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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-20 · Heft 38 (20.9.1901) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 38 (20.9.1901)
Date
1901-09-20
Page
Seite 454 (sequence 12)
Language
German
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454 steht Mendel, hinter ihm der Parneß, der es sich nicht hatte nehmen lassen wollen, den jungen Krieger bei seiner Ankunft zu begrüßen und ihn zur Mutter zu geleiten. Nun fliegt Sara an die Brust ihres Verlobten, der sie hochbeglückt in seine Arme schließt und einen langen Kuß aus ihre Lippen drückt; dann eilt Mendel, die Geliebte mit sich ziehend, zur Mutter, die stumm ihren Sohn umarmt. Es ist ein erhebender Anblick, der sich dem anwesenden Parneß darbietet, und der die geradezu feierliche Stille nicht zu unterbrechen wagt. Endlich erwachen die Glücklichen aus ihrem Freudenräusche, und die alte Eitel beginnt mit leiser, vor Erregung zitternder Stimme: „Scholaum aleichem. Kindleb! Wie dank ich Gott, bornch hu. Dich gesund zu sehen!" „Und wie glücklich bin ich," erwidert Mendel freudestrahlend, „Dich, Mutterleb, und auch die Sara wohlauf anzutreffen. Mit welchem Zagen habe ich die Reise zu Euch angetreten. Mußt ich doch nicht, ob Ihr den Schritt, den ich ohne Euer Wissen gethan habe, gutheißen werdet. Sag Mutterleb, Hab ich recht gethau, bist mir deswegen auch nicht gram?" „Nein, mein Kind," entgegnet die Mutter, „ich freu' mich und bin glücklich, daß Du so nitithvoll Dich zeigst und gegen Vater und Großvater uit zurückstehen willst. Gott, bornch hu, segne Deinen Entschluß!" „Und Du, Saraleb, was sagst Du?" wendet sich Mendel an seine Verlobte. Statt jeder Antwort legt Sara das Köpfchen an die breite Brust Mendels und drückt ihm die Hand. Was soll sie ihrem Mendel aus diese Frage antworten? Ihr Schweigen aber ist ihm eine beredte Antwort, er weiß nun auch, daß sein tapferes Mädchen seinen Schritt billigt, und er ist darob hoch beglückt. „Ich weiß es nicht," fährt er lächelnd fort, „wie es so plötzlich über mich kam. Vor etwa acht Tagen war es, da versammelte unser Hauptmann seine Kompagnie um sich und hielt eine kräftige Ansprache. Er wies daraus hin, daß im fernen Asien die Ehre Deutschlands angegriffen worden sei, und daß mau daselbst in verbrecherischer Weise deutsches Blut vergossen habe. Dies fordere Sühne. Der oberste Kriegsherr wende sich nun au sein Heer, die Züchtigung der Verbrecher und Verletzer des allen Civilisirten heiligen Völkerrechtes zu vollstrecken. Aber keinerlei Zwang solle ausgeübt werden, es sei Jedem frei gestellt, sich an dem Sühuezuge zu betheiligen. Wer darum entschlossen sei, dein Rufe seines Kaisers zu folgen, der trete vor!" Nach diesen Worten herrschte tiefes Schweigen rings umher und erwartungsvoll schaute der Hauptmann auf seine Leute. Da schwoll mir plötzlich das Herz in der Brust, und im nächsten Augenblick stand ich vor der Front. Aber vergebens sah ich mich nach einem Kameraden uni, der gleich mir sich kurzer Hand entschlossen hätte, der eben vernommenen Aufforderung uachzukommen. Ich stand allein da. Nun begann der Blick des Hauptmanns, der sich sichtlich in seinen im Stillen gehegten Erwartungen getäuscht sah, sich zu verfinstern. Dann rief er: „Nun, tritt Keiner weiter vor?" Doch Keiner trat vor. Da kam der Hauptmann an mich heran, ergriff meine Rechte und sprach: „Ja, da erkenne ich wieder meinen wackeren Mendel! Wo es gilt, Muth und Entschlossenheit zn zeigen, da ist er stets der Erste am Platze. Du bist ein braver Kerl und machst Deinem Volke Ehre! Du widerlegst heute forscht die Anklagen und Vorwürfe Derjenigen, die Deine Glaubensbrüder für feige und zum Kriegsdienste unbrauchbar erklären." Wie sehr mich diese Worte meines Vorgesetzten beglückten, brauche ich wohl nicht zu sagen. Dann wandte sich der Hauptmanu abermals an die schweigend dastehenden Mannschaften mit den Worten: „Nun, wagt es Keiner, es dem Mendel gleich zu thun? Wollt Ihr Euch denn wirklich von ihm beschämen lassen?" Wiederin herrschte eine tiefe Stille. Da traten zwei Mann zögernd vor und stellten sich mir zur Seite. Als der Hauptmann dies wahrnahin, nickte er befriedigt. „So, das ist recht!" sprach er dann. Hierauf wurde uns mitgetheilt, daß die Freiwilligen vorläufig vom Dienste befreit seien, und daß denselben bereitwilligst Urlaub ertheilt werde, damit sie vor ihrer Abreise noch eine Zeitlang bei ihren Angehörigen weilen nnd von diesen Abschied nehmen können. Von diesem Zugeständniß habe ich sofort Gebrauch gemacht." Mit lebhaftem Interesse lauschten die beiden Frauen dem Berichte Mendels, und auch der Parneß, der bisher stummer Zeuge der Begrüßung war, folgte mit Aufmerksamkeit den Worten desselben. Als er geendet, trat er zn Mendel heran und sprach zu ihm, seine Hand erfassend: „Sie haben brav gehandelt, lieber Mendel. Nicht nur sich selbst nnd Ihr Haus, sondern auch unsere Gemeinde, ja. unser Volk haben Sie geehrt. Sie haben einen wahren „Kiddusch haschen»" hervorgerusen. Dafür wollen wir auch Sie wiederum ehren, und ich bitte Sie, mich heute Abend zu besuchen, damit wir bei einem Glase Wein eine Stunde verplaudern." „Empfangen Sie, mein Herr, für Ihre anerkennenden Worte meinen herzlichsten Dank. Schon die Ehre, die mir durch Ihre Anwesenheit im Hause meiner Mutter zu Theil wird, kann ich nicht hoch genug schätzen. Was ich bisher gethan und was mir noch zu thun auferlegt werden wird, thue ich mit Freuden, denn es geschieht zum Heile des Vaterlandes, dessen treuer Sohn ich stets sein will, und in dessen Gemarken Freiheit und Toleranz waltet!" „Wahr gesprochen, mein Sohn," erwiderte der Parneß, „in diesen Tagen muß Glaube und Nasse zurücktreteu. Alle müssei» sich einzig und allein als Kinder desselben Vaterlandes fühle»», ein einziges Band muß sie allesammt aneiuanderkctten, und das ist die Liebe zu Kaiser und Reich!" Dann schied der Sprechende von dannen. — Mendel verlebte nun glückliche Tage, überall wurde er der Gegenstand lebhaftester Ovationen. Und als endlich der Tag genaht war, ai» den» er voi» dannen ziehen sollte, da galt es, Abschied zu nehinen. Bei Sara forderte die Natur denn doch ihren Tribut. Als sie in den Armen des Geliebten lag, erschütterte ein heftiges Schluchzen ihren zarten Körper, und ein heißer Thräuenstrom brach sich Bahn. Und als der scheidende Krieger hierauf auf die Mutter zuschritt, da erhob diese ernsten Blickes ihre zitternde»» Hände, sie auf das Haupt ihres Kindes legend. Dann flüsterten ihre Lippen segnende Worte des Abschiedes in der uralten, heiligen Sprache ihrer Väter. Und was sie flüsterte, waren jene Segensworte, die in deutscher Sprache lauten: „Es segne Dich der Herr und behüte Dich, es lasse der Herr sein Antlitz Dir leuchten und sei Dir gnädig, es wende der Herr sein Antlitz Dir zu und verleihe Dir Frieden. Der Herr behüte Dich vor allen» Bösen, er behüte Deine Seele; er

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