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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-06 · Heft 36 (6.9.1901) · p. Seite 425

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 36 (6.9.1901)
Date
1901-09-06
Page
Seite 425 (sequence 7)
Language
German
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425 Sabbaths warnt also vor Verlegung auf den Sonntag, der Charakter des Sabbaths macht sie völlig zur Unmöglichkeit. Der Sabbath ist ein Fundament des Judenthums, der Sonutag eine im Haushalt des Christenthums verhältuißmäßig geringfügige, dem Sabbath Hochgebildete Institution. Mit schärferen Worten: der Sabbath ist kein Sonntag, so wenig wie dieser ein echter Sabbath ist. Um noch einen Beweis aus der Neuzeit zu erbringen, so denke man einmal an die Stimmen evangelischer Theologen gelegentlich der Einführung der jetzigen „Sonntagsruhe" im Rahmen einer Gewerbeordnungsnovelle mit allen ihren polizeilichen Verordnungen über die „äußere Heilighaltung" des Tages. Wie viele Geistliche klagten da über eine unchristliche, rückläufige Tendenz, ein „Judaisiren", vor dem man das Volk bewahren müsse, und machten hämische Bemerkungen über die Todteilruhe und Grabesstille des jüdischen Sabbaths. Der Staat kümmerte sich nicht darum und entlehnte die hohe soziale Tendenz dem Sabbath, um sie zum Wohle breiter Schichten des Volkes zu verwerthen. Und er schloß den Juden (anders als ill Rußland, wo dieser am Sonntag arbeiten darf) mit ein, weil jeder Deutsche vor dem Gesetze gleich ist. Damit ist zwar dem Judenthum eine große Genugthnuug widerfahren und dieses selbst auf den Weg der ideellen Trennung von religiöser Weihe und Arbeitseuthaltung hingedrüngt worden. Niemals aber kann das Staatsgesetz den jüdischen Sabbath aufheberm thun wir selber es, so geht uns eine religiöse Instanz unwiederbringlich verloren, denn die Sountagsfeier im Judentum schwebt ideell und Praktisch völlig in der Luft. Nun wird uns vielleicht die Frage vorgelegt, ob wir denn von der jüdischen Predigt so wenig halten, daß uns ein zahlreicherer Besuch derselben gar nichts gilt? Mit Verlaub, auch wir wünschten, daß die Predigt viel mehr Zuhörer erreichte, als es gewöhnlich der Fall ist; auch wir halten sie, die lebenumspannende geistliche Rede, für ein außerordentlich fruchtbares Element im religiös-sittlichen Leben, das nicht nur erhalten, sondern immer mächtiger gefördert werden sollte. Aber der Preis des Sabbaths ist uns zu hoch. Wie denkt man sich denn wohl die Betheiligung des Rabbiners am Sonntagsgottesdienst? Es ist beschämend, in der ganzen Diskussion über den letzteren dieses Moments mit keiner Silbe gedacht zu finden. Man denkt offenbar, der Rabbiner wird sich ohne Widerrede dem Dekret der Verwaltungsbehörden lügen, er ist fürs Publikum da und hat seine persönliche Ueberzeugung in die Tasche zu stecken, da er sonst um Amt and Brod kommen könnte. Eine edle Auffassung! Woher soll also der Rabbiner, der doch nebenbei auch Gesandter und Bevollmächtigter der Religion ist, seine Themata zum Sonntagsgottesdienste nehmen? Soll er sich dafür bei Herrn Bruno Wille oder Herrn Waldeck-Mattasse Raths erholen? Ich weiß nicht, ob meine Amtsbrüder der Versuchung widerstehen könnten, beim ersten besten Sonntagsgottesdienst von der Heilighaltung des Sabbaths, der doch auch noch zur jüdischen Religion gehören soll, zu reden! Ja, so weit denkt man nicht! Aber das ist gerade das Unglück in unseren religiösen Zustanden, daß der ernstdenkende Fachmann verlacht wird, während man dem oberflächlicher urtheilenden Laien zujnbelt. Nochmals, auch wir stellen die Predigt außerordentlich hoch, aber das ganze Judenthnm gründen wir nicht auf sie. Die Synagoge ist keine evangelische Predigtkirche. Das Judenthum aber ist vor allem eine Geistesreligion, welche Ueberzeugung auf Wissen und Belehrung gründet und in tiefinnerlicher, demüthiger Gottesverehrung und in der freien, sittlichen That gipfelt. Die Sabbathversammlung soll ein öffentliches Dokument des Judenthums sein, die Sabbathpredigt vorzüglich den gemeinsamen Angelegenheiten des Judenthums und seiner Weiterentwickelung auf historischer Basis dienen. Auch der Sonntag nmg uns dienstbar werden, aber anders als es unsere Sonntagsfreunde wollen. Die Vereine fürjüdische Geschichte und Litteratur haben schon einen kleinen Anfang damit gemacht, zunächst die jüngeren Leute zu Sonntagskursen ill hebräischer Sprache und jüdischer Geschichte und Litteratur heranzuziehen. Ihr Programm ist nur zu eng gezogen. Es sollten große Vortragseyklen an den Sonntagen stattfinden, im Sommer ill den Vor-, im Winter in den Nachmittagsstunden, die auch den religiösen, ethischen und kulturellen Gehalt des Judenthnms behandeln und auf alle die Zeit bewegenden Fragen vom Gesichtspunkt unserer Religion einzugehen hätten. In diesen Vorträgen sollten die Lehrer des Judenthums und auch die Gelehrten desselben zum Volke sprechen, und wie wir den jüdischen Volksgeist kennen, würden Viele darill eine schöne Ergänzung der Predigt erblicken. Die Lehrstätte aber soll nicht die Synagoge sein, sondern irgend ein würdiger Saal, auch keine liturgische Formel gemahne all einen vorgeschriebeuen Gottesdienst, denn edle Belehrung über die höchsten Dinge ist Gottesdienst an sich. Von einer großen Voraussetzung sind unsere Ausführungen allerdings eingegeben und unzertrennbar, aber an ihr halten wir fest, solange sich nicht etwa das große deutsche Judenthum auf einer Synode dagegen erhebt, daß nämlich der Sabbath noch immer tief in der Seele des Juden wurzele. Eine mehrtausendjährige Institution, die dem Judenthum zum guten Theil sein Gepräge verliehen hat, die dieses mit so vieler Schönheit umkleidet, dem es sein Denken und Fühlen gewidmet, und für die es gestritten und auch gelitten hat, die kann eine Gewerbeordnungsnovelle nicht aus dem Boden heben. Frage sich jeder Jude ehrlich, ob es ihm um den Sabbath nicht leid thäte, und ob er in der Sonntagspredigt einen vollgiltigen Ersatz für das, was man Sabbath heißt, erblicken kann! So lange auch nur eine dunkle Erinnerung all den echten Sabbath in unserer Brust lebt, werden wir jedes Mittel willkommen heißen, ihn zu erhalten, keines, ihn nur zu ersetzen. Ein altes talmudisches Wort besagt: Ein Gesetz, für das die Israeliten jemals die Seele hingegeben haben, ist desto befestigter bei ihnen. Ihn wirklich zu befestigen, und ihn unserem Denken und Wollen näher zu bringen, müßte aber unsere Lehre von ihm auf dem angedenteten Wege wandeln. Wir dürfen den Sabbath nicht rigoros ill Gegensatz zur Wirklichkeit und Möglichkeit bringen, ihn als den Tag der absoluten Arbeitseuthaltung hiustellen, die geringste Beschäftigung als Verbrechen und Aufhebung seiner Weihe brandmarken. Ist der Sabbath ein Gläubiger, dem wir Tausende schulden, so mögen wir ihm Hunderte abzahlen, aber den Schuldschein sollen wir anerkennen! Die ganze Religionsgeschichte, den Talmud eiugeschlofsen, redet für Zeiten schwerer religiöser Krisen, wie es die unsere ist, eine mildere Sprache. Wer es vermag, soll beim Li'lwmmn' as siunn lmselmbbos ill vollem Umfange bleiben, der Andere versäume niemals das Koelunn'! Religion ruht im Gemüth, von dort strömt die Weihe und Heiligung aus. Rufen wir das jüdische Volksgemüth zuHilfe, und der Sabbath wird auferstehell. Der Tag

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