Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1901)
- Date
- 1901-09-13
- Page
- Seite 441 (sequence 11)
- Language
- German
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441 die „Betrachtung" geschrieben zur Festigung und Beruhigung der Gemüther, zur Hebung der inneren göttlichen Kraft und zur Ergebung, und dieser Zweck wurde dann noch verstärkt durch die Amnonsage, welche an sie geknüpft wurde. In dieser Sage aber sind fünf geschichtliche Momente znsammengeflossen: die Bekehrungssucht, die dreitägige Bedenkzeit, der Märtyrertod, der Vorgang mit Rabbi Amnon in Oras und endlich die Abfassung der „Betrachtung" durch Rabbi Kalonymos b. Meschullam in Mainz. LUII.I.LT'O!» Der türkische Diplomat und die russische Jüdin. Eine Episode aus den« Leben von Robert Jljisch. IV. g Die russische Jüdin. muß bemerken, daß meine intimen Beziehungen zum türkischen Botschafter bald stadtkundig geworden waren, und daß zahlreiche Personen sich an mich wendeten, ich möchte bei Schakir Pascha ein gutes Wort für sie einlegen, um gewisse Vergünstigungen zu erlangen. Ich schlug resolut diese Anträge ab, da ich meine Beziehungen zu Schakir nicht durch materielle Interessen trüben wollte. Doch geschah es bald darauf, daß ich diesem meinem Entschluß untreu werden mußte, und zwar bei folgender Gelegenheit: An einem Morgen erschien bei mir ein sehr würdiger Glaubensgenosse aus einer der südrussischen Städte und erzählte mir Folgendes: Er selbst sei Synagogenschames, seine einzige Tochter habe nach Absolvirung des Ghmnasialkursus eiil unwiderstehliches Verlangen nach weiterer Ausbildung gefühlt. Besonders empfand sie einen leidenschaftlichen Hang für die medizinischen Wissenschaften. Da jedoch damals in Rußland noch kein speziell weibliches medizinisches Institut bestand, war es für eine Jüdin ganz unmöglich, in die medizinischen Kurse ausgenommen zu werden. Deshalb hatte das junge Mädchen beschlossen, nach Zürich zu gehen. Wie es dem Vater, einem armen Synagogenschames, gelang, die Mittel aufzutreiben, um seine Tochter nach der Schweiz zu schicken und sie daselbst im Laufe mehrerer Jahre zu unterhalteil, istein Geheimniß der aufopfernden Elternliebe, wie sie bei uns Juden häufig anzntreffen ist. Selbst unsere erbittertesten Gegner können eS nicht in Abrede stellen, daß nirgendwo die Familienbande so stark sind als eben bei uns. Es genügte, einen Blick aus die vorzeitig gealterte, gebeugte Gestalt des Vaters zu werfen, auf sein bleiches, abgemagertes Gesicht, in dem Noth und Sorgen tiefe Furchen gegraben, und eine reiche Saat von Entbehrungen gestreut, die auch zu einer üppigen Ernte von Kummer und Elend aufgegangen, um zu begreifen, welch einen harten Kampf ums Dasein dieser kaum öOjährige Mann, dessen Haar ganz weiß geworden, ausgefochten, um nicht nur sein elendes Leben zu fristen, sondern auch seiner studirenden Tochter die Subsistenzmittel in der Fremde zu verschaffen. Und das junge Mädchen beendete den Kursus mit Auszeichnung, und nach glänzender Vertheidigung ihrer Dissertation in der Aula der Züricher Universität Promovirte sie zum Doktor der Medizin und Chirurgie und kehrte nach Rußland zurück. In Begleitung ihres Vaters kam sie nach Petersburg, um sich hier, wie es das russische Gesetz erfordert, einernochmaligen Prüfung in der hiesigen medizinischen Militärakademie zu unterziehen, da man erst dann das Recht erlangt, seinen Beruf als praktischer Arzt auszuüben. Ausländische Diplome werden bei uns nicht anerkannt. Doch hier entstanden ernste, unbesiegbare Schwierigkeiten. Die junge Dame wurde zum Examen nicht zugelassen, da sie als Jüdin nicht das Recht hat, außerhalb des den Juden zum beständigen Aufenthalt angewieseneil Rayons zu wohnen, infolge dessen sie höflichst aber dringendst ersucht wurde, ins Ghetto zurückzukehren, ohne das Recht erlangt zu haben, ihre in Zürich erworbenen Kenntnisse zu verwerthen. Dieses alles theilte mir der Mann eingehend mit, den ich zum erstell Male sah. Trotzdem, daß mir die Leidensgeschichte des jungen Mädchens sehr interessant erschien, und ich nicht umhin konnte, ihrer Energie und Ausdauer bedingungslose Anerkennung zu zollen, konnte ich mir nicht erklären, welchen Zweck der Synagogenschames mit seinen: Besuch bei mir und seiner Erzählung hatte, da ich doch ihm in seiner Noth nicht helfen konnte. Ich war ebenso wenig in: Stande, die Petersburger Medizinische Akademie zu bewegen, die junge Doktoressa zur Prüfung zuzulassen, als die Polizei zu veranlassen, ihr den Aufenthalt in der Residenz zu gestatten. Dura lex — ssä lex. „Womit kann ich Ihnen dienen? Wiefern kann ich Ihrer Tochter behilflich sein?" „Die Sache ist die, daß meine Tochter nach Konstantinopel gehen will, wo, wie man sagt, eine große Nachfrage nach weiblichen Aerzten sein soll, indem die türkischen Damen sich unter keinen Bedingungen von männlichen Aerzten behandeln lassen wollen. Ob das durch den Koran vorgeschrieben, oder die Türkinnen in dieser Hinsicht auf Grund irgend welcher Traditionen handeln, die ihnen z. B. verbieten, sich auf der Straße mit »»verschleiertem Gesicht zu zeigen, lasse ich dahin gestellt sein, sicher jedoch ist, daß ein weiblicher Arzt in Konstantinopel lohnende Beschäftigung finden kann." „Das ist sehr möglich. Was kann aber ich dabei thun." „Ich hörte," sagte der Alte in bittendem Tone, „daß Sie in nahen Beziehungen zum hiesigen türkischen Gesandten, zu Seiner Excellenz Schakir Pascha, stehen. Würden Sie vielleicht die Güte haben, mit ihm zn sprechen und ihn zu bitten, meine Tochter irgend welchen hochgestellten Persönlichkeiten in Stambul zu empfehlen. Denn Sie begreifen wohl, daß eine so weite Reise in eine wildfremde Stadt zu unternehmen, ohne irgend welche Anhaltspunkte zu haben, ohne jede Protektion, sehr riskirt wäre, besonders für ein junges, schutzloses Mädchen." Die Kühnheit dieses Vorschlags frappirte mich lind, aufrichtig gestanden, gefiel mir. Nachdem mein Glaubensgenosse erfahren, daß ich mit Schakir Pascha bekannt sei, stand er durchaus nicht an, mich zn bitten, für seine Tochter zu interveniren. Obgleich er mich gar nicht kannte und mich zum ersten Male in seinem Leben sah. so war er doch im Voraus überzeugt, daß ich ihm keinen abschlägigen Bescheid geben würde. Das ist ein uns Inden eigenthttmliches Gefühl der Solidarität „Kol Israel ebalverim", und auf Grund dieser Devise kam der Synagogenschames zu mir und stellte mir sein Anliegen vor, wie Jemand, der auf die Erfüllung seines Gesuches ein gewisses Anrecht hat. Und in der That werden Sie selten einen wohlhabenden Israeliten finden, der einem Glaubens-