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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-27 · Heft 39 (27.9.1901) · p. Seite 464

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 39 (27.9.1901)
Date
1901-09-27
Page
Seite 464 (sequence 10)
Language
German
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464 ungebrochenem Boden.^Das sorgfältigste Durchgehen aller Konversationslexika und theologischen Fachenchclopädien wird nicht hinreichen, um uns das nothwendige sachliche Material zu liefern. Keines dieser Werke wird das Wort Minjan, Chaber, Hallel, Morenu, Barmizwah, Erach, Gilgul, das polnische Marschalek, Spodek, Zarin olka, Jluj, die bei den Sefardim gebräuchlichen Lavadores, Finta, Aschkaba enthalten. Nicht leichter geht es mit der Aufstellung der biographischen Liste, wenn auch hier die bibliographischen Werke uns einigermaßen an die Hand gehen; aber erstens giebt es selbst in unserer vielschreibenden Zeit immer noch Leute von Bedeutung, die nicht schriftstellerisch hervorgetreten sind, dann sind unsere bibliographischen Werke zumeist von älterem Datum, und endlich enthalten sie viele Namen, die sür eine biographische Darstellung nicht geeignet sind. In dieser Beziehung gilt das talmudische Wort, welches das Ausschließen für ebenso verdienstlich erklärt wie das Besprechen (Pesachim 22, I>). Die Zusammenstellung der Titel, die sich auf 25 000 belaufen, ist nur ein kleiner Theil der Aufgabe. Nun kommt die große Aufgabe, die richtigen Mitarbeiter zn finden. Hier gilt wieder das talmudische Wort. Mancher will und kann nicht, ein Anderer kann und will nicht. Besonders schwer hält dies bei topographischen Artikeln, die begreiflicherweise bei dein Mangel an Vorarbeiten nur von Leuten geliefert werden können, die an dem betreffenden Orte leben. Endlich tritt noch die Schwierigkeit der Uebersetzung hinzu, die bei der Nothwendigkeit, etwas von der Sache zu verstehen, auch dem tüchtigen Sprachkenner Schwierigkeiten bereitet. Für die Redakteure tritt dann noch die Nothwendigkeit der Revision in Bezug ans die Transskription, auf das Sachliche, besonders zur Verhütung von Widersprüchen oder Wiederholungen, und endlich zur Wahrung des alles Polemische, Apologetische und Persönliche vermeidenden Prinzips hinzu. Nach allen diesen Schwierigkeiten ist es gelungen, den ersten Band jetzt auszusenden, und die gewonnene Erfahrung läßt uns hoffen, daß die anderen rasch folgen werden. Der Band umfaßt 685 Seiten und reicht von bis Hpveal^ptie lüttoraturo. Außer etwa tausend Artikeln enthält er etwa 150 Illustrationen, die zumeist sehr sorgfältig gewählt sind und wirklich den Text illustriren. Der Leser findet darin Reproduktionen biblischer Gegenstände, wie Landschaften, Thiere. häusliche und industrielle Verrichtungen, Reproduktionen alter Manuskripte, Porträts hervorragender Persönlichkeiten, Proben alter Drucke, Bilder moderner Bauten, kurz eine Reihe der belehrendsten Illustrationen jüdischen Lebens und Schaffens. Er lernt die vielen Abrahams der jüdischen Geschichte kennen, von Abraham dem Patriarchen bis zu Bernard Abraham, dem französischen General; er kann sich über Amulette bei den Juden, über jüdische Alchimie, über die Ansichten des Judenthums in Betreff der Dauer des Gesetzes (^.broxation ok tke Ornv), über Askese in jüdischer Auffassung, über Synagogenmusik, besonders reich illnstrirt von Adir Hu bis zur Abodah am Versöhnungstage, über Antisemitismus, inclusive Ahlwardt und Aksakov, informiren. Mit einem Worte, das Werk ist nach Möglichkeit dem Bedürfnisse gerecht geworden, alles Wissenswerthe über das Judenthum in alphabetischer Ordnung dem Leser vorzuführen. Außer den 400 Mitarbeitern und dem regelmäßigen Stabe der Redaktion sind von den hervorragendsten europäischen Gelehrten der jüdischen und christlichen Theologenwelt 29 als berathende Mitglieder herangezogen worden, deren Rath in jeder Angelegenheit von Bedeutung eingeholt wurde. — Das Menschenmöglichste ist geschehen, um das Werk so vollständig und korrekt als möglich zu machen. Die Firma hat in dieser Hinsicht ungeheure Opfer gebracht. Die Liste der Artikel wurde an alle Redaktionsmitglieder versendet, die Korrekturbogen wurden ebenfalls allen Redakteuren zugestellt, das Jllustrationsmaterial wurde unter großen Kosten beigeschafft, und oft wurden einzelne Punkte besonderen Autoritäten zur Begutachtung vorgelegt. Vollständig und vollkommen ist nichts auf Erden, und so wird es auch in diesem Werke Fehler geben. In dem Riesenwerke von Ersch und Gruber lesen wir in dem Artikel „Chazaren", daß einer der letzten Könige dieses Volkes Sefer Khosri hieß, und daß der Dichter Juda aus dem Stamme Levi ihm sein Werk widmete. In der ebenfalls groß angelegten Luezelopasckia Lritmmiea wird im Artikel Sabbath mitgetheilt, daß es dem Juden verboten sei, am Sabbath einen Gürtel zu tragen. In Chambers Encyclopedia wird uns in dem Artikel „Fasting" erzählt, daß ein jüdischer Vater an dem Geburtstage seines erstgeborenen Sohnes fasten müsse. Die katholische Encyclopädie von Wetzer und Welti belehrt uns noch in ihrer zweiten Auflage im Artikel Midrasch, daß die Pesikta ein Kommentar über das zweite, dritte und vierte Buch Moses sei. In Herzog und Plitts protestantischer Realencyclopädie wird im Artikel „Karäer", der in der Warschauer rabbinischen Bibel abgedruckte Pentateuchkommentar Eliah Wilnas, Adereth Elijahu, dem Karäer Elijah Baschjazi zugeschrieben. In Websters englischem Wörterbuch, Ausgabe 1878, wird das Wort eapota — kaput von dem hebräischen „Icapporeth", Sühnopser, erklärt, weil die Juden an ihrem Versöhnnngstage angeblich ihre Sünden auf einen Nichtjuden werfen, indem sie sprechen: „Sei du mein Kapporeth." Was sonst sich selbst in Werken verdienter Gelehrter au Jrrthüinern findet, könnte Bände füllen. Insofern eine Encyclopädie von Monographien abhängig ist, läßt sich das Perpetuiren solcher Fehler nicht vermeiden. Die Unsicherheit jüdischer Namen, die bis in unser Jahrhundert hinein dauert, ist ganz besonders häufig der Anlaß zu Jrrthüinern. Aber von diesen, allem Menschlichen inhärirenden Schwächen abgesehen, wird die stevvisk Lnoz olopoclia nicht nur ein respektabler Anfang, sondern ein Werk von bleibendem Werthe sein. ALtzüdischr Märchen. Mitgetheilt von Hulda Thomaschewskh. I. it dem Wiedererwachen und Erstarken des jüdischen Selbstbewußtseins beginnen die modernen Bestrebungen für Volkskunde sich auch auf jüdischem Gebiete geltend zu machen. Das Interesse, zu erforschen, ivas unser Volk in seinen Jugendtagen gedacht, gedichtet und spontan geschaffen hat, wird lebendiger; das Verlanen, die Ueberreste dieser Produkte der Volksseele als Bausteine zu einem Ausbau der Vergangenheit zu sammeln und zu sichten, wird dringend. Einen interessanteil Beitrag zur jüdischen Volkskunde lieferte Rev. M. Gaster in der englischen Zeitschrift „Folk-Lore" vom Jahre 1896, worin er von der Aussindung einiger altjüdischer Märchenbücher erzählte und vier Proben daraus in englischer Uebersetzung des Originals wiedergab.

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