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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-20 · Heft 38 (20.9.1901) · p. Seite 451

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 38 (20.9.1901)
Date
1901-09-20
Page
Seite 451 (sequence 9)
Language
German
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4b 1 Parteien emporgehoben und im Licht des Moseswortes besprochen werden. Wer es nur eben immer verstände! Rippner freilich hat's verstanden. Sein glänzender Stil hält sich dabei nicht an die stereotypen Regeln der Schulhomiletik, welche genau die Ziele absteckt, über die der Weg die Rede führen wird; er gießt überhaupt jede Predigt in eine andere Form, jederzeit aber beherrscht ein einheitlicher Gedanke den Zusammenhang, der oft synthetisch, immer jedoch durchsichtig und verständlich entwickelt wird. Beim Beginn der Rede weiß Niemand, wo sie hinaus will, beim Schluß ist Jedem klar, was sie gewollt hat; niemals strebt sie ins Blaue hinein. Schon der fesselnden, anziehenden Darstellung wegen kann man diese Sammlung von religiösen Vorträgen und Gebeten als ein werthvolles und interessantes Erbaunngsbuch für Familie und Haus empfehlen, trotz mancher kühnen Ausführung, welche philosophische und jüdische Anschauungen mit einander vereinigen will; denn in allen Reden waltet ein gläubiger, bescheidener, vorurtheilsloser Sinn, über allen Worten schwebt der Geist der Liebe, wie das theologische Schlagwort lautet, der Liebe zuin Jndenthnin, zur Wahrheit und zu den Menschen. Den Amtsgenossen gar bietet das Buch eine Fundgrube, aus der sie eine Fülle von Gedanken, Thematen und Belehrungen schöpfen können. Der Redner bewegt sich stets auf philosophischer Grundlage, und wenn man auch nicht immer seinen Standpunkt theilen kann, wie z. B., wenn er die Lehre, daß die Idee Gottes angeboren ist, dazu benutzt, um den Begriff der Offenbarung zu erklären, so wird man doch der Methode seiner Ausführung den Beifall nicht versagen können, ja diese Methode selbst als nachahinenswerth erklären. Wer als Fachmann in das Innere dieser Predigten sich vertieft, wird finden, daß die Worte bei aller Klarheit der Tiefe nicht entbehren, daß die gegebenen Gedanken zu neuen anregen, daß die Auswahl der Themata eine glückliche, auch in anderer Weise fruchtbar gemacht werden kann, daß sie zur Wahl ähnlicher Stoffe wegweisend ist, daß die Art und Weise, wie der Redner die Apologetik des Judenthums behandelt, Nachahmung verdient. Die Volkssage erzählt, daß Schaul, der eine Nacht König von Polen gewesen sein soll, vom Fürsten Nadzüvill als politischer Agent gebraucht worden sei. Als der Fürst seiner Tochter Hochzeit machte, schickte ihm Schaul eine prachtvolle Kerze mit der Bemerkung: „Empfange Licht von dieser Kerze!" Diese nichtssagende Bemerkung — denn eine Kerze ist ja zu nichts anderem da, als Licht zu geben — machte den Fürsten stutzig. Er zog sich zurück, betrachtete sie von allen Seiten, und da er nirgends etwas besonderes an ihr wahrnehmen konnte, brach er sie kurz entschlossen entzwei und fand in ihrem Inneren einen Zettel mit einer wichtigen politischen Mittheilung. Auch diese Mittheilungen über die Predigtsammlung ans dem Nachlaß Rippners kann ich wohl nicht besser schließen, als mit der Bemerkung: „Empfanget Licht von dieser Kerze!" r-Ek Ueber die Vitalität der Juden. Von Dr. Philipp-Danzig. n der „Deutschen medizinischen Wochenschrift" finden sich zwei einander ergänzende Abhandlungen, die eine in Nr. 26 von Arthur NuPPin, die andere in Nr. 34 voll Dr. Hoppe, die für das Judeuthum von Interesse sind. Ruppin untersuchte ans Grund der Statistik der letzten 25 Jahre, d. h. der Zeit der Einführung der Standesämter in Deutschland, die Anzahl der Todtgebnrten in rein christlichen, in rein jüdischen und in christlich-jüdischen (Mann Christ, Frau Jüdin) und jüdisch-christlichen Ehen (Mann Jude, Frau Christin). Er kommt dabei zu dem Resultat, daß die Zahl der Todtgeborenen in rein jüdischen Ehen erheblich kleiner ist als in rein christlichen (32,07 o/oo gegen 35,88 "/oo). Todtgeboren waren von den Kindern in christlich-jüdischen Mischehen 35,76 o/oo, - in jüdisch-christlichen 33,17 "/oo- Also auch hier besteht ein großer Unterschied. Die Frage, die die medizinische Welt hierbei hauptsächlich berührt, ob der Vater oder die Mutter größeren Einfluß auf die Lebensfähigkeit der Kinder hat, können wir hier übergehen. Hervorheben wollen wir nur kurz, daß in den Ehen, in denen der Vater Jude, die Mutter Christin ist, die Vitalität der Kinder eine größere ist. Aus der ganzen Statistik geht mit Sicherheit das eine hervor, daß die Todtgeburten bei den Juden überhaupt geringer sind. Und womit wird das begründet? Ruppin glaubt die Ursache hierfür zum großen Theil auf die Nassenverschiedenheit und auf die günstigen sozialen Verhältnisse der Juden zurückführen zu dürfen. Anders Dr. Hoppe. Letzterer führt aus, daß die Juden eine größere Lebenszähigkeit resp. eine wesentlich geringere Sterblichkeit haben als die Christen. Sie werden auch mehr verschont von den lebensbedrohenden und lebensverkürzenden Infektionskrankheiten, ferner auch von Herz- und Niereukrankheiten. Besonders die Tuberkulose, Geschlechtskrankheiten und der Alkohol ismus sind bei ihnen viel seltener. Diese drei Krankheiten stehen bekanntlich in einem gewissen Zusammenhang insofern, als der Alkoholismus zu Tuberkulose, wie überhaupt zu den Infektionskrankheiten Prädisponirt, ebenso auch zu Geschlechtskrankheiten. Dr. H. führt verschiedene Autoren für diese nirgends angefochtene Behauptung an. Diese Erklärung, das geringere Vorkommen des Alkoholismus bei den Juden, erscheint viel plausibler wie die von Ruppin. Daß der Alkoholismus die Ursache vieler Krankheiten ist, und vor allein, daß er den Körper welliger widerstandsfähig macht gegen Infektionen aller Art, und daß er auf die Nachkommenschaft ungünstig einwirkt, gilt heute als selbstverständlich. Die günstigeren sozialen Verhältnisse der Juden beruhen zum Theil sicher auch auf den bei ihnen seltener vorkommenden Alkoholismus. Es ist, wenn auch schon lange bekannt, immer doch interessant genug, wenn diese Thatsache durch eine neue Art der Statistik wieder festgestellt wird. Zwei Sachurim. 6. (^^eder kennt die Antlvort, die Goethe auf die lhörichte Frage gegeben, wer größer sei, er oder Schiller? „Die Deutschen sollten sich, statt zu fragen, lieber freuen, daß sie zwei so tüchtige Kerle haben!", so ungefähr soll die Antlvort des Dichterfürsten gelautet haben. Diese Antwort siet mir unwillkürlich ein, als ich unter den Autographenschätzen der hiesigen königlichen Bibliothek einen Brief von Varnhagen von Ense an Eduard Gans, den berühmten Rechtslehrer, fand, der auch, wie ich annehmen darf, für meine Leser von Interesse sein wird. Er handelt nämlich von Ludwig Börne, von dem Varnhagen, wie es

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