Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1901)
- Date
- 1901-09-20
- Page
- Seite 446 (sequence 4)
- Language
- German
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446 der Alleinseligmachung auf, der fanatischen Ausschließlichkeit und Unduldsamkeit. Die jüdische Weltära, die die Jahre nach Erschaffung der Welt zählt, ist ein Zeugniß dafür, daß das Judenthum alles Partikulare an Religion und Nationalität unter dem Gesichtspunkte der menschlichen Allgemeinheit und Gemeinsamkeit bewerthet, was die Toleranz und Humanität im weitesten Umfange zur Folge hat. Diese Welt- und Ledensanschaunng ist anch die Quelle des jüdischen Optimismus. Denn während an dein Einzelnen, Abgesonderten und für sich Bestehenden das Unvollkommene und Hinfällige dieses Lebens stärker hervortritt, so lösen sich die Dissonanzen und Gebrechen desselben in der großen Gesannntheit leichter auf, und im Bewußtsein der innigen Zugehörigkeit zum großen Bruderbünde der Menschen findet das Gemüth um so eher einen Trost, es versöhnt sich leichter mit den herben Lebensschicknngen, denen Alle nach dein Willen Gottes unterworfen sind. Selbst der Versöhnungstag, der mit seinein Kasteien und Fasten das Gepräge des Strengen und Herben an sich trügt, hat auch nicht einen einzigen Zug von der pessimistisch-tragischen Versöhnungsidee der alten heidnischen Welt. Diese hatte die Anschauung, und zwar wie viele andere Völker so auch die germanischen, daß der Zorn der beleidigten Gottheit nicht anders beschwichtigt werden könne als durch Menschenopfer, besonders durch Opferung des eigenen Kindes, am besten des Sohnes, worauf schon der Ausdruck „Versöhnung", „Sühne" hindeutet. Das Judenthum dagegen bezweckt eine Entsündigung durch die sittliche Wiederherstellung und Erhebung mit der erfreulichen Folge des für diesen Fall von der Religion verheißenen „Kipnrim", des Bedeckens der Verschuldung mit dem Mantel der Liebe. So wenig daher die beiden Anschauungen übereinstimmen, so wenig entspricht der Ausdruck „Versöhnung" im Sinne der bezeichneten alten Zeit unsere»: „Kipuriin" in der edelsten Bedeutung der entsündigendeu Ausgleichung. Dieser edlen ethisch-religiösen Bedeutung entspricht es auch, daß wir uns, wie die alten Talmudisten lehren, erst mit unseren Mitmenschen aussöhnen sollen, ehe wir unsere Entsündigung vor Gott suchen. — Wir haben uns aber zunächst mit unserem Judenthum selbst ausznsöhne», das selbst in unseren jüdischen Kreisen zu wenig gekannt ist und zu wenig gepflegt wird, da sonst nicht so Viele unter uns ihm verständuißlos gegenüberstünden, nicht so Viele sich von ihm fern hielten, nicht so Viele sich ihm entfremden würden. Ohne uns erst in weitläufigen Klagen zu ergehen, müssen wir wiederholt darauf Hinweisen, daß die Jugend zum Quell der Religion, zun: lebendigen, tiefsinnigen Wort der Bibel zurückgeführt werden muß. In ihr steht sie ein Weltgemälde sich entrollen, in dem Gott und Welt, Vorsehung, Schicksal, Gerechtigkeit und Vergeltnng in ihren: wahren Lichte sich abspiegeln, während das kleine deutsche Religionsbüchlein, das man den Kindern in die Hände giebt, nur allzu knappe und verblaßte Züge davon aufweist, ohne ihr den klaren Begriff und das volle Gedankenbild der Religion zu bieten. Und wie die Saat, so die Ernte; wenn jene dürftig und kümmerlich ist, so kann diese nicht besser ausfallen. Ausbreitung und Vertiefung der Kenntniß des Judenthnms muß unsere Losung bei der religiösen Pflege unserer Jugend sein. Diese würde dann in: echten, edlen jüdischen Charakter so weit erstarken, daß sie den Kampf mit den Feinden muthig und getrost anfnehnren könnte. Und wie der zun: Sprunge ausholende Löwe, wenn inan ihn: fest und unverwandt in die mordblitzender: Augen sieht, sich furchtsam und feige znrückzieht nnd in der: Wald hinein seinen Lauf nimmt, so würden anch im Anblick einer in allen Fällen und bei allen unseren Glaubensgenossen entschieden und konsequent hervortretenden Charakterfestigkeit in der Glaubens- und Starnmestreue, unsere grimmigsten Feinde sich zur Flucht wenden, zumal dieselbe!: durchaus keine Löwei: sind und in ihrer bekannten moralischen Schwäche dem fester: Blick und der nruthigen, gepanzerter: Haltung eines in sich gefestigten, biedern Charakters nicht lange Stand halten können. Was bisher alle vor: uns aufgebotenen Mittel und Waffen in Wort und Schrift zur Widerlegung der gegen uns ausgesonnenen Lügen und Verleumdungen »icht auszurichten vermochten, das wird dieCharakter festigtest, die imponirende jüdische Kraft und Größe in: unentwegten Beharren des Juden auf den: reinen heiligen Boden seines Glaubens zu Stande bringen. Ein so moralisch-kraftvolles edles Ueberwinden dieser Gegner, das zugleich ihren moralischen Horizont klärt und reinigt, muß uns dann doch endlich jemversöhnende Ausgleichung herbeiführen, die das Jomkipur Gebet erhofft, „daß der Mund des Unrechts verstummt und aller Frevel wie Rauch dahin schwindet." Berlin, 18. September n der Rüstwoche zun: Versöhnungstage ist es für uns ein erhebendes Gefühl, konstatiren zu dürfen, daß nicht alle christlichen Theologen so denken wie Professor Harnack, dessen Rektoratsrede nun gedruckt vvrliegt, so daß jeder Ein sichtige selbst beurtheilen kann, ob der Mann im Rechte ist der seiner Religion das „Eigenthun: der Bibel" zuschreibt und sie als „die Religion" schlechthin bezeichnet, weil „die reichsten und mannigfaltigsten Formen religiösen Lebens hier dicht neben einander stehen und zusammen überschaut werden können". Gerade zur rechten Zeit ist von einem nicht weniger hervorragenden Kirchenhistoriker, von Friedrich Nippold in Jena, eine kleine Schrift erschienen, die einen wohlthuende» Gegensatz bildet zu den engherzigen Anschauungen Harnacks und die gerade das Studium aller Religionen, vornehmlich der jüdischen, als unbedingt nothwendig erklärt für das Ve: ständniß der einzelnen Phasen des Christenthums. Nippold ni uns von jeher als vorurtheilsfreier Forscher bekannt. Die Kapitel seiner Kirchengeschichte, die vom Judenthum handeln sind ein beredtes Zeugniß für seine humane und freie Well anschaunng. Auch die neueste Schrift: „Kollegiales Send schreiben an Ernst Häckel" (Berlin 1901, C. A. Schwetschlc und Sohn) ist in demselben Geiste gehalten. Es ist ein: Auseinandersetzung zwischen Naturwissenschaft und Theologie die auch sür uns sehr wichtige Gesichtspunkte aufstellt. In de> beigedruckten Antrittsrede Nippolds in Jena kommt er wieder holt ans das Verhältnis) der Religionen untereinander zu sprechen, und es berührt uns gerade in dieser Zeit be sonders wvhlthueud, daß er dabei (S. 20) für die Wür digung solcher rein historischen Fragen die Betrachtungsweise von Professor Lazarus als eine solche hervorhebt „an der sich alle Religionshistoriker ein Muster nehmen dürfen." An: Schluffe seines Sendschreibens sagt Nippold: „Auch der schärfste wissenschaftliche Gegensatz darf es niemals vergessen lassen, daß eine andere Glaubensüberzeugung