Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1901)
- Date
- 1901-09-20
- Page
- Seite 453 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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453 hervorzurufen. Und in der That ist es noch etwas anderes, das ihr einen sensationellen Anstrich gegeben hat. Mendel ist Soldat und steht beim 1. Bataillon des in A. garnisonirenden L-ten Infanterieregiments, und er theilte außerdem seiner Mutter mit, daß er sich zum Eintritt in das nach China gehende Freiwilligenkorps gemeldet habe und vor seiner Abreise von ihr Abschied nehmen wolle. Diese Thatsache hat den mnthigen jungen Mann sofort in den Augen der Bewohner der Jndenstraße zu einem bewundernswerthen Helden gestempelt, und man ist stolz darauf, einen solchen kühnen Streiter, beiz man hier und da schon mit der Bezeichnung „Mendel Gibbor" charakterisirt hat, aus seiner Mitte hervorgehen zn sehen. Selbst die meschuggene Pessel ist enthnsiasmirt ob dieser einzig dastehenden Thatsache, und freudestrahlend läuft sie die Straße auf und ab. Jedem, der ihr begegnete, zurufend: „Er kommt, der Mendel, host gehört? Er geht nach die Einen?" Und wer sie dann lächelnd fragte: „Pessel, wohin geht der Mendel?", dem antwortet sie eifrig und mit wichtiger Miene: „Nu, nach die Einen! Weißt nit? Die wohnen doch da hinten, weit hinter dem großen Wasser. Er fahrt uf an Schiff lange, länge Zeit, ehe er hinkummt." Für die alte Eitel ist der heutige Tag, an dem sie nach Jahresfrist ihren Mendel wieder in ihre Arme schließen soll, im wahren Sinne des Wortes ein Festtag, den sie als solchen dadurch begeht, daß sie den Tisch mit einer weißen Decke und sich selbst mit dem Sabbathkleide und der Sabbathhaube schmückt. Freilich kann sie sich nur weniger solcher Glückstage in ihrem bisherigen Leben rühmen, denn das Glück hat sie immer sehr stiefmütterlich bedacht. Heute jedoch glaubt sie vollauf Grund zu haben, nach einer gewissen Richtung hin mit ihrem Geschicke zufrieden zu sein. Ihr Mendel, ihr einziger Sohn, ist denn doch nicht aus der Art geschlagen. Er hat ganz den muthvvllen Geist seiner Vorfahren geerbt und ihn m glänzender Weise bethätigt. In jenen großen Tagen, da des Preußenkönigs „Ruf an sein Volk" erging, und „Alle, Alle kamen", — da war auch ihr Vater, von Begeisterung beseelt, in die Reihen der Freiheitskämpfer getreten, um an der Seite seiner deutschen Mitbürger für Freiheit und Vaterland zu kämpfen, und mit dem sür die Tapfersten der Tapferen gestifteten Eisernen Kreuze ausgezeichnet, war er zu den Seinen heimgekehrt. Und als es nach vielen Jahrzehnten wiederum galt, denselben Erbfeind, der in seinem Uebermuthe Germauieus Stämme zu demüthigen trachtete, niederzuwersen, da war ihr nun in Gott ruhender Mann dem Rufe seines Königs freudig gefolgt, und auch er hatte sich als wackerer Kriegsheld gezeigt, denn gleich ihrem Vater war auch er mit dem Eisernen Kreuz dekorirt in die Heimath zurückgekehrt. Und nun soll ihr Mendel, den ihr der Herr kurz vor dem Heimgänge des Gatten im späteren Alter noch geschenkt hat, seines Vaters wie auch seines Großvaters sich würdig zeigen. Ein Jahr schon trägt er des Königs Rock mit Ehren, und seine Gewandtheit, sein Diensteifer, sein kameradschaftlicher Sinn verschafften ihm die Werthschätzung und Zuneigung der Vorgesetzten, die ungetheilte Liebe der Kameraden. Obwohl er ihres Alters Stütze ist, hat sie ihn freudig, ohne Sorgen und Bangen um ihre Existenz ziehen sehen. Sie hat es verschmäht, ihn für sich in Anspruch zu nehmen. Wo andere Mütter in ihrer Lage gewiß reklamirt hätten, um den Ernährer vom Militärdienst befreit zu sehen, hat sie es geradezu abgelehnt, um seine Befreiung zu bitten. Gern wollte sie allerlei Entbehrungen ertragen, um den Sohn dem Dienst fürs Vaterland zu erhalten. Und sie hat mit seltenem Heroismus nun schon ein Jahr lang die Folgen der Vereinsamung ertragen. Der heutige Glückstag aber bietet ihr gar reichlichen Ersatz für alles Entbehrte. Freilich, ein Wermuthstropfen wird ihr heute in den Frendenkelch geträufelt und läßt sie nicht zum Vollgenuß ihres Glückes kommen. Der Gedanke an Sara, die sie seit dem Fortgänge ihres Mendels fast täglich umgiebt und ihr helfend zur Seite steht, läßt sie erzittern. Am Tage vor seinem Eintritte in den Militärdienst hat sich ihr Sohn mit Sara, einem liebreizenden Mädchen, verlobt, und nach beendigter Dienstzeit soll die Hochzeit stattfinden. Hat da nicht das gute Mädchen, das so still und bescheiden ihr entgegentritt, und das sie dieserhalb so ganz in ihr Herz geschlossen hat, ein heiliges Anrecht auf ein süßes Glück? Und soll und muß dieses Glück nicht jetzt so ganz in Frage gestellt werden? Denn werweiß,wann und ob überhaupt der Geliebte einst aus dem Kampfe gegen den barbarischen, heimtückischen Feind im fernen Welttheile heimkehren wird. Sara aber ist tapfer und muthvoll, wie es die Angehörigen desjenigen Hauses bislang alle gewesen sind, in das sie für die Zukunft einzutreten entschlossen ist. Kein Wort des Unmuths oder des Vorwurfs gar kommt über ihre Lippen ob des Entschlusses ihres Verlobten. Nur verstohlen rinnt ab und zu eine heiße Thräne über ihre blasse Wange, und hastig sucht sie deren Spur vor dem Blicke der alten Frau zu verwischen. Kennt sie doch die Gesinnung der Mutter ihres Mendels. Darf sie da zurückstehen? Würde sie der alten Frau nicht eine bittere Kränkung zufügen? Eitel aber vermag sich doch nicht eines Gefühles tiefsten Bedauerns zu erwehren, wenn ihr prüfender Blick auf dem Gesichte Saras ruht. Voll schmerzlicher Rührung spricht sie: „Saraleb, was sagst zum Mendel? Thut er recht? Sag, Kind?" „Er thut recht, der Mendel," antwortet Sara feuchten Blickes lächelnd, „wenn es Dir recht ist, liebe Mutter, wie sollte ich da nicht zufrieden sein?" „O, Du starkes Mädchen!" ruft hierauf Eitel begeistert aus. „Sieh, liebe Mutter," entgegnet Sara, „zur Entsagung gehört auch Muth und Tapferkeit. Und ich entsage gern, denn es gilt, die an getastete Ehre des deutschen Volkes zu vertheidigen und begangene Verbrecheil zu sühnen. Unser Kaiser ruft zum Kampfe, wer sollte nicht freudig diesem Ruse Folge leisten? O, ich bin stolz auf meinen Mendel!" Jetzt wird die Aufmerksamkeit der beiden Frauen aus ein von der Straße herübertönendes Stimmengewirr gelenkt, und die Eitel ruft: „Horch, Kindleb, kommen nit Leut'?" „Ja, liebe Mutter." antwortet Sara, — „ich höre Stimmen von der Straße." Dann eilt sie an das kleine Fenster und hebt ein wenig den Vorhang empor, um Hinausblicken zu können. Kaum aber hat sie einen Blick auf die unverhüllte Fensterscheibe geworfen, da entfährt ein Freudenschrei ihren bebenden Lippen. Die Hände an die Brust pressend, ruft sie: „Mutter, der Mendel!" Dann stürzt sie an die Zimmerthür, um diese zu öffnen; da wird die Thür schon von außen geöffnet, und im Eingang