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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-20 · Heft 38 (20.9.1901) · p. Seite 447

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 38 (20.9.1901)
Date
1901-09-20
Page
Seite 447 (sequence 5)
Language
German
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44? mit der gleichen Achtung behandelt sein will, die inan für den eigenen Glauben beansprucht." Möchten das alle Kollegen des gelehrten und verdienstvollen Mannes beherzigen, wenn sie Juden und Judenthnin in den Kreis ihrer Betrachtung ziehen! 4 Gegenüber den empörenden Angriffen, die die jüdischen Rechtsanwälte nicht nur von spezifisch antisemitischer Seite zu erfahren haben, darf ein Wort, dasJustizrath Staub in seinem, mit allgemeinem Beifall des gelammten Juristentages aufgenonnnenen Vortrage über Theorie und Praxis nicht unerwähnt bleiben. Er sagte da u. a., daß unter den wissenschaftlichen Bearbeitern des neuen Rechts die Mitglieder des deutschen Anwaltsstandes an Fleiß und Eifer in den ersten Reihen stehen. Zum Beweise citirte er das Urtheil eines bayerischen Ministerrathes, der selbst ein bedeutender Kenner und Bearbeiter des neuen Rechts ist. „Die bedeutendsten Erscheinungen auf diesem Gebiete sind Rechtsanwälten zu verdanken." Und zum Schluffe bedauerte Staub, daß nicht für alle Nechtsmaterien ein Urtheil von diesem Gesichtspunkte aus vorliege. „(Aber) ich bin stolz genug, im Namen des deutschen Anwaltsstandes zu sagen: Wir brauchen es nicht zu scheuen. Ich brauche nur Namen zu nennen, wie Hachenburg, Makower, Neumann, Kuhlenbeck, Goldmann und Lilienthal, S. Goldmann, Wilke, Raußnitz, Strantz und Gerhard, Heinitz, Weißler, Oberneck, Fuchs." Ist es wirklich nur ein Zufall, daß von den hier genannten 1'> Anwälten 13 Juden sind? 4 Mit besonderer Genugthunng haben die französischen Antisemiten den früheren Präsidenten Felix Faure zu ihren Gesinnungsgenossen gerechnet. Aber das war, wie sich jetzt herausstellt, ein großer Jrrthum oder — Schwindel. Denn nach den Erinnerungen, die jetzt einer seiner intimsten Freunde im „Figaro" veröffentlicht, hat Faure anläßlich eines Gesprächs über den großen Einfluß zweier parteiloser Boulevardblätter Folgendes gesagt: „Die Geschichte dieser großen Blätter ist ein unwiderlegliches Beweismittel gegen die Antisemiten, denn keins von ihnen ist in jüdischen Händen. Die angebliche Allmacht der Israeliten in der Politik ist ebenso gut eine Legende wie die fabelhaften Gerüchte, die über die Jesuiten und die Freimaurer verbreitet werden." 4 Schneller als es selbst die eingefleischtesten Pessimisten vermuthet haben, ist die vom General-Kultusminister Wannowski geplante Beschränkung der Aufnahme jüdischer Abiturienten auf den russischen Hochschulen Ereigniß geworden. Wie aus Moskau, Kiew, Charkow und Odessa übereinstimmend gemeldet wird, sind auf den dortigen Universitäten Cirkulare des Kultusminister eingetroffen, laut welchen die Zulassung der jüdischen Abiturienten zum Studium auf den russischen Hochschulen für Kiew und Odessa aus 7 statt der bisherigen 10 Prozent, für Petersburg und Moskau auf 2 Prozent (bisher 3 Prozent) und für alle anderen Universitäten ans 3 statt wie bisher 2 Prozent normirt wird. Die Verordnung ist freilich gesetzlich völlig ungiltig, da eine solche in das Leben von vielen Millionen russischer Unterthanen tief einschneidende Maßregel selbst in Rußland nicht von einem einzigen Minister aus eigener Machtvollkommenheit getroffen werden kann. Allein die Bedrückung der Juden auf dem bei den Antisemiten aller Länder so beliebten „Verwaltungswege" ist nirgends so leicht wie in Rußland, und so werden die neuen Beschränkungen nicht nur widerspruchslos in Kraft treten, sie werden schon überall sofort angewendet, und die unglücklichen, nach Bildung und Wissen dürstenden jüdischen jungen Männer werde» noch zahlreicher als bisher in die Fremde wandern müssen, um unter unsäglichen Leiden und Entbehrungen auf den ausländischen Universitäten ihren Wissensdrang zu befriedigen — soweit ihnen dies gestattet ist! 4 In Rußland ist ein Streit um den Schulchan-Arnch entbrannt — allerdings nur in der russischen Presse. Anlaß hierzu gab das von Alexander Piatkowsky herausgegebene Werk: „Jewrejsko Carstwo" („Die Judenherrschaft"), worin zahlreiche Stellen aus dem Schulchan Aruch nach der Methode Rohlings und Brimans erscheinen. Nun ist demgegenüber ein jüdischer Gelehrter in den „Nowosti" aufgetreten, welcher erklärt, er besitze sämmtliche Ausgaben des Schulchan Aruch, und in keiner befinden sich die Stellen, welche Piatkowsky citirt hat. Letzterer vertheidigt wieder die Richtigkeit seiner falschen Citate in der „Nowoje Wremja" und beruft sich hierbei ans das von dem Ministerium des Innern herausgegebene Werk des Fürsten Galitzin: „Geschichte der russischen Gesetzgebung über die Inden", und auf das mehr weniger antisemitisch gehaltene Werk: „Ein Staat im Staate" von S. A. Diminsky. Unter anderem behauptet Piatkowsky, daß in den „für die Nichtjuden veranstalteten Ausgaben des Schulchan Aruch alle bedenklichen Stellen unterdrückt worden wären." Der Streit ruft in weiten Kreisen lebhaftes Interesse hervor. 4 Wer hätte vor zehn Jahren daran gedacht, daß auch das winzige Bulgarien mit seiner patriarchalischen, fast ausschließlich aus Bauern bestehenden Bevölkerung die schlimme Mode mitmachen und dem Antisemitismus in seiner häßlichsten Gestalt bei sich Aufnahme gewähren werde? Sind doch die wenigen Juden des Landes weder Branntweinhändler noch Wucherer, noch besonders schlaue Kauflente oder Händler. Deir Schnapshandel betreiben mit wünschenswerther Geschicklichkeit die Bulgaren selber, in Betreff des Wuchers können die Juden den gut christlichen Griechen nicht das Wasser reichen, was aber den Kleinhandel betrifft, so werden sie überall von den schlauen Armeniern verdrängt, von denen es im ganzen Orient heißt, daß sie die Juden betrügen. Der Antisemitismus ist aber auch nur insofern eine ökonomische Erscheinung als er vom Brodneid geschürt wird. Die Hetzer und Schürer sind dort wie im übrigen Orient unsere Erbfeinde, die Griechen und theilweise auch die Armenier, welche mit den Juden zugleich auch ihre nicht zu unterschätzenden Konkurrenten auf dem Gebiete des Handels los werden möchten; die wahren Erzeuger und Träger des Antisemitismus sind in Bulgarien die ehemaligen Beamten, welche einen ansehnlichen Theil der Bevölkerung daselbst ansmachen. Das Resultat aller dieser Hetzereien ist auch in Bulgarien dasselbe wie in den übrigen antisemitisch angehauchten Ländern. Die Regierung wird müde, sich von den Antisemiten immer wieder und wieder als Hort der Jndenheit hinstellen zu lassen und beginnt auf dem bei der antisemitischen Internationale so beliebten Wege der Hinterlist, des Wortbruchs und der rohen Gewalt, oder wie es zu Deutsch heißen

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