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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-06 · Heft 36 (6.9.1901) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 36 (6.9.1901)
Date
1901-09-06
Page
Seite 428 (sequence 10)
Language
German
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428 Eine Jüdin auf dem Throne non Bulgarien. „Hevne des Leoles de l'^Iliance Isiaelile", eine neue Mid sehr interessante Zeitschrift, bringt uns in ihrer zweiten Nummer die Nachricht, daß eine Jüdin auf dem bulgarischen Thron gesessen hat, und zwar war dies die Gemahlin Iwan Alexanders, welcher 1331 — 1335 regierte. Natürlich hatte Theodora — das war ihr geschichtlicher Name — bevor sie mit der Königskrone geschmückt wurde, den Glauben ihrer Väter ablegen müssen. Die Erinnerung an sie, der man den Beinamen der „schönen Jüdin" beigelegt hatte, ist in Bulgarien rege geblieben. Ein Professor der Theologie, Christo I. Popoff, hat in einem Merkchen die historischen Beweisstücke geliefert, und aus diesen ließ sich unschwer das Bild zusammensetzen, welches uns jene Esther auf dem Throne in wahrheitsgemäßer Darstellung wiedergiebt. Ihr Geburtsname war Sara, und sie war eine so strahlende Schönheit, daß der König, als er sie zum ersten Male bei irgend einer Gelegenheit sah, sofort sich in sie verliebte und alle Hindernisse aus dem Wege räumte, um sie zu seinem Weibe zu machen. So trug er kein Bedenken, sein ihm rechtlich angetrautes Weib Theodora, die Mutter seiner Kinder, zu verstoßen. Wir erwähnten bereits, daß Sara ihren Glauben ablegen mußte; sie trat zum Lhristenthum über und wurde als Theodora, unter dem Namen der ersten Frau des Herrschers, auf den Thron erhoben. Die Juden, welche in dem zur Zeit mächtigen Bulgarien lebten, und deren Vorfahren vor mehreren Jahrhunderten aus Byzanz und Saloniki eiugewandert waren, hatten jedoch durchaus keine besondere Veranlassung, sich über die glänzende Auszeichnung, welche ihrer früheren Glaubensgenossin zu Theil geworden war, zu freuen und auf Grund der Thronerhebung derselben Vergünstigungen für sich zu erhoffen. Die Königin wurde eine fanatische Christin und verstand es entweder nicht, oder wollte auch nicht den Verfolgungen wehren, unter denen auch dort die Juden zu leiden hatten, denen man gleich wie den Ketzern zum Vorwurf machte, daß sie die orthodoxe Religion verhöhnen. Immerhin gelang es der Königin, für drei Juden in Tirnowo — der Hauptstadt des Königreichs, in der die Juden in einem eigenen Viertel am Fuße der Citadelle Trapetiiza wohnten — die Todesstrafe, zu der sie wegen Gotteslästerung verurtheilt waren, in schwere Körperstrafen umzuwandeln. Allein der Bevölkerung war diese Milde nicht genehm. Die Menge stürzte sich auf sie, als sie zum Nichtplatz geführt wurden, zerhieb den Einerl, zwang den Zweiten, sich taufen zu lassen und schnitt dem Dritten Zunge und Ohren ab. Der Friedhof der jüdischen Gemeinde in Tirnowo reicht bis zu diesen: Zeitpunkt zurück und besteht noch; die Gemeinde selbst löste sich auf, und die Mitglieder derselben wurden nach allen Richtungen hin verstreut. Tirnowo sah seit dieser Zeit keinen Juden als ständigen Einwohner ir: seinen Mauen: wieder, obwohl längst die Herrschaft des Landes von den Slaven an die Türkei übergegangen ist. Diese Thatsache ist um so bemerkenswerther, als andere Städte des bulgarischen Reiches größere jüdische Gemeinden haben, deren Mitglieder in Ruhe und Frieden leben und sich der Wohlthaten der Landesgesetze erfreuen. N. 8. LlNUL'rOdl Der türkische Diplomat und die russische Jüdin. Eine Episode aus dem Leben von Robert Jljisch. III. /Ass entspann sich nun zwischen uns eine lebhafte Unter- Haltung. Schakir Pascha drückte mir kräftig die Hand und sagte mit dem ihm eigenthümlichen, bezaubernden Lächeln, das sein sonst ernstes und durchaus nicht hübsches Gesicht verschönte und verklärte, gleich einem goldenen Sonnenschein, der über eine düstere Herbstlandschaft huscht: „Im Grunde genommen, sind wir ja nahe Verwandte. iXous sommss ries consins gsrmains. Obwohl unser gemeinschaftlicher Ahn, der augenscheinlich schon das französische Sprichwort kannte „es gus Ismrus vsut — Oien Is vsut", gegen meine Stammmutter nicht sehr galant handelte und sie mit ihrem minderjährigen Sohne Ismail (der unser Urahn wurde) aus perfides Anrathen seiner legitimen Ehehälfte aus seinem Zelt verjagte und derartig die Unglücklichen dem Hungertode oder als Opfer den Raubthieren der Wüste Preisgab, nichts desto weniger ist dieser unangenehme Vorfall nicht im Stande, die Bande des Blntes zu lockern. Außerdem passirte das vor so langer Zeit, daß man diese Kollision unserer Ahnen der Vergessenheit anheim stellen dürfte, daher ich Ihnen geradezu heraus sagen kann, daß ich aufrichtiger Judophile bin, wie überhaupt der sonst in vielen Kultnrstaaten epidemisch grassirende Antisemitismus bei uns ganz unbekannt ist. Erstens, weil wir Os inanen in religiöser Hinsicht tolerant sind, und zweitens, weil wir doch selbst Semiten sind. Religiöse und Rassenduldsamkeit ist bei uns ein vorherrschender Zug." Ich erlaubte mir dagegen die Einwendung zu machen, daß die Wirklichkeit nicht immer diesem sv kategorisch ausgestellten Prinzip der Toleranz und Humanität entspreche. „Es unterliegt keinem Zweifel," erwiderte Schakir Pascha, „daß der Islam einst seslssia militans war. und daß er sein Elanbensdvgma sehr eisrig mit Feuer und Schwert verbreitete. Jedoch sind diese Zeiten unwiderruflich dahin, und wir sind jetzt froh, wenn man uns ungeschoren läßt. Die Lage der muselmännischen Türkei in Mitte des christlichen Europa ist eine außerordentlich heikle und wir sehen das sehr gut ein. Daher, wenn wir auch intolerant sein wollten, oder wenn sogar unsere Religion uns Unduldsamkeit zur Pflicht machte, wir schon aus Gründen der Vorsicht nicht in diesem Sinne handeln würden, um nicht den christlichen Mächten einen Vorwand zur Einmischung in unsere internen Angelegenheiten zu geben. Im Rathe der hohen Pforte sitzen Griechen, Armenier und Vertreter anderer Konfessionen. Sogar die Posten von Gesandten iin Anslande wurden und werden nicht selten Christen anvertraut. Und was die Israeliten anbetrifft, so haben sich die Sultane stets sehr gnädig in Bezug auf sie verhalten, der Bande des Blutes eingedenk, welche uns an sie knüpfen. Im Mittelalter, als die Inden im gesammten Kultureuropa den entsetzlichsten Verfolgungen ausgesetzt waren, fanden sie immer eine Zufluchtsstätte und Schutz in der Türkei,

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