Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1901)
- Date
- 1901-09-13
- Page
- Seite 443 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228457--57917-3294328- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
443 Idioms begonnen und hatte unter Leitung eines jüdischen Studenten der orientalischen Fakultät so ziemlich gute Fortschritte gemacht. Ueberhaupt war das ein Mädchen von selener Begabung und eiserner Willenskraft. Sie begab sich in das Botschaftshotel zu Schakir Pascha; ooch der Marschall war so zartsinnig, daß er die junge Dame nicht empfing, seinen Adjutanten aber beauftragte, ihr eine glückliche Reise und guten Erfolg zu wünschen. Bald darauf eiste die junge Dame nach Kvnstantinopel ab. -i- * Einige Monate später.kehrte ich nach längerem Aufenthalt » Deutschland und Frankreich nach Rußland zurück, und im sommertheater Arkadia begegnete ich Schakir Pascha. Er reute sich sehr mich wiederzusehen und sagte unter anderem: „Ich bin Ihnen sehr, dankbar, daß Sie mir Ihren proleKee mpfohlen haben. Man ist mit ihr bei uns außerordentlich zufrieden. Äe ist Frauenarzt in den Harems der vornehmsten Würdenrüger, und die Damen haben sie sehr lieb gewonnen und mir nckfach für die Empfehlung gedankt, freilich an die unrichtige tdresse, da das Verdienst Ihnen ausschließlich gehört. Ihr Schützling spricht jetzt das Türkische vollkommen geläufig und ersteht seine Sache ausgezeichnet. Sie hat unlängst eine höchst chwierige und sehr komplizirte Operation gemacht, welche soar in den französischen und türkischen Zeitungen von Stambul .'bend erwähnt wurde. Ich bin überzeugt, daß die junge ^ame eine glänzende Karriere machen und zuguterletzt noch gend einen Pascha heirathen wird." - Und in der That erfuhr ich in der Folge von verschiedenen weiten, daß mein proto^be in Konstantinopel eine große Popurrität erlangt hatte, und daß sie sogar zum Großvezier berufen 'nrde. Freilich heirathete sie keinen Pascha, war aber materiell o gut gestellt, daß sie ihren Vater zu sich nahm, uni ihm in sorgenloses Alter zu bereiten. Doch der Mensch denkt und §ott lenkt. Unlängst las ich im „Journal de Cvnstantinople" ne Trauernachricht über ihr plötzliches Hinscheideu. Schakir Pascha war damals nicht mehr in Petersburg, er füllte die Funktionen eines Oberhofmarschalls des Sultans aus und vurde dann nach Candia zur Unterdrückung des ausgebrvchenen Insstandes gesandt. Ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen. Ich weiß nicht, ob andere weibliche Aerzte dem Beispiele oer russischen Jüdin gefolgt, ich bin jedoch überzeugt, daß in kvnstantinopel sich für sie ein weites und sehr dankbares Thätigkeitsfeld eröffnen würde. Im vorigen Jahre starb Schakir Pascha in Sinope als öeneralinspektor der türkischen Armee Anatoliens. Er war iner der seltenen Staatsmänner, wie die Türkei gegenwärtig nur sehr wenige hat. Vielleicht ist das auch der örund, warum er im Rath der hohen Pforte nicht die eminente Bedeutung erlangte, die er mit vollem Rechte beanspruchen wnnte, und wozu ihn sein Heller Verstand, sein aufgeklärter Heist, seine umfassende Bildung berechtigte. Eben diese Geisteslaben flößten seinen Rivalen Furcht ein, und sie beeinflußten den Sultan, daß er seinen genialen Rathgeber fast ganz ignorirte. Kenn Schakir Pascha in Kvnstantinopel ans Ruder gekommen wäre, so hätte die Lage der Juden nicht allein in der Türkei, wndern auch in Rumänien und Bulgarien eine ganz andere Äendung genommen. Sadebriefe. m. Norderney, im August. ergeblich sinne ich darüber nach, wie es möglich wäre, Ihnen ein halbwegs getreues Bild von all den Strandthaten zu entwerfen, deren man sich hier tagtäglich schuldig macht. Der Müßiggang ist aller Segelfahrten Anfang und aller schlechten Witze bitteres Ende. Ja, wenn man noch gute und neue zu hören bekäme! Der Einzige, der solche zu künden weiß, der gelehrte und geistvolle Budapester Orientalist, macht sich „so seltsam wie möglich", wie inein alter Freund Chajjim Erünwald zu sagen Pflegte. Und die Anderen wissen meist nur die Bonmots von vorgestern oder noch älteren Datums selbstgefällig zu wiederholen. Denn auch der Meeresstrand hat sein Repertoir von stereotypen jüdischen Witze», die mit jedem jungen Jahre wiederkehren, die aber dann nicht die Eigenschaften des alten Weins besitzen. Der. Witz von dem polnischen Juden, der eine Seeschlacht mit ansehen wollte, doch nichts unterscheiden konnte, dafür aber das Wort etymologisch neu entdeckte („weil man seht schlackst"), der andere Witz von den „sich brechenden Wogen" und ähnliche sind mir bisher in jedem Seebade mit der Einleitung: „Kennen Sie vielleicht" n. s. w. vorgesetzt worden. Hier in Norderney gar müßte man wie jener alte Hnmorist immer mit dem Hut in der Hand gehen, um das ewige Grüßen der alten Bekannten (Witze) zu ersparen. Und doch fühlt man es gerade in dieser trüben Zeit, das; der jüdische Witz in der That mehr als ^ein Scherzspiel des Geistes, daß er wirklich eine Waffe in der Hand des Juden war, mit der Dieser sich gegen seine Feinde schützte. Uns droht diese Waffe abhanden zu kommen — und deshalb werden die Gegner so keck. In dem bunten Gemisch von Geschmacksrichtungen, Bildungsgraden, Konstitutionen, Gesellschastskreisen und Persönlichkeiten, das hier an einem Strandmorgen an uns vorüberzieht, ist für uns Juden der Witz in Wahrheit noch allein das einigende Band, das selbst die Ueberlänfer nie ganz abzustreifen Pflegen. Der jüdische Witz und der Schalet sind für sie, was für den Schweizer der Kuhreigen. Nur so versteht man das Wort jenes Mannes, der, mit einem Getauften sich an dieser koscheren Ambrosia erlabend, diesem vorwurfsvoll oder wehmüthig zurief: „Und s v eine Religion soll man verlassen!" Ich weiß nicht, ob unsere hiesigen Chassidim von diesen Schalet- Eeheimnissen etwas wissen. Denn — so merkwürdig es klingt — in Polen und Rußland weiß man im Allgemeinen nichts von den Genüssen, die uns aus dem Schalettopfe winken. Jene aber essen nicht mit uns und beten nicht mit uns. Das Eine finde ich übrigens ebenso begreiflich wie das Andere — wenigstens hier in Norderney. Es existirt ja wohl hier eine kleine Synagoge, die ihre Entstehung dem edlen Dr. David Rosin, meinem unvergeßlichen Lehrer, zu dankeil hat. Aber ich kann mir nicht denken, daß dieser ebenso wahrheitsliebende wie feingebildete Mann mit dem Kultus, der hier üblich ist, einverstauden sein würde. Man betet hier immer noch für das Wohl der Schulrektoren von Baylvn, die nun schon fast ein Jahrtausend todt sind; mit wahrer Verzückung Preisen die Hamburger Orthodoxen am Freitagabend immer noch die Wunder der Neo raAlajim, und ihre Frankfurter Gesinnungsgenossen erneuern allwöchentlich