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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-27 · Heft 39 (27.9.1901) · p. Seite 463

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 39 (27.9.1901)
Date
1901-09-27
Page
Seite 463 (sequence 9)
Language
German
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463 Oie ^evvisk Lnc^clopeäm. Von Professor Dr. G. Deutsch. ir leben in einem sehr beschäftigten Zeitalter. Der Wissensstoff hat sich ungeheuer vermehrt, und die verschiedensten Wissensgebiete greifen in einander. Wir müssen, wenn wir vorwärtskommen wollen, unsere wissenschaftlichen Materialien rasch bei der Hand haben. Die richtige Erkenntniß dieser Nothwendigkeit inachte den phänomenalen Erfolg der französischen Encyclopädisten. Ihr Prinzip, das Detailwiffen dadurch zu erleichtern, daß man es nach alphabethischer Ordnung arrangirte, hat weite Verbreitung gefunden und die Speziallexika hervorgebracht. Alle Wissenszweige haben ul dieser Weise ihre Bearbeitung gefunden, und auch das theologische Wissensgebiet ist auf diese Art weiteren Kreisen erschlossen worden. Für Katholiken giebt das Kirchenlexikon von Wetzer und Welti jetzt schon in zweiter und für Protestanten das treffliche Werk voll Herzog und Plitt bereits in dritter Auflage Zeugnis; von dem Bedürfnis; nach solcher litteratur. Bei Juden gab es in dieser Richtung nur Versuche. Mein Vorfahr Jakob Eliezer Braunschweig, gestorben als Rabbiner in Wien 16. April 1729, hat einen Versuch gemacht, iil Reallexikon des Talmuds zu schreiben; es ist noch heute Manuskript in Berlin, und der Katalog schreibt es dem 1819 verstorbenen Rabbiner voll Kanitz, Lazar Fried, zu. Einer meiner Verwandten pflegte zu sagen: „Mir Deutschlach haben 'ein Koichew." Fast gleichzeitig mit Jakob Eliezer begann usaak Lampronti, Arzt in Ferrara, sein großartiges Werk bachab Jizchak, dessen Druck — bezeichnend genug für unsere Mtteraturverhältnisse - erst 140 Jahre nach seinem Tode vollendet wurde. Trotz mancher Mängel, die ihm anhaften, oozu besonders die Breite in der Behandlung einzelner Ailualfragen gehört, wie z. B., wenn er 32 Seiten der Frage widmet, welche Benediktion man über Schokolade sprechen solle, 4 dieses Werk doch die großartigste Leistung eines einzelnen Mannes, die geradezu unbegreiflich ist, wenn wir uns voralten, daß es von einem praktischen Arzte geschrieben wurde. Steinschneider und David Cassel haben im Jahre 1844 ein Specimen einer Encyclopädie des Judenthums erscheinen lassen, Mer das Projekt, voll dem eine Seite in der Vorrede zu der reuen Encyklopädie reproduzirt ist, ist Projekt geblieben. Rapoports Erich Millin ist beim Aleph stehen geblieben und Hamburgers Encyklopädie, ursprünglich nur auf Bibel und Talmud beschränkt, leidet trotz des darill niedergelegten Fleißes m der Schwäche, die ein Werk dieser Art zeigen muß, wenn s von einem Manne unternommen wurde, der neben der Sorge um die wissenschaftliche Leistung auch noch um den Vertrieb sich kümmern muß. So blieb die Darstellung des auf ms Jndenthum bezüglichen Wissensstoffes in alphabetischer Ailordnung noch immer ein Desideratum. Ich selbst sprach mvon in dieser Zeitung 1888, 592. als von einem fast utopischen Ideal. Bald darauf trat Dr. Isidor Singer, damals ul Paris, mit seinem Projekte, eine Encyclopädie in deutscher Sprache herauszugeben, auf (Allgemeine Zeitung des Judentums 1891, 434). Sein Projekt fand sehr kühle Aufnahme, aber er bewies eine heroische Allsdauer; er sandte nach alleil Seiten Briefe und Drucksachen und suchte immer neue Kreise gl gewinnen. Trotzdem blieb das Projekt ein Luftschloß. Als r 1895 nach New-4)ork kam, machte er sich mit dem Optimismus des Einwanderers gleich an die Ausführung seines Plaues. Der Sprache nicht mächtig, ohne Freunde und ohne Mittel, erschien sein Projekt Jedermann unausführbar. Da trat ich im Jahre 1897 mit dem Projekte einer Encyclopädie in zwei Bänden nach dem Muster der von Holtzmann und Zöpfel vor die Nabbiuerversammlung in Montreal. Eine Encyclopädie in zwölf Bänden, wie sie Singer plante, erschien mir als eine Utopie. Singer blieb aber standhaft, und obwohl er sich kümmerlich durch Privatunterricht ernähren mußte, ließ er seinen Plan nicht aus den Augen, bis es ihm gelang, das allgesehene Verlagshaus von Funk «k Wagnalls für das Werk zu gewinnen. Funk L Wagnalls hatten vor nicht langer Zeit ein englisches Wörterbuch mit einem Kostenaufwande von fast einer Million Dollars herausgegeben und, obwohl bei der beträchtlichen Zahl anderer Wörterbücher kein Bedürfniß dafür zu sein schien, es zu einem Erfolge gestaltet. Trotzdem war das Zutrauen zu Singer, der als käitor-iii-Müot' zeichnete, nicht fest genug, um dem Werke Eingang zu schaffen. Dr. Köhler und ich wiesen in den öffentlicheil Blättern auf das Bedenkliche hin, ein Werk von solchem Umsange, zu dem überdies die Vorarbeiten noch nicht geilügend gethan waren, ans die geplante Weise zu unternehmen. Manches Bedenkliche iil dem voll der Firma heransgegebenen Spezimen schien darauf hinzudeuten, daß man die verdienstvollen Männer Israels unter denen suchen wolle, die am meisten Geld zu verdienen gewußt haben, und daß man auch sonst dem Nassendünkel schmeicheln wolle, auf den unsere Berufspolitiker gern spekuliren, wenn sie um die Stimmen der „achtbareil hebräischeil Mitbürger" werben. Ta entschloß sich die Firma, den ganzen Plan zu ändern; ein Redaktionsstab wurde organisirt, in welchen Cyrus Adler, Custos an dem Nationalmuseum in Washington (Smithsonian Institution), für amerikanisch-jüdische Geschichte, Professor Gottheit von der Columbia University in Newyork für ältere Geschichte und Litteratur, Dr. Jastrow, der im Ruhestände lebende Nabbiller der Rodeph Shalom-Gemeinde in Philadelphia, das talmudische Departement, sein Sohn Morris Jastrow, Professor der orientalischen Sprachen an der University of Pennsylvania, das biblische Departement, Rabbiner Dr. Köhler in Newyork das theologische und philosophische Departement, Professor Moore voll delll Presbyterianerseminar in Andover das Philologische lind Hellenistische, ich das Geschichtliche der letzten vier Jahrhunderte übernahm, und Singer, der die geschäftliche Leitung des Redaktionswesens behielt, gleichzeitig die nichttheologischen, biographischen Artikel behielt. Das Anwachsen des Stoffes machte weitere Ergänzungen des Redaktionsstabes nothwendig. Zunächst war das Departement der talmudischen Litteratur zu umfangreich und mußte getheilt werden. Dr. Louis Ginzberg, ein junger Gelehrter, der kurz zuvor nach Newyork gekommen war, übernahm die rabbinische Litteratur der nachtalmudischen Zeit. Joseph Jacobs, der bekannte englische Publizist, kam nach Newyork, um die Leitung des formellen Theiles der Arbeit als Revising Editor zu übernehmen; ihm trat später Rabbiner Dr. de Sola Mendes zur Seite, der die Oberleitung des Uebersetzungsbüreaus überllahm, und endlich trat der bekannte Hebraist Professor Toy voll der Cambridge University an die Stelle des zur Leitung des Seminars inAndover berufenen Professors Moore. Zwei Jahre vergingen seit der Konstitution des Redaktionskomitees im März 1899 bis znm Erscheinen des ersten Bandes. Von der Schwierigkeit eines solchen Werkes kann sich Niemand einen Begriff machen, der die Erfahrung nicht selbst gesammelt hat. Wir arbeiten auf

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