Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1901)
- Date
- 1901-09-27
- Page
- Seite 458 (sequence 4)
- Language
- German
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458 heilig glühend Herz und glühtest jung und gut." Dieses übertriebene Selbstgefühl, in dem der Menschengeist sich setbstvergötternd spiegelt, artete in unserer Zeit zum Wahn des Uebermenschen aus, der in seiner krankhaften Überreiztheit und Empfindungslosigkeit die verrohte Selbstsucht und Selbstverherrlichung zum System erhoben. Der Theil der Menschen, der immer zu rohen Gewaltthateu neigt, hat zwar nicht erst darauf warten müssen, daß diese in ein sogenanntes wissenschaftliches System gebracht würde, denn ihr System ist die Anarchie, in welcher sie über die Wehrlosen und Schuldlosen herfallen. Aber auch ein sogenannter besserer Theil der Gesellschaft, der sich von rohen Gewaltakten weit entfernt hält, kultivirt die unduldsame Selbstsucht unter Ausschließung und Verleugnung der gleichen Rechte der Anderen, bald offen, bald geheim in den verschiedensten Formen und auf den verschiedenen Gebieten berechtigter, menschlicher und bürgerlicher Selbstbethütigung. Eine solche traurige und verhängnißvolle Verkennung der allgemeinen Menschenaufgabeu und Kulturziele durch Verrohung der Gemüther und Ueberreiztheit der sich selbst vergötternden Selbstsucht kann im Geltungsbereiche der Sinailehre niemals aufkommen, denn diese weist uns unablässig auf des Menschen Abhängigkeit von Gott hin, ohne den der Mensch nichts vermag: „Sprich nicht in deinem Herzen, meine Kraft und die Macht meiner Hände haben mir dieses Vermögen verschafft, denn er ist es, der dir Kraft giebt, Vermögen zu erwerben." Die Erntezeit, wo Keller und Scheune sich füllen, worüber das Herz des Besitzers stolz und übermüthig werden könnte, ist der geeignete Zeitpunkt, all dem die Religion durch das Sinnbild der Pflanzenweihe den Menschensinn auf Gott, die Quelle des Segens und der Erhaltung, hillweist, nicht minder aber auch durch die Hütte als ein Wahrzeichen des Schutzes, mit dem Gott über der Menschheit vom Uranfänge all wacht. Wenn irgend Jemand, so konnte gerade der jüdische Stamm den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, durch unbeugsame Willenskraft, mit todesverachtendem Muthe sich unter allen furchtbaren Gefahren behauptet zu haben. Und doch blickt er unablässig auf seine erste schwache Jugendzeit zurück, wo er augenscheinlich ohne die besondere Gotteswacht gänzlich aufgerieben und vom Erdboden verschwunden wäre. In diesem Rückblick auf den wunderbaren Schutz in seiner Kindheit findet Israel seine Stärke, seinen Muth und seine Hoffnung für die Gegenwart und für die Zukunft. Unter allen Eigenschaften, die das Judenthum auszeichnen, ist es besonders die Eigellschaft, für empfangene Wohlthaten sich ein treues Gedächtnis; zu bewahren. Dieser glücklichen Eigenschaft hat es seine Treue gegen die Religion zu verdanken, die ihm das Beste bietet, was einem Menschell an wahrem, dauerndem Glück und an steter froher Stimmung gewährt werden kann: Gottvertrauen, Ehre, Würde, Menschenliebe, Freiheit des Geistes, Gemüthstiefe, Trost und Hoffnung. So schwer und Lief Israel gekränkt und gedrückt wurde, diese innere Glücksempfindung, diese frohe vertrauensvolle Stimmung konnte ihm nichts in der Welt rauben. Denn es haftet nicht blos all der Gegenwart, nicht all den Tbeilerscheiuungen des Lebens, sondern es verknüpft ill seinem Geiste den Anfang mit dem späten Ende, die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft, und da in jedem Anfang einer Erscheinung ill der Natur und in der Geschichte mehr wie ill jeder weiteren Entwickelungsstufe Gottes wunderbare Wirkung erkennbar ist, so sieht es mit dem iuuern Seherauge, das ihm als das Volk der Propheten eigen ist, diese wunderbaren Wirkungell unter dem Bilde der ewigen Zeitdauer an, schließt es von dem Anfang auf das Ende, voll der Vergangenheit auf die Zukunft. Auf seinem langen Lebensgange hat Israel mehr Erfahrungen gesammelt und! mehr Lebensweisheit gewonnen als irgend ein anderes Volk, und so hat es auch schon frühzeitig erkannt, daß nichts ill der Welt so schwer lind so lange reift als der Menschengeist. Denn der Menschengeist ist das Kostbarste und Edelste, was die Erde aufzuweisen hat. Und wie der Diamant seine Vollendung in den: wunderbaren Glanz, den er allsströmt, erst nach angemessenen Zeiten aus vielfachen Entwickelungsformen erlangt, so wird das Beste und Edelste im Leben des Menschengeisles erst nach unabsehbarer Entwickelungszeit hervortreten, wie die alten Propheten in Israel das Bild der Menschenzukunft in weiter Fernsicht gezeichnet haben. Wohl hat er scholl in verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern in großen Kulturgedanken herrliche Blüthen getrieben, die Auge und Herz erfreuen, aber sie sind auch oft abgewelkt, sind durch Stürme und böse Hände abgestreist worden. Aber wenn einst in einer kommenden Periode die Sonne der allgemeinen besseren Erkenntnis; am Horizonte der Menschheit heranfzieht, daun wird der Menschengeist in die Vollreife eiutreten, daß unter dem Schirmdache seiner Civilisatlon alle Nechtsbedrückten und Gekränkten im Lande das Haupt wieder frei erheben, und „der Gerechte wie die Palme blüht und wie die Ceder stark wird." Me Woche. Berlin, 24. September Blutlüge hat, wie unsere Leser schon aus den Tagesblättern wissen, in der vergangenen Woche vor Gericht gestanden und dort ihre entsprechende Bestrafung empfangen. Die Sache ist von großer Bedeutung, und wir geben deshalb 6en Bericht über die Verhandlung am 18. d. M. ill voller Ausführlichkeit hier wieder. Die sogenannten „Schächt-Postkarten" oder „Winterbezw. Polua Schäehtkarten" des Verlagsbuchhändlers Gustav Adolf De Wal d bildeten die Grundlage einer gegen diesen gerichteten Anklage wegen Be schimpsnng von Einrichtungen und Gebräuchen der jüdischen Religion» gesetlschaft und Nebertretung preßpolizeilicher Vorschriften. Die Anklage wurde vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts I verhandelt; sie wurde durch Staatsanwalt Kanzow vertreten. Die Vertheidignng führte Rechtsanwalt Jüngst, als Sachverständige waren Professor Dr. Strack und Rabbiner Dr. Weisse zur Stelle. Jnkriminirt waren zwei im Verlage des Angeklagten erschienene Postkarten. Die eine hat Bezug ans die Ermordung des Gymnasiasten Winter und enthält die Worte: „Gedenket des 11. März 1900! An diesem Tage fiel der Gymnasiast Winter in Könitz dem Schächtmesser zum Opfer." Alls der Postkarte war ferner ein Bild abgedruckt, welches folgenden Inhalt hat: In einem Keller befinden sich zehn jüdische Leute, von denen Ernst Winter, dessen Hände durch Stricke sestgehalten werden, hingemordet wird. Der in der Mitte stehende Mann hat ihm einen Schächtschnitt beigebracht, und das Blut aus seinem Halse fließt in Strömen aus der Halswunde in einen Eimer, über welchem er in der Schwebe gehalteil wird. Nach Ansicht der Anklage enthält die Karte eine Beschimpfung der jüdischen Religion, weil die Schächtung eine ans religionsgesetzlichen Vorschriften beruhende Einrichtung des Judenthluns sei. Daß hier eine Schächtung dargestellt werden sollte, ergebe sich aus dem Bilde selbst und ans der Thatsache, daß einer der abgebildeten Juden auch einen Gebetriemen um die linke Hand gewickelt