Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1901)
- Date
- 1901-09-13
- Page
- Seite 442 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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442 genossen die Gewährung einer Bitte verweigern wird, sobald dieselbe im Bereiche der Möglichkeit liegt. Darin kommt die so übel beleumundete jüdische Solidarität zur Geltung. Jedoch ist hier als Leitmotiv eher Nächstenliebe thätig, da man unwillkürlich des göttlichen Gebots gedenkt „^Vaolnnvto lorveebo kumm-lut". Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, worauf bekanntlich die ganze Quintessenz jüdischer Ethik besteht. Und als ein Heide zu Hillel kam und ihm sagte, er wolle sich zum Judenthnm bekehren, wenn ihn der Rabbi die ganze Thora in dem kurzen Zeitraum lehren würde, während welcher er (der Heide) auf einem Fuße stehen könne, so erwiderte der berühmte Gelehrte kurz: „VVeoIllnvl') leroeebo kmnoebn". In diesen vier Worten besteht der Grundsatz unserer Lehre. Doch außerdem hatte ich noch einen speziellen Grund, dem Gesuche meines Gastes zu willfahren. Ich wollte mich selbst überzellgen, inwiefern die Aufrichtigkeit und Freundschaft Schakirs eine echte sei, ob dieses Gefühl nicht bei der ersten Berührung mit der Wirklichkeit sich verflüchtigen würde. Wie bereits erwähnt, hatte ich mich all den Botschafter noch nie mit einem Gesuche gewandt, da ich alle bezüglichen Anträge resolut zurückgewiesen. Ich wollte nicht, daß der Botschafter glaubte, ich benutzte die Freundschaft, mit welcher er mich beehrte, zur Erlangung irgend welcher Vortheile. Hier aber erschien mir die Sache in einem ganz anderen Lichte. Jil meiner Verwendung für die russische Jüdin konnte der türkische Diplomat keine egoistische oder gewinnsüchtige Unterlage sehen. Dieses Gesuch sollte mir sozusagen als Prüfstein seiner persönlichen Anhänglichkeit dienen und gleichzeitig dafür, ob Schakir in der That für die Juden eine so lebhafte Sympathie empfinde, wie er sie mir gegenüber so oft in Worten ausgedrückt. Und so entschloß ich mich, diese etwas heikle Mission zu übernehmen. Ich betrachtete es als gutes Omen, daß ich Schakir zu Hause traf, und daß er mich sofort empfing, als mich der Kammerdiener angemeldet hatte. bwn, inon eousin, äo nonvemi?" begrüßte mich der Marschall, indem er mir die Hand drückte und mich mit einer Geste einlud, am monumentalen Schreibtisch Platz zu nehmen, an welchem er mit Durchsicht verschiedener Papiere beschäftigt gewesen. „Ich gestatte mir, Eure Exeellenz mit einer großen Bitte zu belästigen, von deren Erfüllung das Schicksal einer ganzen Familie, ein junges Menschenleben abhängt." „kni'lvx äonv vite," sagte der Botschafter. „Ich verspreche Ihnen im Voraus, Ihre Bitte zu erfüllen, wenn es sich nur nicht um die Entführung einer Favoritin aus dein Serail handelt." „Es handelt sich im Gegentheil darum, in den Harem einzudringen. und zwar für eine Dame," erwiderte ich und erzählte kurz dem Marschall die Leidensgeschichte der jungen Jüdin und fragte ihn, ob er es nicht für möglich finde, ihr Empfehlungsbriefe an irgend welche einflußreiche Persönlichkeiten in Konstantinopel zu geben, um ihr die ersten Schritte auf der dornenvollen Bahn zu ebnen. Schakir Pascha hörte mich mit größter Aufmerksamkeit an. ..^IrÜ8 commen! cioiic! Mit dem größten Vergnügen. Ich werde Ihrer proteKo Empfehlungen an den Minister des Auswärtigen, den Fiuanzminister und den Sekretär (Kriegsminister) geben. Ich würde ihr auch einen Brief an den Großvezier geben, doch sind unsere Beziehungen gegenwärtig etwas gespannt, so daß ich. . ." „Ich bitte, Exeellenz, auch diese Empfehlungen, die Sie geben wollen, genügen, ich habe gar nicht gewagt, so viel Güte von Ihnen zu erbitten. Ich .. „Verlieren wir darüber keine Worte," unterbrach mich der Marschall. „Ich thue es mit dem größten Vergnügen. Es ist ja eine Kleinigkeit." Er nahm einige große Papierbogen und begann mit energischer Hast zu schreiben. Ich saß dem Marschall gegenüber und folgte mit lebhaftem Interesse, wie er von der rechten zur linken schrieb, wie sich der Papierbogen mit den Hieroglyphen der türkischen Schrift bedeckte, die eine große Aehnlichkeit mit der althebräischen hat. Nachdem er die drei Briefe fertig gestellt, legte er sie in große mit dem Halbmond in Golddruck geschmückte Couverts, schrieb die Adresse französisch auf und übergab mir die versiegelten Briefe. „Ich wünsche, daß diese Empfehlungen Ihrem Schützlinge Glück bringen mögen, und wäre sehr froh, wenn ich in irgend etwas einer meiner zahlreichen schwarzäugigen Cousinen behilflich sein könnte. Denn nicht wahr, Mademoiselle la Doktoressa ist eine hübsche Brünette, eine gluthüngige Zioustochter mit der Taille einer Ceder und der Grazie einer Katze?" „Ich muß Eurer Exeellenz gestehen, daß ich die junge Dame gar nicht gesehen habe." „Spielen Sie sich nicht auf den Cato aus. Ich bin überzeugt, Ihre schöne Landsmännin hat es Ihnen angethan, und daß Sie pro ckomo gesprochen haben. Gestehen Sie es nur ein. Doch ich scherze, unterbrach sich Schakir Pascha, als er sah, daß seine Worte auf mich einen peinlichen Eindruck machten. Ich versichere Sie im Ernst, daß ich sehr froh bin, daß es ein Jude ist, der als Arzt nach Stambul geht und in den Harems unserer Würdenträger sein Wissen verwerrhen wird. Ihr Schützling wird die Rolle des Pioniers auf diesem Gebiete übernehmen, und je mehr ihr Beispiel Anklang finden wird, desto besser. Ich weiß, daß die jüdischen Aerzte im Allgemeiner sich nicht blos durch ihr Wissen, sondern auch durch ihre Gewissenhaftigkeit Hervorthun. Bei uns genießen die jüdischen Aerzte einen guten und wohlverdienten Ruf und erfreuen sich einer großen Popularität. Mehrere derselben nehmen hervorragende Stellungen in der Armee und Flotte nnd auch am Hofe des Sultans ein. Apropos, sagen Sie Ihrer jn-otbAve, sie möge sich bestreben, nun auch etwas Türkisch zu lernen, da unsere Damen in Bezug aus linguistische Kenntnisse sehr viel zu wünschen übrig lassen, und Jemand mit Hilfe eines Dolmetschers zu behandeln, für den Arzt sehr schwer ist, ganz abgesehen davon, daß bei uns an solchen Dolmetschern, besonders weiblichen, ein Mangel an Ueberfluß, oder Ueberfluß an Mangel ist." -i« * Ich benachrichtigte sofort den Vater der Doktoressa von dem Erfolg meiner Mission, und am selben Abend erschien er bei mir in Begleitung seiner Tochter, die jedoch durchaus nicht dem von Schakir entworfenen Bilde entsprach. Es war ein junges Mädchen, so in der zweiten Hälfte der Zwanziger, blond, mit recht angenehmen, jedoch durch zahlreiche Sommersprossen entstellten Zügen. Ich übergab ihr die drei Briefe und rieth ihr, dem Botschafter persönlich ihren Dank abzustatten. Was die Erlernung der türkischen Sprache anbetrifft, so hatte die junge Dame, sobald sie die Idee gefaßt, nach Stambul zu gehen, mit der ihr eigenen Energie das Studium dieses