Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1901)
- Date
- 1901-09-13
- Page
- Seite 437 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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4?7 nennt. Aber wie schon bemerkt, hier wollen wir, alles pessimistische Gekrittel bei Seite lassend, uns nur mit der Jugend freuen. Wir wollen uns dessen freuen, wie sich infolge der kräftigen Kost, der gesunden Bäder und vor allem durch den alles belebenden Hauch der Mutter Natur die bleichen Gesichtchen röthen, wir wollen uns mit den Kindern freuen, die es zu fühlen scheinen, wie viel Liebe guter Menschen ihnen hier, wenn auch nur für kurze Zeit, ein behagliches Heim geschaffen. Warum sollte nur das Kind reicher Eltern der Segnungen der Natur theilhaftig werden, und nicht auch das bleiche, magere Kind armer Leute? So ist es in der That ein Stück sozialer Arbeit, das hier verrichtet wird. Und alle Namen, welche in goldenen Lettern auf der Marmortafel im Vestibüle des „Heims" prangen, sie verdienen es in der That, genannt zu werden, denn hier ist ein wahrhaft gutes Werk geschaffen worden. Allen voran aber leuchtet der Name der großen Kinder- und Menschenfreundin, der verewigter! Baronin Hirsch- Gereuth, die gewiß mit herzlicher Dankbarkeit genannt wird von tausenden und abertausende« Kinderlippen. Nun wissen Sie, warum wir nach Tischnowitz gefahren sind, denn der Name dieses Nestes ist mit einer der wohlthätigsteu Einrichtungen nnseres modernen Judenthums verknüpft. Während wir langsam wieder zurückbummeln nach der Landeshauptstadt, während draußen im Dunkel die Hügel und Wälder und Felder und Auen an uns vorüberhuschen, haben wir Zeit genug, über manches nachzndenken, was sich uns. beim Anblicke des „Heims" und seiner jungen Bewohnerschaft aufdrängte. Kämpfe giebt es genug in unserer Mitte, aber in allen diesen Kämpfen versöhnt doch der Gedanke, daß die Liebe noch nicht ausgestorben ist. Die Liebe, die alles verzeihende, alles versöhnende. Was ist doch alles Formelwesen, was sind alle Aeußerlichkeiten, an die wir uns so ängstlich klammern, gegen die alles verknüpfende Liebe! — Es muß uns um unsere Zukunft nicht bange sein, so lauge diese Königin herrscht, die alles bezwingt, und Aller Herzen vereinigt. — Die Kinder da draußen in den schattigen Laubgüngen des iveiten Parkes, sie erinnerten uns au unsere eigene Jugendzeit. Da saßen wir, während die Sonne ihre glühend heißen Strahlen herniedersendete auf Gerechte und Ungerechte, gepfercht in furchtbarer schwüler Enge im Cheder und summten die schwierigen Talmudstellen vor uns her, die da handeln über Verbotenes am Sabbath, über die Scheidungen, über Reines nnd Unreines, über das Werk des Hohepriesteram Versöhnungstage und über die Schlachtungsregeln. Und dann saust der Bakel unseres gestrengen Lehrers nieder auf den Rücken eines infolge der Hitze des Tages sanft entschlummerten Knäbleins oder auf die Hand eines verstockten Jungen, der die schwierigen juridischen Fragen, welche die drei „Babas" enthalten, durchaus nicht aufnehmen will in das träg arbeitende Gehirn. Natur, Helle freudige Natur, mit ihrem Lichterglanz und saftigem Grün, ewig junge Wälder und gesegnete.Felder, frisches, frohes Leben, was wußte unser geknechtetes Kindergemüth davon! — Talmud und Judengasse, Finsterniß und tiefes Dunkel, das sind unsere Erinnerungen aus der Judengasse. Gewiß, man wollte unseren Geist schärfen durch Lernen und Denken, man wollte uns vvrbereiten auf de« schweren Kampf, der uns bevorstand, aber geschah dies nicht alles in etwas einseitiger Weise? Man hat uns die grauen Ghettomauern des Judenthums nur gezeigt, und nie haben wir erfahren, wie viel, wie unendlich viel Liebe das Judenthum lehrt. — Vier kurze Wochen bewegt sich diese arme Jugend draußen im Reichthum der Natur. Aber wie viel kann sie hier unter tüchtiger Anleitung lernen? Wie schließen sich hier die Herzen aneinander, wie dankbar gedenken sie der edlen Wohlthäter, die ihnen dies Heim geschaffen, wie wird der Stachel der Verbitterung aus den Gemüthern entfernt, und in sie kehrt ein Frieden nnd edle Menschlichkeit. Die Erinnerung an all' das Gute, das ihr hier Natur uird edle Menschen, wenn auch nur für flüchtige Augenblicke, geschaffen, muß auf das Herz und den Geist dieser Kinder, wenn sie auch nur in geringein Grade sich dessen bewußt werden, unauslöschlich wirken. Und wir denken, das ist auch ein nicht zu unterschätzendes Erziehungsresnltat. Im Cheder mochten ja mit Talmud und Bibelkommentaren die Geister gedrillt werden, aber wie erschrecklich wirkte auf die Körper all' diese Enge, dieser Mangel an Lust und Licht. Hier draußen in der Natur wird das Herz freier, frischer der Geist, leuchtend der Blick, und der gekräftigte Körper wird gewiß auch zur Kräftigung des Geistes beitragen, der in wenigen Wochen dann mit mehr Lust und Liebe an die Arbeit gehen wird. — So hat hier Menschenliebe ein doppeltes Stück Arbeit gethan: die Herzen erquickt, die Körper und Geister gekräftigt. — Gemächlich fährt der Tischnowitz—Brünner Zug inzwischen in den Bahnhof ein. Elektrisches Licht leuchtet ringsum auf, die elektrische Bahn durchfährt die Straßen, Leben und Licht allüberall. Leben und Licht: dieser zwei Ingredienzien bedarf auch das etwas matt gewordene Judenthnm. Leben und Licht, die Zukunft muß sie ihm bringen. In graue Trümmer versanken vor unseren Augen Cheder und Ghettomauern, die ewigen Güter des Judenthums haben wir aber aus der Trümmerstätte gerettet. Nun seien wir nicht müßig. Auch in der Freude an der Natur, auch im Hellen Bogenlichte der Gegenwart wollen wir an dem unvergänglichen Schatze des JudenthumS uns freuen, und dieser heißt: Liebe und Menschenfreundlichkeit. Irvri. Amerikanische Briefe. Von Professor Dr. G. Deutsch. Artikel „Judenverfolgungen in Chicago" in Nr. 28 dieses Blattes giebt ein ebenso spanisches Bild von den hiesigen Zuständen, wie man nach dem Namen des Verfassers erwarten muß. Dem gegenüber halte ich es für eine Ehrenpflicht, eine von Uebertreibungen nach beiden Seiten freie Darstellung der Sachlage zu geben. Wir dürfen nicht vergessen, daß über kurz oder lang unsere Zeitungen Geschichtsquellen ersten Ranges werden. Bei dem Studium älterer Jahrgänge der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" habe ich das wiederholt empfunden. So erzählt 1842 Seite 290 ein Herr Dr. M. Wiener, daß er in New-Orleans 700 jüdische Familien gefunden habe, die ein ganz heidnisches Leben führten. Die Mehrzahl soll die Kinder nicht haben beschneiden lassen, der Rabbiner, ein Herr Marks, soll eine Katholikin zur Frau gehabt haben, die ihm nach seinem Tode ein Kruzifix ins Grab mitgegeben habe und andere Räubergeschichten mehr. Aus meine Anfrage erfuhr ich, daß Niemand sich dort auf einen Rabbiner Namens Marks erinnern kann, und daß die meisten Angabe» des Berichtes erfunden sein müssen. Es hat 1842 in New