Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1901)
- Date
- 1901-09-13
- Page
- Seite 444 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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444 den alten Streit darüber, ob man mit Naphta oder mit Fischöl die Sabbathlampe anzünden soll, während am Sabbathnwrgen regelmäßig „ein großer Handelstag" ist — ich bemerke ausdrücklich, daß diese Bezeichnung nicht von mir, sondern von^dem Enkel eines der berühmtesten orthodoxen Rabbiner herrührt — und zwar beim Aufrufen zur Thora! Nun meinen allerdings einige Freunde, daß ich nur deshalb gegen diesen Brauch so eingenommen sei, weil ich selbst nicht der Ehre des Aufgerufenwerdens für würdig erachtet worden bin. Ach nein, meine Lieben! Ihr wißt nicht, wie bescheiden ich in dieser Beziehung bin, und wie gering meine Ansprüche „nach dieser Hinrichtung" sind. Ueberdies hat hier der zweite Thcil des Sprichworts von den Wenigen, die auserkoren sind, so gut wie gar keine Berechtigung. Denn es herrscht da die reine Willkür. Aber ich finde es in Wahrheit nur zu begreiflich, wenn ernste und religiöse Menschen sich von diesem Treiben abgestoßen fühlen. Und doch haben gerade solche in Bädern und Sommerfrischen, wie ich schon oft erfahren, das Bedürfniß, ein Gotteshaus zu besuchen. Und es ist mehr als lebhaft zu bedauern, wenn sie der Ausübung des Kultus und dem Inhalt der Gebete gegenüber sich zum Mindesten fremd fühlen. Auch sind die Betlokale meist so klein und eng und schlecht gelüftet, daß man da, wo man seiner Gesundheit wegen weilt, diese nicht gerade aufs Spiel zu setzen geneigt ist. Nicht Jeder kann von sich wie mein gastronomischer Freund in Johannisbad sagen: „Meine hygienischen Einrichtungen können sich sehen lassen in der Breslauer Loge!" Und in der That! Wie sagt doch Faust in der ersten Gretchenszene: „Nicht zedes Mädchen hält so rein." Der Betrachtung solcher und noch schlimmerer Mißstände in unserm religiösen Leben war natürlich wie immer der beste Theil unserer Unterhaltungen in Norderney wie in Johannisbad gewidmet. Wie oft haben wir das Jndenthum „gerettet"! Hie und da sogar zweimal im Tage. Und doch — das Resultat unserer Rettungen war die tiefe Ueberzeugung, daß Hilfe und Rettung nicht voll Menschen, sondern nur von Dem kommen könne, der der Meereswoge gebietet und ihr Brausen stillet, der ihren Wassern ein Ziel gesetzt und durch sein Wort dem Meere wehret, daß es nicht ausreiße „Du wirst dich wieder unser erbarmen — und alle Fehle irr des Meeres Tiefen versenken," der Vers will mir hier nicht aus dem Sinn. ... Wie oft mußte ich hier des Prophetenwortes und der alten jüdischen Sitte gedenken, die ein bekannter Maler künstlerisch verewigt hat, der Sitte des Taschlich am Neujahrstage, wo durch das Hineinwerfen einiger Brosamen in das Wasser symbolisch die Befreiung von Fehl nnd Irrungen ausgedrückt wird. Als Petrarca vor mehr als einem halben Jahrtausend von Frankreich aus an den deutschen Rhein kam. zog ihn ein Schauspiel an, wie es seine Augen nirgendwo erblickt hatten. Es war Johannisabend; er sah Schaaren des Volkes wallen an des Stromes Ufer, zierlich gekleidete Frauen ihre weißen Arme aufstreisen und, zum Strome tretend, unter Gesängen und leise gemurmelten Sprüchen Kräuter und Blumen in die Fluth werfen. Auf sein Befragen erfuhr er, es sei ein althergebrachter Brauch, den man alljährlich wiederhole, auch in künftigen Zeiten nicht unterlassen dürfe. Dein Volksglauben gelte für wahr, daß mit den eingeworfenen, stromabwärts fließenden Kräutern alles Unheil des nächsten Jahres weggeschwemmt werde. Ach, könnte doch auch, wie mit den Brosamen des Taschlich das Unheil und die Sünde entfließen, an hehren Festen alles fortgetrieben werden, was der Erhebung unseres Volkes sich entgegenstemmt, deren es bedarf und die es begehrt! Und nun, mein lieber Leser: resellonoll tanwoll tiknsevv! 6. L. Lrtterarifche Mittheilungen. — Horovitz, M.: Die Inschriften des alten Friedhofes der israe- Mischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. Frankfurt a. M. 1900. I. Kauffmann. Einen sehr werthvollen Beitrag zur Geschichte einer der ältesten Gemeinden in Deutschland hat Rabbiner Dr. Horovitz durch dieses Buch geliefert, das von der Gelehrtenwelt schon seit einigen Jahren mit Spannung erwartet wurde. Die Arbeit an diesem Werke datirt schon von 1881 ab. Die Inschriften sind von dem bekannten CH. M. Horowitz im Verein mit einem tüchtigen Hilfsarbeiter unter Ueberwindung großer Schwierigkeiten abgeschrieben worden. Sie sind chronologisch geordnet und erstrecken sich über sechs Jahrhunderte, von 1272 bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. 5934 Grabsteine an der Zahl. Von besonderem historischen Werthe ist die Einleitung, dü sich zunächst in eingehender und sachkundiger Weise über die Geschichte des Grabsteines verbreitet, ein bisher wenig angebautes Feld der jü dischen Archäologie, in die eigentlich nur Zunz und Kaufmann bisher einiges Licht gebracht haben. Es folgt eine Geschichte des ji"n dischen Friedhofs voll Frankfurt. Das dritte Kapitel ist besonderwichtig; es beschäftigt sich mit der Statistik der Juden in der alten Reichsstadt, zu der ja die vielen Tausende von Inschriften werthvollee Material geliefert haben.. Interessant ist die Eintheilung der Gemeindegeschichte in vier Perioden, deren erste bis zur sogenannten ersten Judenschlacht 1242 reicht, während die zweite bis 1349, also bk zur zweiten Judenschlacht nnd Vertreibung dauert, die dritte von 1354 bis nach dem Fettmilchschen Ansstande 1614 sich erstreckt, und di vierte, die letzte, 1616 beginnt. In der ersten Judenschlacht sind 17 Menschen gefallen. 1380 zählt die Gemeinde 681, 300 Jahre späte 2364 nnd gegenwärtig 22000 Seelen. Nicht weniger lehrreich ist der Abschnitt der Einleitung, der sich mit den Inschriften selbst beschäftigt Manche wichtige Persönlichkeit wird neu eingesührt und viele bekannte Namen näher und genauer nach der Zeit ihres Wirkens präzisirt. Für Fachmänner werden die Ergänzungen und Bemerkungen zu den ein zelnen Grabsteinen von dem sel. David Kaufmann und dem Biblio thekar Dr. M. Freimann sicher den Werth der für die Geschichte der deutschen Inden höchst bedeutsamen Publikation erhöhen, auf Grün deren erst eine Geschichte der Juden in Frankfurt a. M. zn schreiben möglich sein wird. Daß für eine solche Arbeit Dr. Horovii der rechte Mann sei, wußte man schon nach seiner Geschichte de Frankfurter Rabbiner und jüdischen Aerzte. Diese neue Publikation hat nur diese Erkenntniß und den darall naturgemäß sich knüpfenden Wunsch bekräftigt. Sprechsaal. Hochgeehrter Herr Redakteur! (Arn meinem Aussatz „Ruhe dem Ruhetage" I, S. 414 gegen End hat sich ein sinnentstellender Druckfehler eingeschlicheu. Es mu heißen: „Daß die Entwickelung auch einen umgekehrten Gang hätt nehmen können, beweist der Neumond, der einst dem Sabbath gleiü stand." Haben Sie die Güte, hiervon in der nächsten Nummer Notiz zu nehmen. Essen-Ruhr, 3. September 1901. In besonderer Hochachtung Dr. Samuel. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.