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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-13 · Heft 37 (13.9.1901) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 37 (13.9.1901)
Date
1901-09-13
Page
Seite 438 (sequence 8)
Language
German
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438 Orleans kaum hundert jüdische Familien gegeben. Aehnlich erging es mir mit einer Angabe im Jahrgang 1846, die den Tod einer österreichischen Baronin meldet, die in Königsberg starb und, obwohl sie mit einem Christen oerheirathet war, auf dem jüdischen Friedhofe bestattet sein wollte. Die Nachricht schien bei dem Zustande der Gesetzgebung vor 1848 sehr unwahrscheinlich. Ich erfuhr denn auch durch die Liebenswürdigkeit des Herrn Rabbiners Dr. Bogelstein, daß weder die lokalen Zeitungen noch das Archiv der jüdischen Gemeinde voll diesem merkwürdigen Borfalle etwas wissen. Ganz besonders sollte mall mit Allgaben über die soziale Stellung der Juden vorsichtig sein, da, wie ich aus dem „Antisemitischen Jahrbuch" ersehe, unsere Gegner die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" eifrig benutzen. Null zur Sachanwenduug! Die in Nr. 25 erwähnten Morde haben sich thatsächlich ereignet, ja, es ist in letzter Zeit ein weiterer Fall hiuzugetreten. Am 28. April wurde der Hausirer Julius Stern von einer sechzehnjährigen Negerin mit einem Rasirmesser ermordet. Was bedeutet all das? Es bedeutet, daß es Verbrecher giebt, und äußersten Falls, daß der Jude von dem Pöbel als mninu vitis angesehen wird; es bedeutet aber nicht, wie Ihr spanischer Korrespondent andeutet, daß wir in Amerika eine Judenverfolgung nach dein Muster voll Rumänien zu gewärtigen haben, noch auch, daß sich hier um einen Grafen Pückler oder um einen Ahlwardt eine Partei schaaren könnte. In meinem Artikel „Antisemitismus in Amerika" habe ich das Verhältnis; klar darzustellen mich bemüht. Der Jude wird auch hierzulande nicht als ebenbürtig allgesehen. Der jüdische Millionär findet in den Klubs, Bädern, Privatgesellschaften u. s. w. nicht die Aufnahme, die ihm zu Theil würde, wenn er nicht Jude wäre. Der jüdische Mittelstand hat in jeder halbwegs bedeutenden Stadt seine Klubs. Dieselbell sind weder ihrem Namen noch ihrem Zwecke nach jüdisch. Sie sind ein Nothbehelf gegenüber der christlichen Intoleranz, wie vor hundert Jahren die „Gesellschaft der Freunde" ein Nothbehelf gegenüber der jüdisch-orthodoren Intoleranz war. Wenn Leute die hohen Summen zahlen, die zur Aufnahme ill einen fashionablen jüdischen Klub erforderlich sind, so thun sie es nicht, um Bnlwers Lady of Lyons auf jüdisch-dilletantisch dargestellt zu sehen oder um auf jüdisch Poker zu spielen. Ohne Zweifel wird auch der arme jüdische Hausirer unfreundlicher behandelt als sein llichtjüdischer Leidensgenosfe. So viel ist That° sache, aber derartige Vorkommnisse als Judenverfolgungen zu behandeln, ist eine arge Entstellung der Wahrheit. Man darf nicht vergessen, daß jede Großstadt eine Masse roher Elemente in sich birgt. Chicago, das im Laufe eines halben Jahrhunderts aus einem armseligen Fischerdorf zu einer Zweimilliouenstadt emporwuchs, hat zweifelsohne ein besonders zahlreiches Verbrecherelement. Bei dem Umstande, daß Munizipal-, Gerichts¬ und Polizeibeamte entweder ans Wahlen hervorgeheu oder voll aus Wahlen hervorgegangenen Beamten widerruflich ernannt werden, bleiben Verbrechen oft ungesühnt. Ein Beispiel dieser Art, das jüdische Verhältnisse nicht berührt, wird die Sachlage klären. In Cincinnati hat vor einigen Jahren ein irisch-katholischer Priester Namens O'Grady seine Geliebte auf offener Straße meuchlings erschossen und darauf Gift genommen. Durch rechtzeitige ärztliche Hilfe gerettet, wurde er nach langen Verschiebungen des Prozesses endlich vor Gericht gestellt, für geisteskrank erklärt, in eine Irrenanstalt gebracht, aus der er nach einiger Zeit entwich, um spurlos zu verschwinden Wenn er ein Neger gewesen wäre, hätte er längst den elektrischen Stuhl bestiegen. Die Sache liegt eben so: Katholiken stimmen bei Wahlen geschlossen, wenn sie auch verschiedenen Parteien augehören mögen, sobald es sich um eine katholische Angelegenheit handelt. Ein Richter, der zur Hinrichtung eines katholischen Priesters die Hand böte, würde bei einer weiteren Kandidatur einen sehr schweren Stand haben, und selbst eine Jury würde sich schwer finden, welche die erforderliche Einstimmigkeit in einem solchen Falle aufbrächte. Wenn also die Irländer in Chicago einen Juden erschlagen haben, geschah das Verbrechen in einem der gefährlichsten Winkel der Stadt, der von dem rohesten, gesetzlosen Element dieser im Allgemeinen gewaltthätigen Menschenklasse bewohnt ist, und eine Feststellung der Thatsache wird ebenso schwer sein wie die Eruirung der Mörder des Lord Cavendish, die am Hellen Tage im Phönixpark in Dublin ihre Verbrechen verübten. Die Polizisten sind in der Regel Irländer, abhängig von den Politikern des Stadtbezirks, und werden sich ebenso wie die Richter nach Möglichkeit hüten, mit diesen Elementen in Konflikt zu gerathen. Nun darf man auch die jüdische Seite nicht außer Acht lassen. Die armen Polnischen Juden ziehen häufig schon durch ihr Aenßeres die Aufmerksamkeit der Straßenjugend und der Bummler auf sich, etwa in einer Weise, wie das auch Chinesen in Berlin erging, oder wie ich in Brünn einen italienischen Orangenhausirer von der Straßenjugend mit den; Rufe „Katzelmacher" verfolgt sah. Sie leben in den von dem gefährlichsten Elemente bewohnten Stadttheilen, was in Amerika, wo die wohlhabendere Klasse ganze Häuser bewohnt, und nicht der Bankier in der erster: Etage wohnt, während das Souterrain von einem Kartoffelkeller eingenommen wird, noch bedenklicher ist als irr Europa. Dann bringt sie die Art ihres Geschäftes irr Korrtakt mit den niedrigsten Schichten der Gesellschaft. Von den verschiedenartigsten Harrsirern ist der sogenannte Customer- Peddler in der schwierigsten Lage. Er ist eirr Ratenverkäufen der rrrit allem Möglichen Handel treibt; er verkauft jeder: Gegenstand des Haushaltes, Juwelen, Männer- und Frauenkleider, Bücher, Bilder u. s. rv., auf Rater:. Der Kundenkreis eines solchen Geschäftes gehört begreiflicherweise nach jeder Richtung zu den bedenklichsten. Wer für baares Geld kaufen kann oder eine Stellung bekleidet, die ihn halbwegs kreditfähig macht, hat nicht nöthig, auf den Ratenverkäufe zu warten. Das Acquiriren eines Geschäftes verlangt auch eine gewisse Ueberredung, er wird zudringlich, durch das schlechte Englisch, das er spricht lächerlich, er erscheint an Tagen, wo seine Schuldner Zahlung erhalten haben, wo sie daher entweder übermüthig, betrunken - bei den Irländern ein besonders häufiges Laster — oder, weil dann erst recht in Zahlungsverlegenheiten, zu Gewaltthätigkeiten geneigt sind. Ferner ist ein Geschäft, das mit solchem Risiko betrieben wird, nicht sehr reell. Es ist nach alledem kaum zu verwundern, wenn der Custom-Peddler das Opfer einer Mißhandlung oder eines Mordes wird. Allerdings ist das keine Rechtfertigung des Umstandes, daß solche Thaten gerichtlich ungesühnt bleiben, aber das liegt eben an den krankhaften Zuständen des öffentlichen Lebens. Daraus jedoch eine drohende Judenverfolgung zu deduziren, ist erst recht ein Verbrechen. Das Berliner Landgericht hat erst neulich die Verbreiter der Konitzer Ansichtspostkarte:: freigesprochen. Da ich glücklicherweise kein Jurist bin, kann ich, ohne mich der Herabwürdigung des Gerichtes schuldig zu machen, dieses

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