Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1901)
- Date
- 1901-09-13
- Page
- Seite 434 (sequence 4)
- Language
- German
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4Z4 wahrt: Die Wahrheit in der Verwirklichung der echten und gerechten Humanität. Und weil sie nicht gefunden ward, so blieb Israel noch lange der Paria unter den Menschenklassen, der ewig wandernde Jude, ein trauernder Zeuge des geistigen Verfalls, ein trauriges Opfer der sittlichen Zerrüttung der Völker. Rosch-Haschana, in dem sich für Israel der erste Weltenmorgen erneut, ging dann nicht, wie er für die Zukunft des Menschengeschlechts gehofft, über einem Paradiese mit freien, glücklichen Menschen, sondern über den Stätten wüster Völkerschlachten, über dem Ghetto seiner Noch und seines Elends auf. Wenn dann der Schofar ertönte, da vernahm Israel ans dessen „gebrochenem, stöhnendem" Klang den Widerhall der Stimme seines trauernden Genius, der mit mitleidsvoller Rührung über dasselbe ausries: „Daß ihr vor dem Ewigen, eurem Gotte, gedacht werden inöget." Die gegenwärtige Knlturentwickelung bezeichnet einKlärungsstadium, bei dem die Hese der alten Zeiten noch nicht ausgeschieden, und böse Hände rütteln sie immer künstlich oder gewaltsam von Neuem auf, daß die Trübung auch höhere Schichten ergreift, wo sie nicht hinanreichen sollte. Die alte Verleumdungs- und Verfolgungssucht gegen Juden und Judenthum tritt von Zeit zu Zeit wie ein Plötzlicher Fieberwahn hervor; unter denr Firnis; der Kultur zeigen sich bei manchen Staaten die alten barbarischeil Züge der Unduldsamkeit, die alten Praktiken der Heuchelei in Religion und Politik zur Unterdrückung der Rechte der Anderen, der krasse Gegensatz zwischen Schein und Wirklichkeit in der Handhabung verfassungsmäßiger Rechte. So verrichtet die moderne Kultur eine Sisyphusarbeit, bei der sie nach aller schweißvollen Anstrengung immer Wiederaus ihren alten Tiefstand zurückgeschleudert wird. Rosch- Haschana erscheint uns daher mit seiner Posaune als Herold unseres altehrwürdigen Glaubens, der uns zum Tröste lehrt, daß Gott ist der Richter der Welt, „der kein Unrecht sehen kann, denn zum Recht kehrt das Gericht zurück, und ihm folgen Alle, die redlichen Herzens sind." Wie sich Wohl nach den bisherigen Erfahrungen unsere Zukunft gestalten wird? Zu keiner Zeit beschleicht uns diese Sorge mehr als an diesem Feste, wo wir unsere Geistesblicke über die Grenzen der Gegenwart zu einer Rundschau über unsere Erlebnisse hinausheben. Aber wir können diese Sorge in uns nicht besser beschwichtigen, als indem wir einen tieferen Blick in unsere Vergangenheit thun. Und da zeigt es sich, daß die Geschichte des Judeuthums nicht blos leidvolle, sondern auch frohe, erfreuliche Erfahrungen zu verzeichnen hat. Im Selbstgespräch sprach sich einst diese Geschichte den Trost zu: „Preise meine Seele den Ewigen und vergiß nicht aller seiner Wohlthaten, der erlöst aus der Tiefe dein Leben, dich krönt mit Gnade und Erbarmen; es erneut wie der Aar deine Jugend sich." Das hat sich buchstäblich bewahrheitet, wie es in alle» Zeitperioden sich offenkundig wiederholt hat. Daneben blüht in der Geschichte des jüdischen Lebens die Tugend der Standhaftigkeit im unerschütterlichen Festhalten au dem Bekenntnis; der Religion und der Ideale seiner uralten Stammestraditionen von der hingebenden Liebe für Gott und die Menschheit. Wären wir uns nicht, die Einen mehr, die Anderen weniger, dessen bewußt, von diesem Bekenntniß unserer Religion und unserer Ideale überzeugt und durchdrungen, wie konnten wir sonst die Jahrhunderte hindurch sich wiederholenden Angriffe auf die Ehre unserer Religion, die Verleumdungen unseres Stammes mit solche»; unerschütterlichen Muthe über uns ergehen lassen! Nur ein gutes Gewissei; kann die zu einem Alp sich thürmenden Vorwürfe leicht und frei ertragen, unter denen ein böses sich zermalmt und aufgelöst fühlen müßte. Um wie viel größer muß daher nicht die Verantwortung Derjenigen erscheinen, die durch ihre Fahnenflucht aus dem Judenthun; um äußerer Vortheile willen an ihrem jüdischen Stamme schnöden Verrath übe», da sie durch ihre Fahnenflucht den Schein erwecken, als ob nicht, wie es ii; Wirklichkeit der Fall ist, äußere zweifelhafte Werthe einer Karriere, sondern ein Mißfallen an der angestammten Religion zu dem Schritt geführt hätte! So weit daher ein Mensch auf sein künftiges Schicksal bestimmend einwirken kann, wird die treue Standhaftigkeit in unserm Bekenntniß und in unseren Menschheitsidealen uns in der Zukunft den Boden bereiten, ans dem wir die lange vorenthaltene Achtung, Ehre und Anerkennung ernten werden. Denn daun muß sich selbst den; Verbündetsten und Uebelwollendsten die Ueberzeugung aufdrängen, daß eine Jahrtausende lang unter den schwersten Opfern, unter den schmerzlichsten Erfahrungen von Wunden und Thränen geübte Standhaftigkeit das glänzendste Zeugniß ist für die Güte und Lauterkeit dessen, was sie so unausgesetzt und mit solcher Kraft vertritt. Me Woche. Berlin, 11. September Antisemiten haben einen neuen Trick erfunden, um ihren immer mehr sich leerenden Volksversammlungen wieder Zulauf zu verschaffen. Sie setzen Könitz und G u m binnen in Parallele. Darüber wurde in Berlin, Stettin und anderen Städten gesprochen, und zwar in folgenden Aus führungen: „Die Vorgänge in Könitz und Gumbinnen bieten eine Mengt Vergleichspunkte. Beide Morde erregten großes Aufsehen, das sicl noch lange Zeit nicht legen wird. In Gumbinnen ist die Sühm eingetreten, in Könitz nicht. Vergleichen wir zunächst das Verhalten des öffentlichen Anklägers, so finden wir, daß er in Gumbinnen mn äußerster Schärfe seines Amtes gewaltet hat: aus allerlei Anzeichen von Schuld hin, ohne Thatsachen und Beweise für dieselbe, hat e> die Anklage erhoben. Redner weist nach, wie unhaltbar die Anklage punkte gegen Marterl und Hickel sind. In merkwürdigem Gegensat hierzu steht das Verhalten der Staatsanwaltschaft in Konih. Don lagen schwere Verdachtsmomente vor, aber eine Anklage wurde nich erhoben. — Mail muß annehmen, daß das Gumbinuer Urtheil dadurcl entstanden ist, daß sich bei den Soldaten-Richtern in den Rechts gedanken, der eine Verurtheilung nur bei unzweideutig erwiesene- Schuld erlaubt, das militärische Verlangen nach Sühne der schwer verletzten Disziplin verwirrend drängte. Das Pflichtgefühl hätte in Könitz eine andere Nolle spielen müssen; dort durfte die Anklage nictn unterbleiben. Marten wird vom Neichsmilitärgericht hoffentlich frei gesprochen, die Verurtheilung ist unhaltbar. Der Volksnnurd in Koni' sagte: „Es soll nichts herauskommen," es ist leider nichts heraus gekommen. Es wird so lange „nichts herauskommen" bei derartige - Morden, und diese werden sich immer wiederholen, bis das Judei - thnm, unter dem es Leute giebt, die derartige scheußliche Verbrechen verüben, unter besondere Aufsicht genommen wird. Unsere Aufgabe muß es sein, aufklärend dahin zu wirken, trotz der die Juden schützenden Hand des Staatsanwalts. Wenn das deutsche Volk in seiner breiten Masse mehr und mehr erkennt, daß die Juden eiw Gefahr für unser Volk und Vaterland bilden, dann werden auch di deutschen Staatsanwälte sich dieser Erkenntniß nicht mehr verschließen können." Man weiß wirklich nicht, was man zu solchen Ausführungen im Ernst sagen soll, die die Sachlage direkt auf den Kops