Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1901)
- Date
- 1901-09-06
- Page
- Seite 430 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228456--57895-3294305- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
430 machen könnten? Um mit Racine zu sprechen »le eonibat C688a fnnte äo eomlwtlants^. Was würde mit den Preßvrganen geschehen, die blos vom Judenhaß leben, für welche der Antisemitismus die melkende Kuh ist, die nie versiegende Quelle fetter Dividende? In der That eine höchst verzwickte, geradezu verzweifelte Lage. An wem werden nun die Antisemiten ihr Müthchen kühlen, wen werden sie zum Gegenstand fauler Witze, billigen Spottes machen, an wem werden sie die Schärfe ihres Geistes, die Wucht ihrer Fäuste erproben? Und was soll mit dem Ritualmord geschehen, was wird aus der Blutlüge werden, wenn es keinen einzigen Juden mehr geben wird, gegen den man diese ungeheuerliche Anklage erheben könnte, wenn diese unseligen Kinder Israels absichtlich von der Oberfläche der Erde sich verduftet haben, um den übrigen Bewohnern die frohe Laune des Hetzens zu stören? Nicht blos durch ihre Gegenwart, sondern noch mehr durch ihre Abwesenheit haben diese „verfluchten Inden" ihre Nebenmenschen chikanirt. Ich hatte Schakir Pascha gegenüber alle diese und ähnlich humoristisch gefärbte von Selbstironie durchdrungene Betrachtungell auseinandergesetzt. Er lächelte leichthin und sagte darauf in sehr ernstem Tone: „Ich bin fest überzeugt, daß das gänzliche, absolute Verschwinden der Juden von den verhängnißvollsten Folgen für die gesammte Menschheit begleitet sein würde und müßte. Ich will durchaus nicht behaupten, daß die Juden das Salz der Erde bilden, es ist aber unzweifelhaft, daß sie als Hefe dienen, ohne welche der Teig der Menschheit nicht „aufgehen" würde. Unter ihrer Abwesenheit würden nicht allein Handel, Industrie und Finanzen erheblich leiden, sondern auch auf dem Gebiete der Knust, Wissenschaft, Litteratur und Journalistik eine sehrbedenkliche Störung eiutreten. In der Entwickelung der Menschheit wurde sich eine Stockung bemerkbar machen, unter deren Einfluß der Fortschritt und die Kultur sehr empfindliche Einbuße erleiden müßten. Die Juden bilden einen gewissen Faktor, ohne welchen die Menschheit fast nicht denkbar ist. . . Doch haben wir uns hier in Erörterungen einer Hypothese eingelassen, welche schwerlich je Wirklichkeit werden dürfte." Aus diesen Bruchstücken der Ansichten des türkischen Diplomaten können die Leser einige Schlußfolgerungen über die Persönlichkeit und den Charakter von Schakir ziehen. Wie dieser iebe, herzige Mann, nachdem er späterhin zum Diktator der Insel Candia ernannt, uni den Aufstand der Candioteu niederzudrücken, solche Grausamkeiten verüben konnte, wie man sie dem einstigen Henker der Niederlande Herzog Alba zuschreibt, ist mir unbegreiflich, wie ich mir überhaupt diesen freundlichen, gutmüthigen Mann nicht als das erbarmungslose Raubthier denken kann, wie ihn die Zeitungen schilderten, als er den Aufstand in einem Meere von Blut unterdrückte. Ich kannte diesen „Henker von Candia" als einen der liebenswürdigsten, gütigsten Menschen, stets hilfsbereit. Noch zu lindern, Thränen zu trocknen, und der nie ein hartes, rauhes Wort, selbst seinem niederen Dienstpersonal gegenüber gebrauchte. Und dieser Mann soll ün Blute der Insurgenten gewaltet, kaltblütig Todesurtheile unterschrieben, Massenhinrichtnngen ungeordnet haben? Seltsamer Widerspruch, unerklärliches Räthsel, merkwürdiger Dualismus des menschlichen Herzens! Der berühmte Feldherr war in Bezug auf mich von einergeradezu rührenden Güte und behandelte mich mit einer Freundschaft, die mich wahrlich oft beschämte. Er, der illustre Marschall, mir, dem obskuren Publizisten gegenüber! Viele beneideten mich um das Wohlwollen, welches mir Schakir Pascha bei jeder Gelegenheit erwies. Freilich habe ich seine Freundschaft nie mißbraucht und nie bei einer Gelegenheit seine Güte in Anspruch genommen, wie Sie aus folgender Episode ersehen werden, die ich mir erlaube, hier eingehend wiederzugeben, da sie den Charakter und die Herzensgute von Schakir kennzeichnet. (Schlus; folgt.) Badrbriefe. ii. Norderney, im August. er erste Tag am Meere .... Ein heftiger Nordsturm peitscht die Wogen und rast über den Strand durch die Insel ... Es ist ein fürchterlich schöner Anblick. Und man braucht wahrlich kein aus der Kutte gesprungener Theologe zu feilt, um angesichts dieser Wogenbrandung jener Schilderungen der Psalmiften und Propheten zu gedenken, in denen die Schrecken des Meeres in so schauerlich erhabener Weise vorgeführt werden. Wählen sie doch mit Vorliebe, wenn sie den Zorn Gottes darstellen wollen, gerade dieses Bild. Aber auch für seine allwaltende Liebe wissen sie keinen schönern Vergleich als den mit dem weithin anfranscheuden Meere. Es ist nicht uninteressant, daß Salomo Gabirol, der neuhebräische Dichter des zwölften Jahrhunderts, und William Shakespeare dasselbe Bild für denselben Gedanken gebrauchen: „Tenn meine Liebe ist wie das Meer — je mehr ich geb', je mehr auch habe ich." Und auch Jehuda Halevi hat in seiner Schilderung des Seesturms ein ähnliches Bild. Am häufigsten gebrauchen die alten wie die späteren Dichter das Bild voll dem Sand am Meere für den Begriff der Uuzählbarkeit und für die große Zukunft Israels. Und da vom Erhabenen zum Lächerlichen bekanntlich nur ein einziger Schritt ist, so muß ich unwillkürlich daran denken, welchen Eindruck die Erfüllung dieser Verheißungen — in zionistische Nähe gerückt — auf unsere Gegner Hervorbringen müßte, die schon jetzt, wären sie etwas mehr bibelkuudig, zürn Mindesten ans Norderney des Propheten Zephanja Verheißung auzuwenden bereit wären: „Dann wird der Landstrich am Meere dem Ueberrest des Hauses Juda zufallen!" (2. 7.) Allerdings wenn man die Kurliste durchgeht, wird mail von dem Jrrthum geheilt. Aber am Strande hat man wirklich oft den Eindruck, als sei die Zahl der jüdischen Badegäste eine recht große. Es scheint also, daß die Liebe zum Meere noch als ein Erbe alter Zeit auch in den modernen Juden fortlebt: ja selbst in solcher:, die die Last dieses Erbes von sich geworfen und sich seitwärts in die Dünen geflüchtet haben. Viel merkwürdiger ist es freilich, daß diese treue Liebe zu dem „aufgeregten Meere" in dem Kreise unserer unglücklichen Glanbensbrüder noch mächtig fortlebt, denen der billige und schnöde Volkswitz Wasserfurcht auf der einen und Wasserscheu auf der andern Seite nachsagt. Auch an solchen Gestalten fehlt es nicht im Revier, und zum Aerger mancher Assimilations- Hyänen kann man diesen Leuten nicht das Geringste nachsagen. Sie sind sauber gekleidet, sie benehmen sich ruhig und bescheiden. Selbst der verbohrteste Antisemit könnte nichts an ihnen aus- ^etzen, als ihre — Existenz an sich. Und in das Wasser gehen sie so gern und muthig wie nur irgend ein Urgermane, indem