Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1901)
- Date
- 1901-09-06
- Page
- Seite 431 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228456--57896-3294306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
431 sie den alten Witz zn Schanden machen, der einem von ihnen ans die Frage: „Schmul, hast dn ein Bad genommen?" die Gegenfrage in den Mund legt: „Warum? Fehlt denn eins?" Merkwürdig ist es aber doch, daß selbst ein großer Chassidim-Rabbi, der „gute Jüd" aus Husfyatin, der hier augenblicklich residirt, so ohne Weiteres ins Meer hineingeht. Allerdings nur an der Hand seines sogenannten „Schnellgabbe", der ihm während des Badens nicht von der Seite weicht. Dieser Wunderrabbi erregt natürlich hier Aufsehen. Norderney ist nicht Karlsbad, wo man dergleichen zu sehen gewohnt ist. Ein aufgeweckter Frankfurter Knabe, der eine ganz besondere Liebe zum Jüdenthum hat — die freilich in seiner Familie erblich ist -- faßte sich ein Herz und trat auf einem einsamen Spaziergang an den Rabbi mit der kecken Frage heran, ob es deine wahr sei, daß er Wunder thue? Es ist selbstverständlich, daß Dieser die Frage entschieden verneinte. Er verrichte keine Wunder — sagte er gütig, die Hand auf den Lockenkopf des Knaben legend — er sei nur belesen und erfahren in göttlichen und weltlichen Dingen. Deshalb könne er Bedürftigen mit seinem Rath zur Seite stehen. „Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen. Es steht aber doch wohl schief darum." Nicht weniger interessant als dieseist auch eine andere Gruppe unserer östlichen Glaubensgenossen, die sich von der chassidischen itreng abgesondert hält. Sie gruvpirt sich um einen Gaon, h. einem großen talmudgelehrten Rabbi aus Rußland, der einem andächtig lauschenden Auditorio sicher manches „gleiche Wörtchen" sagt, an dem auch ein westöstliches Herz sich errenen könnte, wenn es dasselbe mitanhören dürfte. Aber leider dringen nur abgerissene Brocken ihrer Unterhaltung an mein reformistisches Ohr. Am interessantesten ist s, diese Gruppe aus einem Hügel in den Dünen, wo es recht infam ist, an schönen Nachmittagen zu beobachten, wo sie mit inem Band des Talmud in der Hand — in der kleinen Wilnaer Ausgabe — große Diskussionen abhalten. Angesichts des Weltmeeres kann ihnen ja das „Meer des Talmuds" auch nicht mehr ganz verschlossen sein. Und endlich ist noch eine dritte Gruppe von östlichen Glaubensbrüdern hier zu sehen, die für mich dadurch ein besonderes Interesse hat, daß sie mich au verwandte Er- -cheinungen aus der eigenen Heimath in Sprache und Sitten zemahnt. Ich denke an Chajjiin Grünwald, an Meier Schullopper, an Awromele Pimperl und andere Gestalten, die ich m früheren Jahren den geneigten Lesern vorzuführen gewagt habe. „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten." Diese Gruppe stammt ohne Zweifel aus Galizien oder lngarn. Sie hat den langen Rock und die Schmachtlocken ibgelegt und bemüht sich augenscheinlich, modern und hochdeutsch zu erscheinen. Jndeß ist es mir nur gelungen, einige Zrocken ihrer Unterhaltung zu erhaschen. In einem Streit, >er sich vermuthlich um eine wichtige politische Frage drehte, ucf der eine pathetisch aus: „Gegen dem, wie die Herren behaupten, bin ich einverstanden!" Und der jüngere von den Dreien stimmte begeistert zu: „In dieser Hinrichtung bin ich auch abei!" Nicht so friedlich ging es ein andermal her, allerdings licht am Strande, sondern vor dem Kurhause, wo nach einer weisellos erregten Szene der Senior des Terzetts den Jüngsten, er sich sicher etwas hatte zu Schulden kommen lassen, mit e>em Ausruf niederdonnerte: „lieber Ihnen muß ich dem iafseehause weichen." Sprachs und zog stolz von dannen. Vergeblich habe ich die Namen der drei Männer in der Kurliste gesucht, uni sie zutreffenden Falls in die Liste der originellen Namen einznfüge». die Karl Emil Franzos einst angelegt hat. Aber ich fand sie nicht. Dagegen fand ich einen Kaufmann Schulenklvpper aus Norden dort verzeichnet. Man sieht also, daß nicht blos der Osten ein Recht auf Originalität „in dieser Hinrichtung" hat. Daß es außer den russischen. Polnischen und galizischen auch interessante deutsche Badegäste jüdischer Provenienz in Norderney giebt, brauche ich wohl nicht erst zu sagen. Die Antisemiten neunen ja in ihrer geschmackvollen Weise dieses Seebad mit Vorliebe „die Jndenschwemme". Sie haben sich dafür Borkum auserkoren, mit der poetischen Bitte: O gebt uns doch nur Borkum frei. Ihr hobt ja dafür Norderney. Mit den Juden, die von dieser Scheidung nichts wissen, geht man allerdings in der Antisemitenschwemme zu Borkum nicht so Poetisch um. Es knrsiren darüber hier die seltsamsten, oft auch ergötzlichsten Geschichten, die uns den Beweis liefern, daß die von Borkum Ausgeschlossenen diesen Verlust mit weisem Humor tragen. Machte doch jüngst ein Badegast den übermüthigeu Scherz, dem Ausrufer der Insel — einem der komischsten Originale, die es überhaupt noch giebt — den Auftrag zu geben, nach allerlei Proklamationen von gefundenen oder verlorenen Portemonnaies, von Abgang der Schiffe, vom Anfang der Konzerte u. dergl. noch auszurufen: „Ein Minjam- Mann für Borkum wird gesucht!" Hier heißt es wirklich: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Denn sonderlichen Nutzen wird Borkum diese Judenvertreibung kaum bringen. Jndeß fehlt es auch selbst hier nicht an dergleichen Scherzen. Auch hier trennt der antisemitische Jargon einen Muschelstrand von einem Mauschelstrand. Auch hier soll es drei Lager geben, von denen eins Jütland, das andere Christian!« und das dritte gar Borkum genannt wird. Doch das sind sicher nur Scherze, die der Uebermuth oder die Langeweile hervorbriugen. Denn gerade ans der Seite des Strandes, die man Christian!« nennt, hat ein sehr frommer und ebenso angesehener wie beliebter süddeutscher Rabbiner seinen Strandkorb, und dort, wo Borkum sein soll, wandelt mit Vorliebe eilt bekannter Reformprediger ans Berlin, neben oder hinter dem Chnssidimrabbi aus Husfyatin — in friedlichem Gedränge. Man sieht, die Gegensätze sind hier grell gepaart. Aber was sie alle einigt, das ist das weithin aufrauschende und ausschauernde silbergrane Meer, aus dessen Wellen ihnen entgegensteigt der Athem des ewigen und lebendigen Gottes. Litterarrsche Mittheilungen. — Weiler. Louis: Drei Predigte«, gehalten am Versöhnungstage 5661. Frankfurt a. M., Verlag A. I. Hofmaim, 1901. Der in stiner Gemeinde als Prediger geschätzte Verfasser bereichert durch seine drei Neben die Predigllitteratur um einen werthvollen Beitrag. Die Neben zeichnen sich durch originelle Gedanken ans und sind geistvoll dnrchgeführt. In treffender Weise versteht der Verfasser auf die in der Gegenwart in unserer Mitte und allerorts sich leider so breit machenden „Giftpflanzen" und deren schädliche Wirkung auf das Iudenthum hinzuweisen. Die schwungvolle, aus einem religiösen Herzen kommende Sprache, die die Hörer sehr zn fesseln vermochte, verfehlt auch ihren Eindruck auf den Leser nicht. Die Predigteil verdienen als Zeitstimmen allseitige Beachtung.