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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-06 · Heft 36 (6.9.1901) · p. Seite 424

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 36 (6.9.1901)
Date
1901-09-06
Page
Seite 424 (sequence 6)
Language
German
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424 „Unser Land (d. h. Argentinien) hat das große Glück gehabt (!nr temäo Irr bneno iol-tliinl), von dern menschenfreundlichen Baron Hirsch ansgewühlt zn sein, um hier seinen Glaubensgellossen, die Rußlands müde waren, Kolonien zu errichten. Möge es für sie daS „verheißene Land" sein, und sie werden den Vortheil, den sie aus unserer Gastfreundschaft ziehen, reichlich durch Liebe, Arbeitsamkeit und Intelligenz wieder erstatten." Ruhe dem Ruhetage! Von Rabbiner Dr. Samuel in Essen.!!. s mag sein, daß unsere Ausführungen für den ersten Blick etwas Befremdliches haben und nicht voll befriedigen. Gehen wir aber einmal daran, aus unseren Voraussetzungen und positiven Elementen den heutigen Sabbath aufzubauen, und inan wird sich eher mit ihnen befreunden; auch ist hier die Probe aufs Exempel. Der unermeßlich wichtige, unentbehrliche, urjüdische Freitag- Abend bleibt in seinem ganzen Umfange bestehen. Er ist das feierliche Portal, das ins Heiligthum führt, und das auch dann erhaben auf uns einwirken kann, wenn sich uns die inneren Gemacher nicht aufthun. Wer sich den Freitag Abend mit seinem Glanze und seiner Poesie entgehen laßt, wer ihn nicht nutzbar für sein ganzes Hans zu gestalten weiß, ist arm mitten im Neichthum. Von einer Vorfeier am Sonnabend ist noch nichts nerlautbart. Der Hanptgottesdienst am Sabbath sei sodann möglichst vor der Hanptgeschäftsstunde beendet; er sei feierlich und eindringlich. Zur Theilnahme aber ist Jeder eingeladen, Jeder berufen. Das geöffnete Gotteshaus bleibe eine stete Mahnung für Alle; ihm ist es sogar gestattet, wegen der Erhebung zum Höchsten, die es vermittelt, auch Opfer zu vei> laugen. Wir sind die Letzten, die nur zufrieden sind, wenn uns unser Judenthum möglichst sauer gemacht wird, und die der Entbehrenden nur Gottes willen besonders bestaunen; aber mit der Bequemlichkeit oder Opportunität in einer so wichtigen Sache ist es doch auch nicht gethan. Wir rechnen also zunächst auf den kleinen, nie fehlenden Grundstamm Frommer, ans innerem Bedürfnis; erscheinender Beter; daß ihre Zahl immer mehr schwinde, ist eine leere Behauptung. Dann aus die minder Beschäftigten, die Wohlhabenden, die sich leicht einmal in der Woche vertreten lassen können. Schließlich aber auch auf die für gewöhnlich Vollbeschäftigten, die sich bei ernstem Willen so manchen Sabbath schenken könnten. Wie z. B., wenn ein ernster Gedenktag unsere Fleißigen ins Gotteshaus ruft oder ein frohes Familienfest? Wie, wenn er Zeit haben muß, gerichtliche Termine wahrzunehmen, oder sie sich nimmt, um drei bis vier Wochen ins Bad zu reisen? Dies sei in der geschäftsstillen Zeit! Nun, in der geschüftsregen, etwa vor den Festen, werden die Synagogen auch am Sonntag nicht überfüllt sein. Hinznkommen fürs Gotteshaus noch Jugend und Alter, die „Freunde des Herrn". Müssen sich unsere „höheren" Sohne und Töchter auch mit dem Jugendgottetzdienst begnügen, so haben sie doch den Freitag-Abend und den Sabbath- Nachmittag; es giebt wohl nicht viele israelitische Eltern, die ihren Kindern an letzterem ihre Schularbeiten zu machen erlauben. Wie wir im Uebrigen den Forderungen des Sabbaths gerecht werden, wird Sache unseres religiöser! Standpunkts sein. Ehre Denen, die nicht nur wie wir Lehrer der Religion selbstverständlich, sondern unter wirklichen, materiellen Opfern den Sabbath auch durch strenge Arbeitsenthaltung begehen. Ihre Schaar mag klein sein, aber sie ist beachtenswerth. Sie kann kaum verlangen, daß Jedermann, auch der, welcher von anderer Ueberzeuguug ausgeht, den Sabbath in ihrer Weise feiere; das aber kann sie bei einer so eminent öffentlichen Sache wohl verlangen, daß man ihr den Sabbath nicht geradenwegs zerstöre. Mit welchem Gefühl soll der Sabbathfreund den Ruhetag feiern, wenn er die Synagogen am Sonntag sich öffnen, also innerhalb der Gemeinden eine Sektenspaltung sich vorbereiten sieht, da doch mindestens die gesammte deutsche Judenheit vorher in irgend einer offiziellen Weise über die Verlegung des bisher heiligsten Tages gehört werden mußte! Der Idee nach sei Sabbath für den Juden auf dem ganzen Erdenrunde! Amerika kann uns nicht kümmern; auch Treue und Tradition haben ihren Werth. — Geht nun der Sabbath zur Neige, so kann Jeder die Weihezeremouien der Ausfeier zu seinem und zum Herzen seiner Kinder sprechen lassen und um Segen für die kommende Woche beten. Der darauffolgende Sonntag bringe dann die soziale Ergänzung, die staatlich gebotene Einschränkung der Geschäfte. Wie auch dieser Tag religiös nutzbar gemacht werden kann, davon unten ein Wort; eine sabbathliche Feier in gottesdienstlichen Formen müssen wir ihm als Juden versagen. Wenn wir es auch nach dieser speziellen Darlegung als widerspruchsvoll oder doch mißlich empfinden, daß zwei so nach Vereinigung strebende Momente, wie Weihe und Arbeitsenthaltung, über zwei Tage vertheilt werden sollen, so bedenken wir nur immer, daß wir Judeu und Deutsche sind und sein wollen, aber niemals Juden und Christen zugleich sein können! Zu dieser thörichten Faree führt aber die jüdische Sonntagsweihe. Es ist eine Selbsttäuschung, wenn man. wie unser Verfasser, den Sonntag nur als den staatlich-sozialen Ruhetag anspricht und vergessen machen möchte, daß er auch der christliche Sabbath ist. Daß er es ist, weiß die gesammte Kirche, gerade so, wie Weihnachten das Geburtsfest des Stifters des Christenthums ist, wenn es auch weihnachtsbaumliebeude jüdische Eltern gern zum altdeutschen Winterfest umstempetn möchten. Und Luther war ehrlich genug, in feiner Schrift: „Daß Jesus ein geborener Jude gewesen" einzngestehen: „Wer aber ein nöthig Gebot will aus dein Sabbath machen, als ein Werk, von Gott erfordert, der muß den Sonnabend halten, und nicht den Sonntag, denn der Sonnabend ist den Juden geboten, und nicht der Sonntag." Nun wollen wir aber ans dern Sabbath ein nöthig Gebot machen, zumal uns Juden die Ehre gebührt, den Sabbathgedanken geboren und mit allen seinen Segnungen der Welt gebracht zu haben. Es kann uns nicht kümmern, daß die Kirche sich ziemlich leicht mit ihm abgefunden hat und auf dem Konzil von Nieäa E'25) den llws als geeigneter für den Sabbath erklärte, ausgesprochenermaßeu. damit der Christ nicht mit dem verhaßten Juden zusammen feiere. Denn wirklich, nur uns Juden ist er ein „Zeichen des Bundes", d. h. das Zeichen der reinsten und höchsten Geistesreligion, die mit dem allwöchentlichen Sabbath die unbedingte Zusammengehörigkeit der menschlichen Seele und der menschlichen Ideale mit der Gottheit laut und öffentlich bekunden wollte. Nur mit falscher Selbstverleugnung und nicht ohne Selbsterniedrigung können wir uns des Sabbaths begeben. Der Stolz muß es uns gebieten, daß wir als das historische Gottesvolk den echten und historischen Gottestag wie bisher feiern. Die Geschichte des

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