Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-20 · Heft 38 (20.9.1901) · p. Seite 455

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 38 (20.9.1901)
Date
1901-09-20
Page
Seite 455 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228458--57938-3294350
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

455 Dir Hüter und Netter und stehe Dir zur Rechten. Seine mgel entbiete er Dir, Dich zu behüte» auf allen Deinen Wegen. Der Herr segne Deinen Ausgang und Deinen Eingang für und für. Amen." Als Gitel die Segensworte beendet, zog sie den Kopf Kendels an sich und drückte einen heißen Knß auf seine -ippen. Dann ließ sie ihn von dannen ziehen, und er hörte -ie noch rufen: „Geh' bescholanm! Mendel, sei ein Gibbvr!" Gin jüdischer Künstler. Von M. Friedeberg. (7^. n meiner Jugend las ich einmal in einem der von dem Frankfurter Lehrerverein „Achawa" herausgegebenen Jahrbücher eine hübsche Erzählung aus der alten üdischen Gasse von Kulke. Der Dichter schilderte da einen maben, der ein ganz hervorragendes Talent zum Zeichnen at. Ein noch mehr als gemeinhin üblich materiell gesinnter Stiefvater verhöhnt indeß jede künstlerische Bethätigung des -indes mit den Worten: „Pitsche Patsche, der Kunstenmacher!" trotz dieses ironischen Pitsche Patsche wurde der Knabe ein hervorragender Künstler. Wer könnte es ihm indeß verdenken, eenn auch er seinerseits später über das Kunstverständnitz einer Glaubensgenossen etwas abfällig zu denken begann und ich von denen, die seine ideellen Triebe und Bethätiguugeu erhöhnt hatten, mehr ab, und anderen, der Sinnenfreude und )er Verklärung des Irdischen durch die Kunst hingegebenen Kreisen zugewandt hat. Der Fall, daß ein bereits ganz auf sich gestellter jüdischer Naler, dessen Werke Anerkennung finden, streng glaubenstreu ein Judenthum nicht nur bekennt, sondern auch bethätigt, st äußerst selten. Wenn ein junger Mann, der aus dem -lavischen Osten nach einer unserer großen Kunstmetropolen vandert, dort mit dem langen Kastan gar schnell auch die eligiösen Traditionen aufgiebt und von dem Vorrecht des Künstlers Gebrauch macht, sich in den Strudel des modernen lebens zu stürzen, so werden wir dem Künstler, wofern er wirklich ein solcher ist, wenn er an dem alten Erbe seiner Väter nur zeitweise vorübergeht, nicht allzu sehr grollen, uns aber an dieser Stelle auch nicht weiter um chn kümmern. Da aber, wo uns Treue gehalten wird, haben vir in Berücksichtigung der innerhalb der Kunstkreise doppelt und dreifach lockenden gegnerischen Strömungen auch unserseits eine Pflicht der liebevollen Antheilnähme an den unser Eigenstes verschönernden Kunstbestrebnngen. Ein glaubenstreuer ndischer Künstler sein, heißt in unserer jungen Generation heutzutage Opfer bringen. Aus diesen» Gesichtspunkte wollen diese Zeilen beurtheilt werden, die wir heute einem noch jungen Künstler, den» am E März 1876 in Berlin geborenen Maler und Radirer Hermann Struck widmen. Aus einer bekannten, srommen, den Bestrebungen jüdischer Wissenschaft geneigte»» Familie stammend, war Hermann Struck ursprünglich zum Rabbiner bestimmt. Als man den Ernst seines künstlerischen Strebens erkannt hatte, besuchte Struck etivas über fünf Jahre lang die Berliner Kunstakademie, hauptsächlich als Atelierschüler des eider so früh verstorbenen Professors Max Koner. Der junge Künstler machte Studienreisen nach Südfrankreich, Italien, Belgien, England und Holland. Auf einer Studienreise ii» Zanbvoort (Holland), an» Meere, erhielt Struck die von uns bereits nach den politischen Blättern gebrachte Nachricht, daß drei seiner gegenwärtig im Salon an» Lehrter Bahnhof ausgestellten Radirunger», darunter der „Polnische Rabbiner", „Alter Mann" und „Alter Mann im Profil" vorn Staate für das Knpferstichkabinet des Berliner Museums angekanft worden sind. Hermann Struck ist nicht zu verwechseln mit dem nicht unserer Glaubensgemeinschaft angehöreuden Hugo Struck, der durch vorzügliche Radirungen nach Menzel bekannt ist. Hermann Struck hat bisher mit zwei unbedeutenden Ausnahmen nur Original».'« dirungen geschaffen. Er arbeitet stets direkt nach der Natur. Struck inalt und radirt hailptsächlich Köpfe von Menschen, wobei ihm die Augen als Spiegel der Seele die Hauptsache sind; getreu dein Milieu, aus dem er hervorgegangen, — Struck beschäftigt sich noch jetzt gern mit dein ihn» aus seiner Jugend vertrauten Talmud — bemüht sich der Künstler vorwiegend um das Verinnerlichte und Durchgeistigte des menschlichen Antlitzes. Hermann Struck, selbst ernst, fast melancholisch wie die meisten tiefer angelegten Naturen, hat »och nie etivas Heiteres geschaffen. Er hat innerhalb des oft so einträglichen Porträtfaches die Kunst nie als Handwerk aufgefaßt, sondern vielmehr als geistige Aeußerniig einer tiefen, stillen Empfinduilg. Jeder Strich soll etwas sagen, jedes „zu viel" stört ihm die Einfachheit, iiach der er strebt. Wie man von Strucks künstlerischem Ideal, Rembrandt, erzählt, daß er seine Modelle vorwiegend aus der Amsterdamer Judengasse geholt habe, so fesseln unseren jungen deutschen Künstler vorwiegend die Aermsten der Armen, die oft so verachteter» „polnischen Juden" der Gasse. Das Modell des „Alten Juden" von Struck, den viele unserer Leser ans der Reproduktion in» „Weltspiegel", der illustrirten Beilage des „Berliner Tageblatt", kennen werden, war ein zufällig durch Berlin reisender Schnorrer. Und doch, »vie ergreift uns in den durchfurchten Zügen dieses von der Noth des Lebens gehetzten Mannes der gedrückte, ruhelose Zug tausendjährigen Wehes, das ängstlich Spähende dieses Greisenantlitzes. Bei diesem Opfer trostloser sozialer Zustände läßt uns der Künstler ganz hinten im Auge etivas Verschlagenes sehen, und doch, wer vermöchte ohne Rührung den Blick von diesem alten Manne abzuwenden, dessen irres Leuchten indem verwitterten Gesicht etwas von der Majestät eines Königs Lear der Gasse hat.... Ganz anders tritt uns in dem zweiten kleineren Kopfe, dem „Polnischen Rabbner", dessen Original ein sehr anständiger, wirklicher Rabbiner ist, der sich zufällig ii» Berlin aufhielt, die große Resignation des Judenthums entgegen, das Weltverzichtende eines solchen nur der Thora lebenden Gelehrten des Ostens, das Grüblerische des ganz im Talmud ausgehenden Denkers. Noch hat der erst 25 jährige Künstler Zeit zur Vertiefung seines unzweifelhaft großen Strebens. Auch in seinen Landschaften bemüht sich Struck, möglichst wenig zu „machen", eine originelle Linie reizt ihn, und immer wieder zieht es ihn nach den einfachen, allem luoderiien Raffinement entlegenen Landstrichen Hollands. Daß Struck aber auch auf den» Gebiete, das uns hier interessirt, noch etivas leisten wird, wir hoffen und wissen es, denn nicht umsonst lesen wir auf mehreren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.