Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1901)
- Date
- 1901-09-06
- Page
- Seite 427 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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427 respektvoller, aber keineswegs blinder Benutzung früherer Arbeiten und gesunder Kritik gegenüber Quellen und anderen Autoren. Nur darf man nicht glauben, daß man es hier mit einen, Beitrag zur eigentlichen Mendelssohn-Litteratur zu thu» hat. Denn über die Vermuthung, die Mendelssohn selbst einmal geäußert, daß fein Geschlecht sich auf Moses Jsserles zurückführen lasse, kommt das Buch nicht hinaus. Kann es auch Nachweisen, daß eine sicherlich von dem Letzteren stammende Familie, die des Hoffaktors Moses Benjamin Wulff, in Dessau gelebt hat, so muß es den nvthwendigen Schluß, daß Mendelssohn mit dieser Familie verwandtschaftlich zusammenhing, schuldig bleibe». Die Geschichte dieser Familie, besonders ihres Hauptes, wird anschaulich und gut erzählt. Größe und Fall, Glück und Unglück, Handelsthätigkeit, politische Mitarbeit, Machinationen und Ränke der Gegner, langwierige Prozesse werden geschickt dargestellt. Die ewig geldbedürftigen Kleinen und Großen mn die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts in ihrer Freundlichkeit zu de» Juden, sobald sie von ihnen Geld erhalten, in ihrer Strenge, Schlauheit und Grausamkeit, sobald sie das Geliehene zurückzahlen sollten, werden gewandt, in belebter, keineswegs verkünstelter Darstellung vorgeführt. Das Buch liest sich an manche» Stellen wie ein Roman, — und das ist ein Lob, da es sich um einen guten Roman handelt. Die Fürsten von Gotha und Sachsen, die Hofleute und Richter i» Wien werde» in ihrer ganzen schamlosen Art, Bestechungen zu erbetteln oder zu ertrotzen, das Recht zu beugen, beschworene Verträge zu leugnen, vorgeführt; Helles Licht fällt auf dir Milde, Güte, Menschlichkeit der Dessaner Fürsten, auf die Gerechtigkeit der preußischen Könige. Aber das Buch ist — und auch dies ist sein großer Vorzug — nicht blos ein Beitrag zur äußere», sondern auch zur inneren Geschichte. Der Verfasser hat nämlich nicht blos von den Schicksalen der Inden, von ihren Geschäften, Leiden, ihren angestrengten, oft genug erfolglosen Bemühungen, zu ihrem Rechte zu kommen, vielmehr hat er von der Geschichte der Gemeinden, besonders Dessaus und Berlins, zu reden. Hier handelt es sich gelegentlich um Widriges: Prozesse, Uneinigkeit der Führer, hauptsächlich aber um Erfreuliches, gesunde Entwicklung der Gemeinden und ihrer Institutionen. Der Verfasser weiß mit Hilfe seiner Urkunden und übrigen Dokumente, unter denen auch die Grabsteine und deren Inschriften eine wichtige Rolle spielen, in den alten Gemeinden so gut und besser Bescheid als ein moderner Rabbiner in der Zchaar — ost freilich einer gar zu großen — der ihm anverirauten Seelen. Das Wichtigste und Erfreulichste an dem Buch aber ist, daß es gerade diese aktive Seite in der Geschichte der Juden — denn in ihrem Verhältniß zum Staat, in der sogenannten Politischen Historie sind sie ja meist passiv — lebhaft hervorhebt. Die Abschnitte über die Druckereien in Dessau, Berlin, Halle, geßnitz, Cöthen sind die interessantesten des Buches. Hier so wenig wie bei den früheren Abschnitten soll irgendwie ein Auszug aus den mühevollen und ergebuißreichen Untersuchungen des Verfassers gegeben werden — denn die Leser sollen nicht durch eine Rezension von der Lektüre des Buches dispensirt, ivndern umgekehrt durch sie zum Lesen und Kaufen des Werkes angeregt werden —; es sei nur gestattet, auf wenige Einzelheiten hinzuweisen. Wulff wollte eine Talmudausgabe drucken, gab aber den Plan auf; aus seinen Pressen gingen jedoch viele gelehrte Bücher, gar manche dem praktischen Gebrauch dienende hervor. Zu diesen gehören vor allem Gebetbücher. Es ist bemerkenswerth, daß sich in letzteren gelegentlich deutsche Zusätze, Bemerkungen, Setzerglossen finden, und daß — es handelt sich ums Jahr 1696 — Uebersetzuugsproben Vorkommen. Zwei kürzere Auszüge müssen hier genügen. Der eine ist die Inschrift einer 9jährigen Setzerin (das in Klammerst stehende ist Zusatz des Verfassers unseres Buches): Die teutsche »usirms (Type») Hab ich gesetzt mit meiner Hand. Ella das illauselie (Tochter des Moses) aus Hulland Mein Jahr sein nit mehr as nein Zwischen sechsKindern binich ei» bssjeebiäob (eine einzige Tochter) allein Drum wenn Ihr ein Ions (Fehler) gefint, Sn gedenkt, daß es hat neiert gesetzt ei» Kind. Der andere ist ein Stück aus Arjeh Lobs Uebersetzung der Klagelieder (Jeremias, Kap. 5): Gedenk Gott, was zn uns ist gewesen; Lug' und sieh' unser Lästern und unser Wesen, Oi, wie ist uns gewesen! Unser Erbtheil ist zu Fremden verkehrt geworen, Und zu die uinmnus (heidnische Völker) ist unser Häuser und Thoren; Oi. wie ist uns geworen! . . . Aus unser» Hals hat man uns gethan nachjagen. Den Linas vbinuoin (grnndlosen Haß) haben wir nachgetragen; Oi, wie seinen wir worden geschlagen! Die Mizraim haben wir schon gemacht zu langen, Und 4sebur haben uns wie die Vögel gesangen, Oi, wie ist es uns gegangen! Ich bin nicht so geschmacklos, die vorstehenden Verse als echteste deutsche Poesie auszugeben, und nicht so pietätlos, daß ich mich über die ersten Schritte eines, der gehen will, lustig machen könnte. Wenn ich die oben abgedruckten Verse mittheilte, so geschah es, um zu zeigen, wie ein halbes Jahrhundert, bevor Mendelssohn als erster unter den Inden korrektes Deutsch zu schreiben ansing, Bemühungen vorhanden waren, die Landessprache zu lernen und zn üben. Darauf hingewiesen zu haben, ist Freudenthals Verdienst. Und damit ist die Aufgabe dessen, der neuere Geschichte der Juden, d. h. die nach Auflösung des jüdischen S aatswesens, zn schreiben hat, definirt. Gewiß soll er in erster Linie jüdische Geschichte treiben, d. h. die äußere und innere Geschichte der Juden in der Periode oder dem Landesbezirk, die er sich ausgewählt hat, berichten, losgelöst von allem sonstigen Zeitlichen und Oertlichen. Aber nie soll er vergessen, daß die Geschichte der Juden zugleich Landes- und Geistesgeschichte ist. Sie steht in engem Zusammenhang mit den sonstigen Geschickeil des Landestheils, kann ohne Kenntniß dieser kaum begriffen, jedenfalls nicht recht gewürdigt werden. Sie bildet einen Theil der allgemeinen Geistes- und Kulturgeschichte. Zu zeigen, wie die Juden theilgcnommen an den Geschehnissen des Landes, dem sie durch Geburt angehören, nachzuweisen, wie sie sich bemüht haben, Sprache »nd Kultur, Gewohnheiten und Sitten jenes Landes anzunehmen — bei aller Treue gegen das von den Vorvätern Ererbte — das heißt Geschichte der Jude» in wissenschaftlichem Sinne. Weil Freudenthal mit Erfolg einen Beitrag zu einer solchen zu geben suchte, darum darfei » Buch, in höherem Sinne, als er vielleicht beabsichtigte, den Nebentitel führen: „Aus der'Heimatb Mendelssohns." r-ÄM