Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1901)
- Date
- 1901-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Nr. 38. Allgemeine Berlin» 20. September 1901. eituirg des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redaeterrr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippson-Lorm. Verlags-Crpedition: Berlin, Jerusalemerjtr. 48/49. I Alle Zusendungen für Redaktion und I I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I > „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin I I 8W., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I I Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. I Leitartikel: Versöhnung. — Die Woche. — Die jüdische Arbeiterkolonie in Weitzensee. Von Dr. Wilhelm Reumann. — Benjamin Aippners Predigten. Von Dr. Philipp Bloch in Posen.— Ueber die Vitalität der Juden. Von Dr. Philipp-Danzig. — Zwei Bachurim. — Feuilleton: Mendel Gibbor. Von I. H erzberg-Bromberg. — Ein udischer Künstler. Von M. Friedeberg. — Sprechfaul. Der Gemein-e-ote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Areslau, Löwenberg, Geestemünde, Von der Ruhr, Lingen, Nürnberg, Gießen, Men, Brüssel. — Von Rah nnd Fern. Versöhnung. Berlin, 20. September. ie mellschliche Sprache ist reich an Ausdrücken, die in ihrer Bedeutung herzerfrischend sind. Versicherungen der Achtung, der Freundschaft, der Liebe und Verehrung erwecken Frohgesühle im Herzen dessen, an den sie gerichtet sind. Der Ausdruck der Versöhnung wirkt dagegen Mberkräftig ans das menschliche Gernüth. weil er zugleich eiu rheben. aus dem Zustand eines Seelenleidens bedeutet und die Wiedereinsetzung in das frühere Verhältniß der Werth-!chätzung zur Folge hat. Unsere Religion faßt daher die Veröhnung als eine Eigenschaft auf, die wesentlich zum Gottes- Begriff gehört. Sie leitet dieselbe sowohl aus dem inneren Äedürfniß der Menschen nach Versöhnung als auch besonders aus - irier tiefen Weltbetrachtung her, die ihr eigen ist. Es ist nämüch ein Vorzug des Judenthums, daß es die Natur und den Zeist des Menschen in ein richtiges Verhältniß zn einander etzt und beide in eine innige Harmonie zu bringen versteht. Aller religiöse Fanatismus einerseits wie alle Korruption im Volksleben anderseits ist, wie wir aus der Geschichte der Religionen von den ältesten Zeiten bis auf die unsere erkennen, nur entstanden aus der einseitigen Betonung dort des geistigen Elements mit Verachtung des Irdischen, hier der Vergötterung es Irdischen mit Verleugnung des Geistigen im Menschen. Das Judenthum erkennt in beiden, im Geistigen und im Irischen, eine Offenbarung Gottes, weist jedem derselben im Nenschen die richtige Stellung für das Leben zu und regelt lach dem richtigen Verhältniß von Mittel und Zweck, von lleber- und Unterordnung ihren Einfluß auf das private und wziale Leben durch zweckmäßige, weise Gebote, in denen die Fürsorge zur allgemeinen wahren Menschenbeglückung nicht zu verkennen ist. Der Bersöhnungstag will zunächst das gestörte Verhältniß m uns wieder Herstellen, den Geist von der Ueberwucherung des Irdischen befreien, um mit der so gewonnenen Harmonie mit sich selbst und den Mitmenschen die versöhnende Ausgleichung mit und den Anschluß an Gott wieder zu finden Versöhnung ist die Losung des großen Tages, und sie vereinigt in sich alle die weltbewegenden Ideen, die das Judenthum für die menschliche Gesellschaft auf seine Fahne geschrieben. Die weltgeschichtliche Bedeutung des Judenthums in seiner Stellung unter den Völkern ist im Grunde nichts anderes als die Versöhnung der nationalen Gegensätze, die ausgleichende Vermittlung aller Unterschiede der Volkscharaktere in Anschauung, Sitte und Leben, die Verbindung Aller unter der Herrschaft des Gottesgedankens und des lautern Sittengesetzes. Sein größtes und bleibendes Verdienst ist es, das Gemeinsame unter allen Verschiedenheiten, das Einigende unter allen Trennungen als die wahre und bleibende Philosophie des Lebens gefunden zn haben und in seiner Religion theoretisch nnd Praktisch zu pflegen. Schon in den ältesten Zeiten zeigt sich das bei ihm in seiner Auffassung von Gott, Natur und Menschengeschlecht. Gegenüber einer im Alterthum verbreiteten heidnischen Anschauung, wonach Licht und Finsterniß, als die Grundprinzipien der Schöpfung, die^Welt unter ewigem Kampf miteinander beherrschen, betont das Judenthum, daß beide Erscheinungen in einem Höheren ihren versöhnenden Ausgleich finden, der Licht und Finsterniß allzumal geschaffen, und — „haben wir nicht Alle einen Vater, hat nicht ein Gott uns Alle geschaffen, warum sollen wir gegen einander treulos sein!" Dieses Gefühl der menschlichen Gemeinsamkeit unter fortwährender Bezugnahme auf den gemeinsamen Ursprung und die Gleichberechtigung aller vor Gott und seiner Liebe zn den Menschen findet den vollen praktischen Ausdruck in dem Thoragesetze, vor dem der Fremde und der Einheimische gleich sind und an allem, was Menschenliebe gewähren kann, gleichen Antheil haben. Von diesem Gedanken ist das Judenthum durchdrungen und er erstreckt sich sogar auf Dinge, die scheinbar unwesentlich und doch für den Geist der menschlichen Gemeinsamkeit, der Israel auszeichnet, charakteristisch sind. Alle Völker beginnen ihre Zeitrechnung von einem wichtigen Ereigniß ihrer Geschichte, von der Geburt oder sonst einem Erlebniß ihrer Religionsstister. Die Juden zählen die Jahre nicht nach der Geburt Moses, nicht nach der Offenbarung auf Sinai, nicht nach Esra oder den Makkabäern als den hochverdienten Wiederherstellern des jüdischen Religionsbekenntnisses und jüdischen Glaubensbewußtseins, sondern von der Erschaffung der Welt. Wo die Stiftung einer Religion zur Aera erhoben wird, um von ihr aus die Jahre zu zählen, da kommt bei den Bekennern derselben leicht der Gedanke