Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1901)
- Date
- 1901-09-20
- Page
- Seite 452 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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4ö2 scheint, nicht eine so hohe Meinung hatte wie seine Gattin Rahel, die in Börne einen der ersten deutschen Schriftsteller verehrte. Börne war damals gerade in Berlin, als Varnhagen den folgenden, bisher ungedruckten Brief an Gans schrieb: Berlin. 17. Februar 1828. Sagen Sie, was Sie wollen, Verehrtester, ich wiederhole meinen Spruch mit voller Ueberzeugung und sage: Börne ist ein eitler, erzeitler Geck und außer dem Witz und Humor, den er seinem Stamme dankt, ein höchst beschränkter Mensch. Er bezieht alles in der Welt nur einzig aus seine kleine Person, spiegelt sich verstohlen in jeder glatten Fläche, vernimmt und versteht blutwenig und deckt sein linkisches Benehmen mit plumper Keckheit. Er hat gegen Heine eine kindische Eifersucht und boshaften Neid, recht wie ein Krämer gegen den andern, der in gleichen Maaren macht. Er ist — verzeihen Sie mir den Ausdruck — Sie wissen, ob ich ein Rosche bin! — der ächte Frankfurter Bachnr mit allen Fehlern eines solchen, vielleicht auch Tugenden, wenn deren es hier giebt- Er war bei uns zu Tisch. Wie albern, wie langweilig! Rahel war für ihn die Güte selbst; ich aber konnte nicht umhin, seine Bresten zu striegeln, was er sehr übel empfand und gewaltige Gesichter dazn schnitt. Als ich ihn später wegen seiner Dummheit in Betreff unserer Jahrbücher ernstlich zurecht setzte, wußte er gar nichts zu entgegnen, stotterte nur ungewaschenes Zeug und verrieth etwas Angst; er jammerte mich. — Was Ihre Absicht betrifft, ihn für unsere Jahrbücher doch noch anzuwerben, so erkläre ich mich meinerseits auf das Bestimmteste dagegen. Wir hätten keinen Gewinn von ihm, sondern nur Verdruß. Hegel ist auch dieser Meinung. Wie gesagt, ich protestire gegen jeden Schritt, den Sie in jener Absicht etwa thun möchten. — Sagen Sie das Rahel nicht, die würde mich schelten. Sie und Ludwig Robert wollen ihn ungeachtet der offenbaren Mängel durchaus nicht preisgeben. Sie kennen Rahels Eingenommenheit und ganz überschwängliche Nachsicht für solche Menschen, in denen sie einmal einen guten Kern erkannt zu haben glaubt. Daß ein solcher in ihm steckt, will ich nicht bestreiten. aber heraus mit ihm aus der Schale! Sonst ist er nicht mehr werth als, eine taube Nuß. Lassen wir ihn seiner Wege gehen, das ist das Beste! Leistet er was tüchtiges, wer erkennt es lieber an als ich? Adieu für heute! Wir sehen uns doch bald? In treuester Hochachtung Ihr K. A. Varnhagen von Ense. Zur Erläuterung dieses Briefes ist nur wenig zu sagen. Börne hat von Varnhagen noch weniger gehalten als dieser von ihm. Man kann es heute wohl aussprechen: das Urtheil Varnhagens über Börne war ungerecht und von Uebelwollen diktirt. Was uns aber all dem Briefe Varnhagens — der ja in der That nicht nur kein Rosche, sondern eher das Gegentheil war — ganz besonders interessirt, das ist der Ausdruck: Börne sei „der echte Frankfurter Bachnr mit allen Fehlern eines solchen!" Unwillkürlich fiel mir dabei ein Urtheil Ludwig Börnes über Heinrich Heine ein, das nur Wenigen bekannt sein dürfte, denn es findet sich nur in einer längst verschollenen Broschüre: „Ludwig Börnes Urtheil über H. Heine." (Frankfurt a. M. 1840). Es sind ungedruckte Stellen aus Börnes „Briefen aus Paris" und eine dieser Stellen lautet: „Paris. Samstag den 8. Oktober 1831. Ja, mit dem Heine ist es merkwürdig, wie ich mich getäuscht habe. Ich werde Ihnen etwas von ihm sagen, was Sie wundern wird. Heine ist ein vollkommener Bachur! Wie er das geworden, oder vielmehr als geborener Jude geblieben, ist mir ganz unerklärlich. Er hat die regelmäßigste Erziehung und eineil viel geordneteren Schulunterricht genossen als ich selbst. Er hat ganz die jüdische Art zu witzeln und opfert einem Witz nicht blos das Recht und die Wahrheit, sondern auch die eigene Ueberzeugung auf/ Ist das nun nicht köstlich? Varnhagen schimpft Börne einen Bachur, und dieser beehrt Heine mit demselben Epitheton! Wer war nun eigentlich von den Beiden ein Bachur? Um das zu entscheiden, müßte man erst eine zutreffende Definition des Wortes geben, die aus den hebräischen Lexicis eben so wenig zu holen ist wie aus dem neuesten „Jüdisch-deutschen Dolmetscher" von Erich Bischofs. Denn dort heißt es s. v.: „Böcker Erstgeborener; ferner: Junge, Knabe, Jüngling, Studirender." Aber jeder Sachkundige weiß, daß mit dem Begriff „Bocher" im jüdischen Leben des vorigen Jahrhunderts ein ganz anderer und besonderer Sinn verknüpft war. Einen linkischen, unbeholfenen Menschen, der die Unarten des Ghetto nicht abgelegt hatte, pflegte man einen Bocher zu nennen. Wer war null in diesem übertragenen Sinne der Bachur. Heine oder Börne? Ein hübsches Thema für eine Preisaufgabe oder Dissertation. Bis jene gelöst oder diese geschrieben ist. wollen wir uns aber, nach dem großen Beispiel Goethes, freuen, daß aus der deutschen Judengasse zwei so tüchtige Bachurim hervorgegangen sind, wie Ludwig Börne und Heinrich Heine. 6. X. Lvwi.L'ron Mendel Grbbor. Von I. Herz b er g - Bromberg. n der Judenstraße steckt man heute wieder einmal die Köpfe zusammen. Es scheint sich ein gar wichtiges Er- (^9 eigniß vorzubereiten, denn man bewegt sich heute mehr als dies sonst üblich ist. auf der Straße, und Mancher, der sonst um diese Tageszeit schon, mit seinem Hausirpack beladen, in den nahegelegenen Dörfern umherschweift, steht, zum üblichen Tagewerk gerüstet, erwartungsvoll da. Auf allen Gesichtern drückt sich stets und überall eine und dieselbe Frage aus, die da lautet: „Wann kommt er?" Am geschäftigsten aber ist das Treiben vor dem Eingang eines kleinen, einstöckigen Hauses, in dem die alte Eitel wohnt. Das ist ein Laufen und Rennen hin und her, und Einer giebt dem Andern förmlich die Thürklinke in die Hand. Und lediglich die Neugierde ist es, die Alle in die Wohnung der alten Eitel treibt. Hätte Diese es sich wohl jemals träumen lassen, eines Tages die Aufmerksamkeit der ganzen Judenstraße, ja, der ganzen Kehilla auf sich gelenkt zu sehen? Hatte sie doch bisher so still und bescheiden dahingelebt, keine Seele hatte sich um sie gekümmert. Und nun stand sie urplötzlich im Mittelpunkt einer Bewegung, wie solche die Judenstraße bisher noch nie gezeigt hat. War doch selbst der Herr Parneß in ihr bescheidenes Stüblein gekommen, um auch seinerseits seine Neugierde zu befriedigen, ein Geschehniß, das ihr um so bedeutungsvoller erschien, als das schätzbare Oberhaupt der Kehilla in dem Vollbewußtsein seiner hohen Reputation es sonst nicht mit seiner Würde vereinbar hält, die Häuser der Minderbegüterten aufzusuchen. Was aber ist es nun, das diese ungewöhnliche Bewegung hervorgerufen hat, die selbst den sonst unnahbaren Herrn Parneß mit sich fortreißt? Ihr Sohn, der Mendel, hat ihr mitgetheilt, daß er heute eintreffen werde. Nun ist diese Mittheilung an sich wohl nicht dazu angethan, eine so lebhafte Bewegung, wie die eben kurz gekennzeichnete,