. Er hatte nur einen Sohn, Jochanan mit Namen. Dieser Jochanan hatte ein schönes und frommes Weib. Als der Vater auf dem Sterbebette lag, rief er seinen Sohn zu sich, ermahnte ihn, Gottes Gebote zu halten und immer Mildthätigkeit zu üben. Er hinterließ ihm seinen ganzen Reichthum, indem er sagte: „Wenn die Tage der Trauer um mich vorüber sind, geh hinaus auf die Straße und warte, bis du einen Mann sichest, der des Weges kommt, um seine Waare ans dem Markte zu verkaufen. Diesem kaufe du seine Waare ab und trage sie nach Hause, auch gieb wohl Acht darauf und bewahre sie gut." Der alte Mann starb, und nachdem