Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1901)
- Date
- 1901-09-06
- Page
- Seite 429 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- Baku 1× ep/1000527
- Odesa 1× ep/1000834
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429 wo sie jeder Zeit alle bürgerlichen Rechte genossen, und wo man sie nicht als mindere Rasse betrachtet. Freilich, giebt es auch Ausnahmen, jedoch glauben Sie mir, in solchen Fällen tragen die Juden meistentheils selbst Schuld daran, indem sie resolut alle Maßregeln, welche die Assimilation bezweckten, mißachteten." „Wenn die Israeliten der Türkei," fuhr nach einer kurzen Pause Schakir Pascha fort, „sich bestrebt hätten, die Landessprache zu erlernen, sich das Türkische in Wort und Schrift anzueignen, so wäre ihnen der Weg zu allen Staatsfunktionen sperrweit eröffnet. Ich habe selbst unter Israeliten zahlreiche Freunde, unter Anderen einen Flügeladjutanten des Sultans Abdul-Hamid, einen glänzenden, vielversprechenden jungen Offizier, der zu meinen intimsten Freunden gehört, und den ich ebenso liebe wie hochschätze. Noch andere Israeliten nehmen hervorragende Stellungen im Staatsdienste ein, haben die Stufenleiter der Hierarchie dank ihrer Verdienste erklommen. Da haben Sie noch einen Beweis der bei uns in den höchsten Sphären herrschenden Toleranz. Als die Washingtoner Regierung bei der hohen Pforte anfragte, ob es ihr genehm sein würde, als diplomatischen Vertreter der Vereinigten Staaten von Nordamerika einen Israeliten anzunehmen, erfolgte die Antwort, daß die Pforte in der Religion des Diplomaten kein Hinderniß zur Besetzung dieses Postens sehe, und der Jude Strauß ward als amerikanischer Gesandter in Konstantinopel akkreditirt. fl Was glauben Sie, würde irgend ein christlicher Staat einen Juden als diplomatischen Vertreter arceptirt haben?" Selbstverständlich, daß ich aus diese etwas sarkastisch angehauchte Frage meines „Cousins" keine Antwort ertheilen tonnte. Und ich blieb sie ihm daher schuldig, selbst in der gvlge, als ich ihn häufig in seiner Stadtwohnung besuchte oder in seiner prächtigen Villa auf der Kameniostrow'schsn gnsel. Schakir Pascha liebte zu „philosophiren" und war überhaupt ein sehr angenehmer Gesellschafter, da er viel gesehen und erlebt. In unseren Gesprächen berührten wir auch häufig uie Judenfrage, welche in der letzten Zeit überhaupt sehr akut geworden war. Selbstredend, daß Schakir gleich allen wohldenkenden /eilten die gewaltsamen Ausschreitungen das Janhagels im -üden Rußlands resolut mißbilligte und gleichfalls die leidenhaftlichen Ausfälle einer zügellosen Hetzpresse einer schonuugsosen Kritik unterzog. Diese Skandalpresse, zur ewigen Schmach nr das gedruckte Wort, hatte sich die Aufgabe gestellt, die 'estialischen Leidenschaften des Plebs zu entfesseln und stellte esolut die Frage des melancholischen Dänenprinzen mit einer er Gelegenheit angepaßten leichten Variante „Hauen oder acht hauen?" Unter diesem Titel erschienen sogar Schandrtikel in mehreren Zeitschriften, und es braucht nicht näher fl Unser Glaubensgenosse verblieb auf diesem hohe» Posten etliche >ahre, kehrte jedoch dann, wegen zerrütteter Gesundheit, nach Amerika urück. Gegenwärtig hat der Präsident Mac Kinleh Herrn Strauß bermals zum amerikanischen Gesandten bei der Pforte ernannt, wozu bermals die Einwilligung des Sultans eingrholt wurde, die auch fort ohne Widerrede ertheilt ward. Vor einigen Jahren hatte ich as Vergnügen, in Wiesbaden die Bekanntschaft der Familie des "disch-amerikanischcn Diplomaten zu machen und kann sagen, daß iese auf Alle, die sie näher kennen lernten, einen ungewöhnlich ü-nistigen Eindruck hervorbrachte. Sämmtliche Glieder dieser »lüsternste» Familie zeichneten sich durch bemerkenswerthe Bescheidenheit und Einfachheit aus. auseinaudergesetzt zu werden, daß auf diese variirte Hamletfrage eine bejahende Antwort erfolgte. Und als der Janhagel in Odessa. Baku, Elisabethgrad und anderen Orten die Thesen der Hetzblätter in die Praxis anwaudte und eine lange Serie sogenannter „Judenkrawalle" inszenirt wurden, wurden noch die Juden für diese Ausschreitungen zur Verantwortung gezogen und empfindlich bestraft, weil sie sich zu vertheidigen wagten.... Dieses Thema, das dazumal ganz besonders an der Tagesordnung war, diente als Gegenstand der Unterhaltung zwischen Schakir und mir. Ich erinnere mich, daß er mir eines Tages während eines längereil Spazierganges in den schattigen Alleen der Jelupiniusel Folgendes sagte: „Stellen Sie sich vor, daß an einem schönen Tage zufolge irgend welcher außerordentlichen Umstände alle Juden ausnahmslos von der Oberfläche der Erde verschwinden sollten, welche Folgen ivürde denn nach Ihrer Ansicht ein solches Ereigniß für die übrige Menschheit haben?" „Ich glaube," erwiderte ich lachend, „daß die übrige Menschheit dieses Ereigniß mit dem Ausrufe begrüßen ivürde, mit welchem, nach den Worten des Fürsten Bismarck, die Kulturwelt die Nachricht von seinem Hinscheiden aufnehmen würde: „Wenn," sagte der eiserne Kanzler, „die Welt von meinem Tode erfährt, so werden Alle sagen: Uff! ein Stein ist uns vom Herzen gefallen! Endlich sind wir dieses Alpdrücken, das uns so lange heimgesucht, los!" So würde auch die Menschheit in Bezug auf die Juden ausrufen, wenn in der That durch irgend ein wunderbares Elementarereigniß die gesammte Judenschast der Erde Plötzlich spurlos verschwände. Uff! würden Alle sagen, endlich sind wir sie los!" „Ich theile Ihre Ansicht nicht," sagte nachdenklich Schakir, indem er langsam die Asche von seiner Cigarre abschüttelte. „Ich will zugeben, daß vielleicht im ersten Augenblicke Alle frei aufathmen würden, gleichsam als seien sie von einer drückenden Last, von einem Canchemar befreit und würden sich sehr wohl fühlen. Doch gar bald würde sich die komplette Abwesenheit der Juden fühlbar machen, ganz abgesehen davon, daß die Menschheit ihres einigen Sündenbocks verlustig ginge, dem man die Verantwortlichkeit für alles unfern Planeten und dessen Bewohner treffende Unheil aufbürden könnte, dem mau die Schuld in die Schuhe schieben könnte für verheerende Feuersbrünste und Ueberschwemmungeu, Krieg und Pestilenz, Eisenbahnkatastrophen und Dampferkollision, Mißernte und Hungersnvth, Handelskrisen und Finanzmisere und dergleichen Ereignisse mehr. Was würde denn mis unseren Antisemiten werden, wenn man ihnen die Zielscheibe ihres Haffes und Spottes, ihrer Hetzereien und Verfolgungen nehmen würde? Diese Unglücklichen würden ja dann ihre Existenzberechtigung verlieren, und gleich dem Shakespeareschen Helden, der a lcing- <lom toi' n Inn-86 bot, würden sie rr kingclom t'or a .lew bieten!" Ich konnte mich herzlichen Lachens nicht enthalten bei dem Gedanken, in welche trostlose Lage der internationale Antisemitismus durch das Verschwinden der Juden versetzt werden würde. In der That, was würden die Lueger und Drumont, Schneider und Vergani, Rochefort und Stöcker, Liebermann v. Sounenberg und Tuttiguanti beginnen, wenn sie erst keine Juden vor und unter sich hätten, die sie nach Herzenslust Hetzen, denen sie alle möglichen Verbrechen und Laster aufbürden, die sie für eigenes Verschulden verantwortlich