Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1901)
- Date
- 1901-09-13
- Page
- Seite 436 (sequence 6)
- Language
- German
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436 Wannowski selbst. Eine Frucht dieser Anklage war das ungeheuerliche Gesetz, laut welchem für jeden zur Assentirung nicht erschienenen jüdischen Rekruten 300 Rubel Strafe zu zahlen sind, und daß für diese Strafe in erster Reihe die Angehörigen dieses Rekruten, in zweiter Reihe aber die betreffende jüdische Gemeinde haftbar ist. Eine Frucht dieser Arbeit ist auch das jüngst publizirte Rundschreiben der Militärbehörde, welches gleichfalls eine Erfindung des Generals Wannowski sein soll. Es war nun vorauszusehen, daß Wannowski mit seiner Ernennung zum Minister der „Volksausklärung" seine judenfeindliche Thätigkeit auf das Gebiet der Schule verlegen werde. Zwar sind die Beschränkungen noch keineswegs gesetzlich in Kraft getreten; noch ist kein Gesetz oder selbst nur eine ministerielle Verordnung im russischen „Regierungsboten" publizirt worden, welche die Zahl der jüdischen Gymnasiasten unter die bisherige Norm von 10 Prozent herunterdrückt; allein ebenso unzweifelhaft ist es, daß diese Verordnung vielleicht schon in diesem Jahre kommen wird. Die russischen Juden wissen auch sehr wohl, daß sie gegen den Willen eines General Wannowski nicht werden aufkommen können, und sie sinnen daher beizeiten schon auf Mittel und Wege, wie sie ihren Kindern die ihnen in Rußland verweigerte Gymnasialbildung im Auslande verschaffen können. Aber das alte schon so oft versuchte Mittel, Handelsschulen für Christen zu gründen, den beschämenden Versuch zu machen, um dann in denselben den Prozentsatz der zuzulassenden jüdischen Schüler ein wenig zu erhöhen, hat sich bislang nicht bewährt. Für ihr gutes Geld eine Schule zu gründen, und dann jedesmal mit dem geriebenen russischen Finanzminister um „einige Prozentchen" zu feilschen, ist für die Juden ebenso erniedrigend wie zwecklos. Die Christen, denen alle anderen Schulen offen stehen, halten ihre Kinder von den Handelsschulen zurück, und es kam schon öfters vor, daß ganze Klassen dieser Schulen leer standen, da die christlichen Schüler ansgeblieben sind. 4 Wie wir seiner Zeit berichtet, befand sich in der Deputation, welche die Stadt London zu Lord Salisbury entsandte, um gegen die Einwanderung Polnischer und rumänischer Juden zu protestiren, auch das jüdische Parlamentsmitglied Sir Saul Samuel. Darob wurde Mr. Samuel mit Recht angegriffen. Derselbe veröffentlicht nunmehr diesen Angriffen gegenüber eine Erklärung, in der er sagt: „Ich bin allerdings ein Jude, aber ich bin zugleich auch ein Engländer und muß als solcher die Interessen meiner Wähler vertreten. Mein Wahlbezirk ist Eastend London. Dieser Theil der Hauptstadt leidet an Uebervölkernng, und einem weiteren Zuströmen von „Einwohnern" muß vorgebcugt werde». Das liegt auch im Interesse der Jude», weil sonst deren Gegnerschaft schreckliche Ausdehnung aunehmen konnte. Es handelt sich bei der Einwanderung der polnischen und rumänischen Juden um eine Frage der llebervölkerung, und eine Fernhaltung der fremden Juden ist nöthig. um nicht auch in England jene Abneigung gegen die Juden hervorznrufc», die wir in anderen Ländern wahrnehmen." Wir haben neulich bereits darauf hingewiesen, daß die Einwandernngsfrage in London eine» antisemitischen Hintergrund hat. Hier sehen wir dies bestätigt; inan will es in England nur noch nicht wahr haben. Die deutschen Antisemiten plaudern es aber mit großer Offenherzigkeit aus. Brief aus Oesterreich. Mitte August. ((«Z^iesmal, geehrter Her<Redakteur, lade ich Sie zu einer Spritzfahrt, so nennt man es ja, oder einer kleinen Landpartie ein. Sie werden meiner Bitte willfahren, denn das Wetter ist schön, die Gegend, durch welche wir fahren, ist eine reizende Hügel- und Waldlandschast, der Zug fährt gar nicht aufregend, sondern gemächlich, langsam, postkutschenartig. Das Ziel unserer Reise ist Tischnowitz, Endstation der Eisenbahnstrecke Brünn-Tischnowitz. Man erreicht das genannte Nest von der mährischen Landeshauptstadt aus in ungefähr l'/s Stunden; ich sagte ja schon, der Zug übereilt sich nicht. Wie Sie schon an dem Namen merken, ist Tischnowitz ein Ort mit vorwiegend tschechischer Bevölkerung; ich glaube, es wird in ihm überhaupt kein Deutscher, soweit die eingeborene Bevölkerung in Betracht kommt, zu finden sein. Bei dem Standpunkte, den ich in der Sprachenfrage einnehme, ist dies für mich nichts unangenehmes, ich meine eben, es müsse auch Tschechen geben. Sie fragen mich nun, was haben wir in Tischnowitz, einem Orte nahe der mährisch-böhmischen Grenze zu suchen? Giebt es nicht schönere Landschaften, umkrönt von Bergen und Gletschern, sich spiegelnd in grünen Seen, müssen wir gerade nach diesem mährischen Neste reisen? Und dann, was hat Tischnowitz in unseren „Briefen" zu thun? Nicht einmal eine Judengemeinde ist in diesem Orte, da müssen wir noch weiter mit der keuchenden Postkutsche fahren, um Lomnitz zu erreichen, eine Gemeinde mit alter Synagoge, zahlreichen heimischen Juden, zu welchen im Sommer noch viele „Frischler" kommen, aus der Landeshauptstadt nicht nur, sondern auch aus der ferneren Residenz. Aber wir bleiben diesmal im hügelnmkränzten Tischnowitz und verzichten darauf, der Lomnitzer Judengasse einen Besuch abzustatten. In Tischnowitz nämlich hat das Kaiser-Franz-Josef-Ferienheim ein ebenso prächtiges als wahrhaft bequemes Asyl gefunden, und um dies zu besuchen, haben wir unsere gemeinsame Fahrt unternommen, und, gestehen wir es nur, es gereut uns die Fahrt nicht. Auch meine liebsten Freunde werden es mir nicht vorwerfen, daß ich nicht gewohnt bin, unsere Verhältnisse allzu optimistisch zu schildern. Diesmal aber wollen wir die ganze „Nörgelei", wie man hier so schön sagt, bei Seite lassen und bekennen: hier hat jüdischer Wohlthätigkeitssinn wirklich etwas Großes und Schönes geschaffen. Die Ferienkolonie, meist gebildet von Wiener Kindern, hatte früher ihren Sitz im Schlosse und Park der edlen verewigten Baronin Hirsch zu Rossitz; nun nach ihrem Tode, nachdem sie eine stattliche Summe dein Wiener Verein für Ferienkolonien hinterlassen, ist es möglich geworden, ein prächtiges Landhaus mit dazu gehörigem Park in der Ortschaft „Vorkloster" bei Tischnowitz käuflich zu erwerbe«, und das „Heim" weilt nun im eigenen Hause. Ein prächtiger Park, Helle, luftige Säle. Räume, die nach allen Anforderungen moderner Hygiene eingerichtet sind, Luft und Licht, kräftige Nahrung, Anleitung zur Ordnung und Zucht durch geschulte Lehrkräfte, dies alles wird durch wenige Wochen armen, bleichen Kindern geboten, welche aus dem Jammer und der Stickluft der großen Stadt hierhergeführt werden, um die Geschenke zu genießen, welche die Allmutter Natur allen Menschen in gleicher Weise darbietet. Wir sind keine Freunde dessen, was man Schaustellung der Armuth