Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1901)
- Date
- 1901-09-27
- Page
- Seite 460 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228459--57952-3294365- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Baku 1× ep/1000527
- Seesen 1× ep/1048106
OCR text
460 glaube, energisch zu Protestiren. Auch vor den Parteitag zu Leipzig soll die Anklage gebracht werden. Aber das Alles wird den Leuten nichts nützen. Die Verurtheilung ist rechtskräftig erfolgt und nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Auch Herr Lueger ist unter die Vertreter der Blutlüge gegangen. Seine Antwort ans die bekannte Umfrage lalltet: „Ein Blutmord widerspricht de» mosaische» Lehre», wie sie in der Bibel enthalten sind. Ich habe daher immer daran gezweifelt, daß es Ritnalmorde giebt. Die letzte» Fälle in Ungar», Deutschland und in meinem Vaterlande Oesterreich habe» mir jedoch dis Ueberzeugnng beigebracht, daß mindestens eine Sekte der Juden existirt, welche dem Blutritns huldigt, und ich halte es für eine Pflicht aller Regierungen, die Angelegenheit zu untersuchen und klar zu stellen." Die alte erbärmliche Ausrede, für die auch nicht eine Spur eines Anhalts irgendwie und irgendwo zu finden ist. Würdig eines Lueger! Aber auch die Deutschliberalen in Oesterreich sind würdige Kumpane. In einer Wiener Korrespondenz lesen wir: „Es ist mehrfach ausgefallen, daß in dem kürzlich von dem Exekntiv- Komitee der Fortschrittlichen in Prag hinausgegebenen Ausruf an die fortschrittliche Wählerschaft der seit dem Bestände dieser Partei stereotyp gewesene Satz von der „Gleichberechtigung aller Konfessionen und der reaktionären Tendenz des Antisemitismus" n. s. w. zum ersten Male gefehlt hat. Er war allerdings im Entwurf des Aufrufes vorgesehen, fiel aber in der vertraulichen Berathung des Exekutivkomitees mit allen gegen zwei Stimmen, die von zwei Mitgliedern des sogenannten Prager Kasinos abgegeben wurden. Das Hinderniß besteht also thatsächlich nicht mehr, das bisher angeblich einer Fnsionirnng im Wege stand. Eine weitere Bekräftigung des Vorhergesagten bildet wohl auch die Thatsache, daß Kandidaten jüdischer Konfession vom fortschrittlichen Wahlausschuß abgelehnt wurden." Und diese Gesellschaft wagt sich liberal zu neunen! 4 Jetzt weiß man es, wer der böse Geist Rußlands ist. Frau Edmond Adam, die, wie alle Nationalisten gegenwärtig, auf das Zarenthum schlecht zu sprechen ist, hat das große Geheimnis; enthüllt. Sie beklagt tief, daß Alexander III. nicht mehr ist und das; der Finanz minist er Witte den Kaiser Nikolaus II. „ungestraft betrügen darf", wie es ihm mit Alexander III. niemals gelungen wäre. Sie zählt eine lauge Reihe von Finanzunternehmungen auf, welcher diese „böse Geist Rußlands" den belgischen, französischen, deutschen, englischen und amerikanischen Juden in die Hände gespielt habe, um Rußland zu Grunde zu richten. Ihm schreibt sie sogar auch die Verbreitung revolutionärer Flugschriften unter den Arbeitern, die Ausstandsbewegungen, die Aufstände, ja die großen Feuersbrünste zu, welche in Witebsk, Pensa, Balakla und Baku ausgebrochen sind. Er ist nach ihrer Ueberzeugung „ein Jude, der nach den Theorien von Karl Marx für die Juden der ganzen Welt arbeitet". Darum verlaute in der internationalen Presse nie etwas Ungünstiges über ihn. Der Zar habe ihn durchschaut, er habe versucht, ihn los zu werden, aber dann bebte sogleich der Boden unter seinen Füßen. So sei das heilige Rußland bedroht, wie das arme Frankreich, und Niemand vermöge zu helfen. Armes Frankreich! r Auf dem Friedenskongreß zu Glasgow machte ein Rev. Springs Smith, als von der Intervention für die Armenier die Rede war, den Einwand, man dürste bei den Armeniern nicht Halt machen und müßte sich auch um das Los der Inden in Rußland, der Iren in Großbritannien u. a. kümmern, worauf der Armenier Arakeliau geltend machte, daß bei allen Sympathien für die Juden, Iren und Rumänen es sich bei diesen wohl um eine nationale, je ein gewisses Land betreffende Frage handelt, „während es sich bei den Armeniern um eine internationale Angelegenheit handelt, da derer; Forderungen auf den; Berliner Vertrag fußen." Und die der rumänischen Juden etwa nicht? Im „Standard" hat Jemand eine Schilderung der Londoner Anarchistenkolonie entworfen, in der auch von den Juden die Rede ist. Der Artikel enthält mehr Falsches als Wahres, und die englischen Blätter wimmeln vor; Richtigstellungen und Gegenerklärungen. Nur einige Sätze aus dem Artikel sind bisher unangefochten und unwidersprochen geblieben. Es sind die folgenden: „Neben im äußeren Sinne religiösen Leuten finde man solche, die au den religiöse«; Versammlungen, z. B. der jüdischen Anarchisten, theilnehmen, um bei ihnen besser Einfluß zu haben; dabei höhnten sie nachher auf jede Religion und Religionsübung in den stärksten Ausdrücken." Auf verschiedene Fragen des Interviewers bemerkte der Oberrabbiner Dr. Adler in London, der jüdische Anarchist fei ein Mann, der jede Uebung und Tradition seines Glaubens abgeworfen habe. Das ist auch richtig! Am Versöhnungstage veranstalten diese Leute Bankette, auf denen die jüdischen Bräuche verhöhnt und das Judenthum stärker geschmäht wird als selbst — von den Antisemiten. Kofrath Benedikt Schott.') Ein Gedenkblatt zum 100 jährigen Jubiläum der Jakobson-Schule in Seesen. Von Landrabbiuer Dr. Lewinsky in Hildesheim. u diesen Tagen, da anläßlich des 100jährigen Bestehens der Jakobson-Schule zu Seesen eine große Anzahl früherer Zöglinge jener Anstalt zur festlichen Feier sich daselbst versammelt, erneuert sich besonders die Erinnerung an den Stifter jenes Instituts, an den edlen Israel Jakobson, der 1801 mit 100000 Thalern die nach ihm benannte Schule gegründet. „Sie sollte in sich eine Neligions- und Industrieschule vereinigen, neben Talmud- und derartigen Studien auf das Handwerk vorbereiten." Nachdem Jakobson am 16. März 1801 ein Haus für die zu errichtende Schule um den Preis von 1800 Thalern erworben, verlieh der Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig auf Grund eines Berichtes des Hofraths 0 Benutzt wurden besonders: Rüls, Einiges aus der ersten Zeit und über den Stifter der Jakobson-Schule. Nahrner: Jüdisches Litteratnrblatt, Jahrg. XVIIl, 1889, Nr. 45 ff). Kleinschmidt, Dr. Israel Jacobson. Nach den Quellen (Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und Alterthmnskunde. 23. Jahrg., 1890, I. Hälfte, S. 202 ff.). Wohlwill, lieber den Zustand der Jakobson-Schule in Seesen während verletzten drei Jahre (Korrespondenz vom September, bezw. 17. Dezember 1846, in „Allgemeine Zeitung des Jndenthums", 11. Jahrg. 1847, S. 13). Briefliche Mittheilungen der Herren Direktor Professor Dr. PhiliPPson und Inspektor Plaut zu Seesen (vom 12.,9. d. I.). Beiden Herren sei für ihre freundliche Förderung hiermit herzlichst gedankt.