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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-13 · Heft 37 (13.9.1901) · p. Seite 440

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 37 (13.9.1901)
Date
1901-09-13
Page
Seite 440 (sequence 10)
Language
German
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440 hilft Butze, Gebet und Wohlthätigkeit gegen Tod und Unglück, und in der Sage folgt Unglück und Tod trotz und mit der Butze. — Wir dürfen daher wohl der Vermuthung Raum geben, datz Betrachtung und Sage in keinem abhängigen Verhältnitz zuleinander stehen, daß vielmehr eine jede für sich, getrennt von der anderen, entstanden ist, und daß erst nachdem die „Betrachtung" vorhanden war, die Sage mit ihr in Verbindung gebracht wurde. Und diese Vermuthung wollen die nachfolgenden Zeilen noch einigermaßen zu erhärten suchen. Die Sage hat bekanntlich folgenden Inhalt: Rabbi Amnon in Mainz, der am kurfürstlichen Hofe sehr angesehen war, wurde vom Fürsten wiederholt dringend aufgefordert, das Christenthum anznnehmen, so daß er sich zuletzt in seiner Rathlosigkeit eine Bedenkzeit von drei Tagen ausgebeten hat. Dann aber wollte er nicht freiwillig mit der Antwort hingehen. Er wurde gewaltsam zuin Fürsten gebracht und wünschte nunmehr in seiner Neue über die erbetene Bedenkzeit selbst seine Verstümmelung. Diese erfolgte auch als Strafe für seinen Ungehorsam. Als Verstümmelter ließ sich R. Amnon am heiligen Neujahrstage in die Synagoge bringen, wo er zur Heiligung Gottes die „Festgeschichte" vortrng. Unmittelbar darauf gab er seinen Geist auf. Am dritten Tage erschien er im Traume dem Rabbi Kalonymos b. Meschullam, um ihm die Festgeschichte mitzutheilen und zu verewigen. Hiernach ist denn R. Kalonymos aus Mainz der Verfasser oder Schreiber des —, zu dessen Abfassung er durch Vorgang des R. Amnon angeregt worden wäre. Die Frage, wann dieser K. b. M. gelebt habe, läßt sich nur insoweit bestimmt beantworten, als man sagen kann: vor oder in den Tagen des N. Ephrajim b. Jakob ans Bonn, also vor dem Jahre 1200. Bis zu dieser Zeit hat es zweifellos mehrere Gelehrte dieses Namens in Deutschland gegeben. Die Gelehrtenfamilie der Kalonymos wurde ja schon frühzeitig znr Förderung der jüdischen Wissenschaft aus Lucca in Italien nach Mainz verpflanzt, und zwar nach der Angabe des Salomo Lurja im I. 919 vom Könige Karl dem Einfältigen, und nach der Angabe Anderer noch viel früher von Karl dem Kahlen oder Karl dem Großen. Ohne hier näher auf diese Streitfrage eiuzugehen, genügt es uns zu wissen, daß spätestens im I. 919 jene Familie nach Deutschland gekommen ist. Aus dieser Familie ward nachher besonders berühmt jener Mann, welcher als Gelehrter und Vorsteher der Gemeinde Mainz in den Kreuzzügen eine bedeutende Rolle spielte, der R. Kalonymos b. Meschullam, welcher im I. 1096 an den König Heinrich, der sich in Italien lPadna) aufhielt, eine Gesandtschaft mit der Bitte um Hilfeleistung abordnete. Da nun die „Festgeschichte" eine schwere, traurige Zeit, die Schrecken eines bösen Verhängnisses, die mannigfachen Todesarten und Nebel schildert, so dürfen wir uns wohl diesen Kalvnymus als Verfasser des rpN denke». Wenden wir uns nunmehr dem Inhalt nud dem Ursprung der „Sage" zu! Vekehrnngsversuche waren im Mittelalter gegenüber dem Judenthnme an der Tagesordnung. Den sich Weigernden drohte zumeist der Tod. Darum war mau nicht immer sofort geneigt, diese Versuche fest, offen und rücksichtslos von der Hand zu weisen. Man erbat sich zuweilen eine Bedenkzeit, um sich nicht sofort dem Verderben anszusetzen, um die göttliche Hilfe gegen die Gewissenspeiniger auzurufen und sonst einen Ausweg zu finden. So wissen wir beispielsweise, daß der König Don Pedro H. (1196—1213) auf den judenhetzerischen Rathschlag des „weisen" Nikolaus von Valenzia hin einen jüdischen Weisen, Ephrajim b. Sancho, gefragt habe, welche Religion besser sei, die christliche oder die jüdische. Ephrajim erwiderte: „Meine Religion ist besser für mich, den —Gott aus Aegypten wunderbar errettet hat; Deine für Dich als Herrscher." Der König aber verlangte Antwort in Rücksicht auf das Bekenntniß, nicht auf die Bekenner. Da erbat sich Ephrajim drei Tage Bedenkzeit. Nach deren Ablauf kam er scheinbar verstimmt zum Könige. Der frug ihn nach dem Grunde seiner Verstimmung. Ephrajim sprach: „Man hat mich grundlos geschmäht, Herr, führe meine Sache! Vor vier Wochen verreiste mein Nachbar. Er hinterließ seinen beiden Söhnen zwei Edelsteine zum Tröste. Jetzt verlangen die Brüder von mir Auskunft über deren Eigenthümlichkeit und Unterschied. Und da ich sie auf ihren Vater verwies, der ja als Juwelier ein großer Kenner der Steine nach Form und Wirkung sei, schmähten und schlugen sie mich." Der König erklärte dies Vorgehen für unrecht und strafbar. Ephrajim aber sprach: „Mögen Deine Ohren vernehmen, o König, was Dein Mund sprach! Auch Esau und Jakob sind Brüder, deren jeder einen Edelstein erhielt. Du fragst nun, welcher der bessere. Sende einen Boten au den Vater im Himmel, denn er ist der größte Juwelier, und er wird den Unterschied angebeu." Da sprach der König zu Nikolaus: „Siehst Du die Klugheit der Juden? Solch' ein Weiser verdient Ehre und Geschenk, Du Strafe!" (Vergl. Scheweth Jehuda von Salomo ibu Verga, o. 1480. — Uebrigens ein Pendant zu Lessings Parabel von den drei Ringen.) Doch das Mittel einer Bedenkzeit mochte nicht immer diesen glücklichen Erfolg gehabt haben. Uebrigens mochte erden extrem Gesinnten wohl auch als eine Schwäche erscheinen, die nicht recht- und gesetzmäßig den Namen Gottes zu heiligen und die Religion zu verherrlichen geeignet wäre. Im Herzen eines extrem Gesinnten mußte diese Art schon als ein Anfang zum Abfall erscheinen, sie mußte Gewissensbisse Hervorrufen und eine Buße fordern. Aus solchen Gedanken heraus, aus den Gefühlen und Empfindungen Extremer, ist die Amnon Sage entstanden, welche will, daß man gar keinen Pakt schließe mit den Gesinnungs- und Gewissenspeinigern. Woher aber hat die Sage den Namen Amnon? Ist uns ein solcher angesehener Mann aus Mainz bekannt? Dieser Name stammt, wie es scheint, wie Kalonymos aus Italien Ein Gelehrter dieses Namens wird genannt als einer der zehn Frommen, welche in Oras in Italien im Jahre 915 erschlagen wurden; sie werden von Sabbatai Donnolo aufgezählt (vergl. Weiß, Tradition IV, 303—305). Wahrscheinlich wurde nun dieses Ereigniß mit seinen ausführlichen und minder bekannten Einzelheiten von der Familie Kalonymos mit von Italien nach Mainz gebracht, oder falls diese Familie scholl früher nach Mainz gekommen ist, auf dem Wege schriftlichen oder mündlichen Verkehrs sonst nach Deutschland vermittelt, y Es dürfte somit der Zusammenhang der „Betrachtung" und der „Sage" folgender sein: R. Kalonymos b. Meschullam in Mainz hat in den fürchterlichen Tagen des ersten Kreuzzuges y Auf den Zusammenhang mit einer nichtjüdischen Sage, mit dev vom h. Emmeram, hat s. Z. Nehemias Brüll zuerst die Ansmerksamkeit gelenkt. <Vgl. „Jahrbücher für die Geschichte und Litteratur des Judenthums" IX. I. ff.)

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