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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-13 · Heft 37 (13.9.1901) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 37 (13.9.1901)
Date
1901-09-13
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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65. Jahrgang. Nr. 37. Berlin» 13. September 19V1. eitmg des Audeiühums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 7'7 1 Begründet von Diese Zertung erschemt wöchentlich.! kal-blner v- Ludwig PHUippson-Loiii,. unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M- I N-»act-«rr Gustav Karpeles. > Vertags-Crpe-ition: Gerlin, Lerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 8^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Neujahrsgedanken. — Di- Woche. — Brief ans Oesterreich. — Amerikanische Briefe. Von Professor Dr. G. Deutsch. — Die Amnon-Sage. Von Rabbiner Dr. Fried mann in Lublinitz. — Feuilleton: Der türkische Diplomat und die russische Jüdin. IV. Eine Episode aus dem Leben von Robert Iljisch. — Badebriefe. III. — Litterarische Mittheilurigen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Ehdtkuhnen, Danzig, Aus der Provinz Posen, Benthen O.-S., Seesen, Elberfeld, München, Wien. — Von Nah und Fern. Neujahrsgedanken. Berlin, 12. September. Pforten des neuen Jahres sind aufgethan; zagenden Schrittes betreten wir seine Schwelle. Hinter uns ziehen sich die Nebel der Vergangenheit zusammen, vor uns breiten sich die Wolken einer undurchdringlichen Zukunft aus. Wir bewegen uns in der engen Spanne der Gegenwart. Ans dieser Engniß rufen wir zu Gott empor. Da ertönt in Israel ein heiliges Signal, daß wir muthig und vertrauensvoll in das neue Jahr eintreten mögen. Es ist der ergreifende Widerhall des Schofar von den Höhen des Horeb, den ewigen höhen der Gesetzgebung, des Schofarklanges, durch den unsere beschichte zu uns redet. „Es zieht der Ewige euch voran, und der Heilige Israels beschließt euren Zug." Es sind die Akkorde des Jubels und der Trauer, des Siegesliedes und des Klagezesanges, der Niederlage und der Widererweckung. Roschhaschana erscheint bei uns als hehrer Bote des Edens, der Urheimath der gesammten Menschheit, als ältester Zeuge .'orn gleichen Ursprung aller Menschen auf dem Erdenrund. Der „Gedächtnißhall" des Rosch-Haschanafestes lenkt unfern Geist ans den Wirren der Welt in die erste Zeit der paradiesischen Unschuld zurück zur Betrachtung der unverdorbene» Natürlichkeit, und der Schofar mahnt uns, nach der sinnigen ialmudischen Deutung dieser Benennung der Posaune: „Sclwpru iiimsseelwm"; verschönet, verbessert eure Thaten zu einem natürlichen Wandel in Unschuld. Immer stärker und einschneidender treten die Gegensätze unter den Menschen hervor, immer verwickelter werden ihre Beziehungen zu einander, immer größer und gefährlicher wachsen die Leidenschaften empor, und die Erde ist umgewandelt zum Schauplatz heißesten Völkerringens, wo unter den Hufen wilden Getümmels edle Pflanzungen des Friedens, der Menschlichkeit und der reinen, lauteren Religion zertreten werden und sich aufzulösen Gefahr laufen. Und Israel ward zum Hüter der Pflanzungen bestellt, zmn Pfleger des Gartens der Cedern Gottes, der Palmen des Friedens. Das war der gefährlichste Punkt, auf den es gestellt ward, der verhängnißvollste Posten, auf den es seinen Wächter- und Vertheidigungsdienst erhielt. Denn nun wurde es gar oft im eisernen Kriegsgetümmel schwer und tödtlich getroffen, und wen» es sich dann mühsam vom Boden erhoben und mit der Friedensfahne der Thora als „Bundesvolk" zu den im ewigen Kampf begriffenen Völkern gezogen, um unter den Streitenden im Namen des einzigen Gottes und der Menschlichkeit Frieden zu stiften und die Botschaft seiner Lehre von dem großen Bruderbünde zu verkünden, da einigten sich die einander feindlichen Völker nur in dem einen bösen Gedanken, sich gemeinsam auf den verhaßten Friedensstifter, den Störer der bisherigen „Ordnung der Dinge" zu werfen, um ihn zu Boden zu strecken. Wie oft sich das auch im Lau? der Geschichte wiederholte, immer schwebte unsichtbar sein guter Genius mit seinen ausgebreiteten schützenden Flügeln zn ihm hernieder, um den von der Ohnmacht Befangenen mit von Rührung und Tröstung hallender Stimme zu neuem Lebe» wieder zu erwecken: „Ein Tag des Posaunenhalls soll es euch sein, daß ihr vor dem Ewigen, eurem Gotte gedacht werden wöget." — So war es in der Vergangenheit, und so war es auch in späterer Zeit. Das äußere Weltbild hat sich vielfach geändert. Die Landkarten zeigen uns eine andere Vertheilung der Erde, die Grenzen haben sich mehrmals gegen einander verschoben, Staaten und Reiche wechselten ihren Umfang und ihre Namen, Stämme und Völker sind mehrfach vom Schauplatz ihres Daseins geschwunden, und andere sind an ihre Stelle getreten — aber die alte Erbschaft der Gehässigkeit ist dieselbe geblieben. Nur die Kampfesweise ist eine andere geworden, sie hat sich ans der alten rohen. Primitiven Faustgerechtigkeit nach dem Rechte des Stärkeren zu einer scheinbar besseren, humanen Fvrm entwickelt. Denn im Laufe der Jahrhunderte hat der Menschengeist erstaunliche Fortschritte gemacht. Die Schranken der Menschenexistenz erschienen ihm zu eng gezogen, das Leben zu dürftig, zu einförmig, überlebt und unbefriedigt. So sann er im Stillen auf Erfindungen und Entdeckungen und ging aus, um die Verwirklichung eines neuen Ideals der Menschbeglückung zu suchen, das rvhe, geringwerthige Metall der Gegenwart zum Golde eines besseren, reicheren Daseins zu verwandeln. Vieles hat er auf seinem Wege gefunden, im angestrengten Sinnen und Denken hat er eine Fülle von Erwerbungen gemacht, die geistigen und >»ateriellen Reichthümer haben sich ihm gehäuft. Nur eines ist ihm noch entgangen, eines, das er, weil er es nicht ernstlich gesucht, auch nicht gefunden, eines, das das Salz des Lebens ist und alle Errungenschaften vor Verfall und Fäulniß be-

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