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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-27 · Heft 39 (27.9.1901) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 39 (27.9.1901)
Date
1901-09-27
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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65. Jahrgang. Nr. 39. Allgemeine Berlin» 27. September 1901. eitung des Au-entbums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, I Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. I Nedacteur: Gustav Karpeles. I Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippson-Vonn. Verlags-Expedition: Verl in, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung dev Judenthums", Berlin 8VV., Jerusalemer Straße 43/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhal!. Leitartikel: Aum Laubhüttenseste. — Die Woche. — Hofrath Benedikt Schott. Von Landrabbiner Dr. Lewinsky in Hildesheim. — l)i6 ^6>vi8li Lno^olopeäia. Von Professor Dr. G. Deutsch. — Altjüdische Märchen. Mitgetheilt von Hulda Thornasche wskh. 1. — FeirMetorir Die preußische Sukkah. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, (sydtkuhnen, Alogasen, Leipzig, Seesen, Cassel, München, Wien. — Bon Nah und Fern. Jum Fautchnttenfeste. Berlin, 25. September. ie alten Lehrer in Israel haben das Laubhüttenfest in verschiedenen Tonarten besungen und verherrlicht. Sie haben darüber geschichtliche und ethische Betrachtungen angestellt, die auch noch heute in unserer modernen Zeit Gelzung finden. Entgegen dem Pafsahfeste, bei dessen Verkündigung in der Bibel, wie sie bemerken, auch nicht einmal die Aufforderung zur Freude ergeht mit dem bezeichnenden Ausdruck: „Und du sollst dich freuen an deinem Feste, du und ein Sohn und deine Tochter und dein Knecht und eine Magd, der Levite und der Fremdling und die Waise and die Wittwe," erscheint sie am Laubhüttenfeste sogar dreimal. Diese einfache Bemerkung ist von großer Tragweite für ie Erkenntniß des Lebens im Allgemeinen und der Geschichte Israels im Besonderen. Frühlingsfest und Herbstfest stehen chon äußerlich nach der Natur in enger Beziehung zu einander; ie ergänzen sich gegenseitig und verhalten sich zu einander aie die Zeit der Jugend zu der des Alters, wie die Hoffnung nr Verwirklichung, der zarte Keim zur Frucht, die Sehnsucht nr Erfüllung. Wie viel Kämpfe und Stürme, wie viel Gefahren and Erschütterungen liegen nicht zwischen Jugend und Alter, zwischen der keimenden Blüthe und der vollgerelften Frucht, vie viel Schmerzen und Enttäuschungen, wie viel Thränen and Seufzer liegen nicht oft zwischen Sehnsucht und irfüllung, zwischen Hoffnung und Verwirklichung! Von diesen Erfahrungen bleibt in schwächerem oder stärkerem Grade kein Nensch verschont, aber es giebt doch Keinen auf den: ganzen Erdenrund, der sie je schmerzlicher empfunden hätte als ein nide in seiner Eigenschaft als Anhänger eines Stammes, der ach bereits seit vielen Jahrhunderten nach dem wohlverdienten Wieden sehnt, schon so lange hofft und immer vergeblich wfst, daß die Saat seiner Sinailehre von der großen Nenschenverbrüderung zur vollen Frucht aufgehen werde, ahne das Ziel seiner Sehnsucht erreicht, den Gegenstand seiner heißesten Wünsche gefunden zu haben. Und doch gehen die beiden Feste im Frühling und im Herbst an unserem religiösen Horizont wie zwei Sterne im wechselnden Kreislauf auf und nieder und weben die Gedankenblüthen der Hoffnung in der religiösen Gemeinschaft Israels. Das Laubhüttenfest reicht uns den sinnig gewählten Feststrauß dar. Diese Festgabe fasten die jüdischen Gottesgelehrten des Alterthums neben der natürlichen Bedeutung als Sinnbild des Erntesegens als Auszeichnung dafür auf, daß wir an dem vorangegangenen Sühnetag aus der läuternden Selbstprüfung über unsere Sünden siegreich hervorgegangen, als fröhlich aufgepslanztes Zeichen des Sieges im ernsten Kampfe mit den sinnlichen Lockungen des Lebens. Es ist die Siegespalme, die uns für heldenmüthiges Ringen mit den menschlichen Lastern und für die kraftvolle Ueberwindung derselben Anerkannt wird. Da zeigt sich uns ein Gedankenkern, auf den alle Propheten und Lehrer des Judenthums hingewiesen haben, daß, wenn die ganze Menschheit in der Läuterung der Herzen von allen bösen Trieben gegen einander die volle äußere und innere moralische edle Selbstbeherrschung und Freiheit wird erlangt haben, unter dem Lichte des allgemeinen Friedens und der allgemeinen Liebe ein reicher Erntesegen an goldenen Früchten des gemeinsamen Menschenglückes zeitigen und reifen werde. Die Herrschaft der geläuterten Moral wird Schutz und Schirm lein, eine Hütte des Friedens, in der „Jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenftock wohnt und Niemand schreckt". Das Wohnen in Hütten bezeichnet nach unseren Begriffen eine der primitiven Lebensarten, in der wir uns nur nvmadisirende Volksstäinme denken, die bald da, bald dort ihre Hütten aufbauen und nach kurzer Rast wieder abbrechen, um dann weiter zu ziehen. Von unserer hohen Kulturstufe blickt der Menschengeist mitleidig und geringschätzig auf jene niedere Stufe der Entwickelung herab. Er überschaut den weiten Entwickelungsgang, auf dem er sich mit ungeheurer Anstrengung vorwärts gebracht, wie er überfluthende Gewässer eingeengt und ihnen ihren Lauf vorgezeichnet, weite sumpfige Landstrecken zum festen Boden gemacht, Wildnisse bebaut, Urwälder zu bewohnten Stätten umgewandelt, die Naturgesetze sich nutzbargemacht, die Elemente in seinen Dienst gezwungen und ein reiches geistiges Leben unter Kämpfen und Stürmen entfaltet. Da fühlt er sich selbstbewußt, pocht stolz auf seine Errungenschaften, es regt sich in seiner Brust ein Gefühl allmächtigen Könnens, ein Prometheusgefühl, in welchem er als echter seif macke man zu sich spricht: „Da ich ein Kind war, nicht wußte, wo aus noch ein — wer half mir, wer rettete vom Tode mich, von Sklaverei? Hast du nicht alles selbst vollendet.

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